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a Vela - das Kunstmagazin
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02.12.2002
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Der Maler der Einsamkeit
Der norwegische Maler Edvard Munch gilt als Vorläufer des Expressionismus. Sein Bild "Der Schrei" ist eines der bekanntesten Werke der Kunstgeschichte.
Von Boris Hänßler
Intensiv wie kaum ein anderer Künstler konnte der Norweger Edvard Munch Schmerz, Angst und Einsamkeit in seinen Bildern darstellen.
Bekannt wurde er in Deutschland vor allem, als er einen Teil seines Werkes 1912 in der Kölner Sonderbund-Ausstellung präsentierte. "Ich habe einen sehr großen Saal 10 x 15 m bekommen den größten Saal der Ausstellung," schrieb Edvard Munch stolz an seinen Freund, den Dichter Jappe Nilssen, nachdem er aus Norwegen zur Hängung seiner Bilder eigens nach Köln gereist war. Der Kurator der Ausstellung, Richard Reiche, gewährte Munch dreißig laufende Meter Wandfläche, Platz für rund 25 Gemälde. Es wurden dann doch 32 ausgestellt, die einen umfassenden Überblick über Munchs bisheriges Werk gaben.
Die Ausstellung in Köln sollte die expressionistische Bewegung in der Malerei darstellen, also die Künstler, die bestrebt waren, den Impressionismus endgültig zu überwinden. Van Gogh, Cézanne und Gaugin wurden als die wichtigsten Einflüsse auf die neue, junge Malergeneration gesehen. Entsprechend widmete man diesen Künstlern den größten Raum: Von Van Gogh waren 107 Gemälde und 17 Papierarbeiten ausgestellt, von Cézanne 24 Gemälde und 2 Aquarelle und von Gaugin 20 Gemälde und 4 Papierarbeiten.
Von den noch lebenden Künstlern hatten nur Picasso und Munch einen eigenen Saal zugesprochen bekommen. Der Spanier stellte 13 Gemälde und 3 Gouachen aus. Für Munch waren 25 Bilder geplant. Für Reiche war der Norweger ein besonders wichtiger Vorreiter des Expressionismus. In einem Brief an Munch schrieb er, dieser stünde für Ziele ein, "deren Verwirklichung die ganze Entwicklung der modernen Kunst zuzustreben scheint."
Munchs Gemäldeauswahl kam einer Retrospektive gleich. Er wählte Bilder aus der Zeit von 1889 bis 1912 aus. Seinen Raum in Köln gestaltete er mit weißen Wänden, schwarzen Türrahmen und schwarzem Fußboden. Er hängte die Bilder sowohl unter Berücksichtung des Formates wie auch der Thematik auf. Eine Wand widmete er seinen großformatigen Porträts, etwa dem Bildnis des norwegischen Konsuls Christen Sandberg (1901) oder dem seines Freundes Jappe Nilssen.
Reiche sollte Recht behalten. Edvard Munch wird heute als einer derjenigen Maler angesehen, die den Impressionismus überwunden haben. Paul Cézanne hatte zuvor die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vorherrschende Maltechnik bereits auf seine Weise erneuert. Er brachte mehrere Perspektiven in einem Bild unter. Seine Bilder basierten auf der Idee, einen Gegenstand so zu zeigen, wie ihn der Mensch in seinem Gedächtnis speichert.
Dort finden sich mehrere Informationen. Ein Stuhl wird nicht so gespeichert, wie er auf einer Fotografie zu sehen ist, sondern abstrakter, als eine Fülle unterschiedlicher Perspektiven. Die Impressionisten sahen das zwar ähnlich, doch blieben sie der traditionellen Raumillusion und Perspektive treu. Cézanne sollte mit seinen Bildern, die viele Museumsbesucher seiner Zeit schlicht als schief und dilettantisch ansahen, den Kubismus vorwegnehmen.
Van Gogh schlug einen völlig anderen Weg ein. Er wollte den Betrachtern die Schönheit eines Objektes zugänglich und ihn die Faszination spüren lassen, die er selbst beim Betrachten empfand. Er bediente sich leuchtender, starker Farben. Außerdem nutzte er Techniken, die er aus der Karikatur kannte. Dort werden Menschen absichtlich so verzerrt dargestellt, dass ihr wahrer Charakter zum Vorschein kommt.
Wir sollten die Menschen also genau so sehen, wie sie auf uns wirken und nicht wie sie oberflächlich betrachtet 'aussehen'. Munch nutzte dann diese Karikaturtechnik und die Van Goghschen kräftigen Farben nicht mehr, um die schönen Gefühle darzustellen, sondern seine existentiellen Ängste. Furcht und Melancholie spielten in der Malerei zwar immer schon eine Rolle, aber niemals zuvor wurden Angst und Einsamkeit als etwas derart hässliches auf die Leinwand gebracht. Und genau das war es, was viele Leute, die erstmals Munchs Malerei begegneten, verstörte.
Munch formulierte seine Kunst in seinem 'Manifest von Saint-Cloud': Er wolle keine "lesenden Männer oder strickenden Frauen" mehr malen. Es müssten vielmehr "lebendige Wesen sein, die atmen, fühlen, leiden und lieben." Nahezu identisch hatte sich zur gleichen Zeit der Dichter Knut Hamsun geäußert, der in der Literatur eine ähnliche Rolle einnahm wie Munch in der Malerei.
Aber wie sahen diese nicht strickenden Menschen aus? In 'Melancholie' (1894/95), das damals in Köln zu sehen war, sitzt ein Mann, sein Blick auf das Meer gerichtet, auf einem Stein im Vordergund. Im Hintergrund ist eine Landschaft zu sehen: Das Meer, der weite Horizont und etwas undeutlich zwei Menschen, die auf einem Bootsteg stehen. Munch nutzt gerne diese räumliche Trennung zwischen Mensch und Landschaft, zwischen dem Mann und dem Meer und den Figuren.
Das Meer, oft ein Symbol für Freiheit, und die Figuren, Symbol für die Gesellschaft oder in diesem Fall für Beziehungen zwischen den Menschen - sie sind Munchs Mann im Vordergrund fremd. Er befindet sich zwar physisch in ihrer Nähe, seine psychische Lähmung macht es ihm aber unmöglich, Freiheit oder Zugehörigkeit zu der Gesellschaft zu erlangen. Der eigentlich problemlos überwindbare Stein direkt hinter dem Mann scheint wie eine Mauer. Munchs Menschen sind in den meisten seiner Bildern, vor allem aber in denen des Lebensfrieses, der Kommunikation unfähig.
Ein Bild das ebenfalls in Köln zu sehen war, ist das 'Selbstbildnis mit Weinflasche' (1906), das Munch in einem Café sitzend zeigt. Hinter ihm sind drei weitere Gestalten, die nicht zu identifizieren sind. Der Mann, Munch, sitzt gekrümmt an einem Tisch. Er ähnelt in seiner verkrampften Haltung genau jenem Munch in dem Bild 'Selbstdarstellung vor der Domkirche in Bergen' (1916), das der Deutsche Taschenbuch Verlag für eine Ausgabe (1996) des Romans 'Mysterien' von Knut Hamsun für die Umschlaggestaltung benutzte, also jenen Roman, in dem ebenfalls eine Figur im Zentrum steht, die an der Gesellschaft scheitert. Die Menschen auf Munchs Bilder befinden sich auf engstem Raum, ignorieren sich aber gegenseitig.
Für Munch hat Angst, Eifersucht und Hass etwas selbstzerstörerisches. Munchs Menschen sind verzerrte Fratzen, Silhouetten, Totenköpfe. Aber Angst ist auch eine sehr individuelle Erfahrung, die jeder Mensch macht. Ein lebender Mensch mit einem totenkopfähnlichen Gesicht wie in seinem berühmtesten Werk, 'Der Schrei', das in Köln nicht gezeigt wurde, all das musste auf die Betrachter dieser Gemälde erschütternd wirken. Sie werden unmittelbar mit dem Tod konfrontiert. Selbst 'Madonna' - für viele Maler ein Symbol der Geburt, des Lebens, der Fruchtbarkeit - stellt er mit dem Gesicht einer Toten dar. Einst war das Bild mit einem Rahmen versehen, der Spermien und Embryonen mit totenkopfähnlichen Gesichtern zeigte. In Köln wie auch in vielen anderen Ausstellungen war diese Umrahmung nicht mehr vorhanden. In Leipzig hing es 1903 in der Reihe "Wachsen und Sterben der Liebe". Die Liebe und die Geburt sind bei Munch bereits eine Vorstufe des Todes.
Dass der Tod bei Munch eine derartige Bedeutung hat, mag aus seiner Biographie hervorgehen. Der Maler musste sich schon früh mit dem Sterben geliebter Menschen abfinden. Als er gerade mal fünf Jahre alt war, starb seine Mutter an Tuberkulose. Als er 14 war, starb seine älteste Schwester an der gleichen Krankheit. Mit 26 muss er den Tod seines Vaters hinnehmen, nur sechs Jahre danach den seines Bruders.
Munch ist der Maler der Einsamkeit, doch sein Werk ist vielfältig und zeigt auch heitere Seiten. Die Kunsthalle Bielefeld, die jene für den Maler so wichtige Kölner Ausstellung noch einmal rekonstruierte, zeigt die vielen Facetten des norwegischen Künstlers: Einen Teil des Lebensfrieses, die monumentalen Porträts im Stile von Velázquez, Goya oder Manet, aber auch Landschaften wie die 'Dorfstraße Kragerø', die fröhlich winkende Kinder zeigt.
Seine besten Bilder sind die beklemmendsten. Das erkannte damals auch die Weimarer Landeszeitung Deutschland, die am 08. November 1912 über eine Ausstellung in Jena schrieb: "Wenn für einen Dichter das die Momente beglückenden Schaffens sind, wo seine Seele übervoll ist und wo er sein Empfinden und sein Herz in Tausende von Worten und Werken kleidet und sich dadurch eine tröstliche Last von der Seele schreibt, so sind auch hier Munch die Stunden des Schaffens die, wo intensives Sehen und Erleben sich zu Farben, Formen und Linien konzentriert haben, und wo ihn die Umwertung der Werte, die er bewußt oder unbewußt in sich aufgenommen hat, so schwer beengt und beklemmt, daß er sich von ihnen wie von einem Alp befreien muß."
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