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Die Luft auf der Spitze des Pinsels
Der Münchner Kunsthistoriker Willibald Sauerländer berichtet von einigen der wichtigsten europäischen Ausstellungen der letzten Jahre. Der Hanser Verlag veröffentlicht die kritischen Spaziergänge durch die Bildersäle von Paris, London, Rom und Amsterdam.
Von Boris Hänßler
"Der kritische Spaziergänger, welcher seinen Lesern vom Besuch der Ausstellungen alter Meister erzählten wollte, konnte (...) sehr wohl von seinen kunsthistorischen Kenntnissen zehren, aber er mußte - allein aus Gründen der Höflichkeit und Menschenfreundlichkeit - den Fachjargon vergessen und stattdessen eine freiere, natürlichere Sprache führen."
Willibald Sauerländer formuliert in seiner Einleitung zu diesem Band seine eigene Absicht, mit Anekdoten und Zitaten sowie seinem Fachwissen im Plauderton und dennoch nicht oberflächlich von den großen Ausstellungen der europäischen Kunstwelt zu berichten.
Sauerländer schreibt: "Die Kunsthistoriker, welche lange in der Furcht lebten, von Philologen und Historikern als nicht seriös angesehen zu werden - ein 'leichlebig Völkchen' - haben eine phobische Attitüde gegen den Feuilletonismus entwickelt und sich gegen alle anmutige Rede über die Schönheit oder die ergreifende Macht der Kunst fach-ängstlich abgekapselt." Der Autor selbst hat mit dem Feuilletonismus wenig Probleme. Seit Jahren spaziert er durch Ausstellungen und wer seine Berichte kennt, weiß, dass Sauerländer dies mit einer gewissen Begeisterung macht.
Die in diesem Band gesammelten Artikel erschienen zwischen 1994 und 2001 mit einer Ausnahme ("Der Maler als Philosoph" erschien in der "Zeit") im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.
Es ist natürlich Unsinn, von "den" großen Ausstellungen zu sprechen und der Verlag vermeidet den bestimmten Artikel ("Ein Rundgang durch große Ausstellungen"), dennoch ist hier eine exzellente Auswahl gelungen: Die berücksichtigten Schauen zählen zu den imposantesten des vergangenen Jahrzehnts.
Der Band ist thematisch gegliedert. So sind die "französischen Maler" Poussin, Lorrain, Chardin, Ingres und Manet zusammengefasst, Rubens und Rembrandt unter "Maîtres d'autrefois", Degas, Gauguin und Picasso unter "Moderne Obsessionen" sowie Sargent, Ruskin und Blake unter "Londoner Ausstellungen". Endlich folgt eine Themenausstellung zum Bilde Christis. Ein Kapitel ist außerdem Sammlern und Kustoden gewidmet: Degas, Tschudi und der Barnes-Collection, ein weiteres Rubrik der Ars Sacra.
Der letzte Teil des Buches setzt sich mit der Zukunft der Museen auseinander: "Vom schwierigen Umgang mit der entschwindenden Tradition und von der süchtigen Inszenierung des Neuen". Außer der thematischen gibt es auch eine zumindest annähernd chronologische Anordnung der Texte, nicht auf die Daten der Ausstellungen bezogen, sondern kunsthistorisch, nämlich angefangen mit der Ars Sacra, dann Rubens, Rembrandt, Poussin, später Ruskin und schließlich Picasso und Degas.
Da die Artikel für eine Zeitung geschrieben sind, muss sich Sauerländer an gewisse Zeilen-Vorgaben halten. Die Kapitel umfassen meist fünf bis sechs Seiten. Zweifellos ist es eine Herausforderung, in diesem begrenzten Raum Informationen über die ausgestellten Bilder, die Künstler selbst, die Inszenierung der Schau und die eigenen Gedanken von dieser unterzubringen. Sauerländer muss überdies davon ausgehen, dass die Leser einige Bilder nie gesehen haben.
Letzteres Problem löst er, indem er die Bilder beschreibt, als würde er sich ohne wissenschaftliche Bildung dem entsprechenden Werk nähern: "Ein heller Tag; auf dem hügeligen, von Wolken überzogenen Gelände erblickt man die Viehherde; in einer Furt werden Pferde getränkt. Vorne steht ein Schubkarren, beladen mit frischem Gemüse, und neben ihm kniet die Milchmagd. Eine zweite weibliche Gestalt, die an Nymphen erinnert (..) trägt auf ihrem Haupte einen Korb mit Früchten: Kürbis, Zitronen, Trauben, durchaus landfremde Produkte."
In leichtem Plauderton erzählt Sauerländer von der Bedeutung der Bilder für das jeweilige zeitgenössische Publikum. Er erklärt die Errungenschaften der Maler, wirft einen Blick auf ihre Biographien und schreibt seine Eindrücke in wenigen Sätzen nieder.
Die große Stärke des Autors ist sein reiches Wissen über die großen Meister, welches ihm erlaubt, die Kataloge auch gerne mal zu ignorieren, wenn ihm deren Aufmachung nicht zusagt. Er bereichert seine Besprechungen mit Anekdoten und Zitaten der Maler, wie dem von Poussin: "Es ist ein großes Vergnügen, in einem Jahrhundert zu leben, in dem sich so große Dinge ereignen, vorausgesetzt, daß man sich in irgendeiner kleinen Ecke bedeckt halten und der Komödie bequem zusehen kann."
Aus einem dieser Zitate wurde auch der Titel dieses Bandes entnommen: "O Chardin! Es ist nicht das Weiß, das Rot, das Schwarz, welche Du auf der Palette zerreibst: Es ist die Substanz der Dinge selbst, es ist die Luft, es ist das Licht, welche Du auf die Spitze Deines Pinzels nimmst und auf der Leinwand befestigst," soll Diderot beim Bewundern eines Stillebens von Jean Siméon Chardin ausgerufen haben.
Das Buch schließt mit einem Artikel über die Museen im 21. Jahrhundert, in welchem sich der Autor mit der Zukunft der Ausstellungsorte als Musentempel oder Lernorte auseinandersetzt. In diesem Aufsatz fasst er zusammen, was er in seinen Artikeln den Ausstellungsmachern oft genug vorwirft.
Die Museen sollen nicht zu einer Art "Disneyland für die Zertstreuung in der Freizeit" verkommen, sondern ihre Stimme gegen die allgemeine visuelle Reizübeflutung erheben: "Politik, Ökonomie und Unterhaltungsindustrie haben sich längst der visuellen Medien bemächtigt und werben immer raffinierter oder plumber mit Bildern um Wähler, Käufer und Zuschauer. Schamlos haben sie kapiert, daß das Auge des Menschen verführbarster Sinn ist."
Museen können ein Ort sein, an dem die Menschen erfahren, dass "es nicht nur werbendes und zerstreuendes, sondern auch sensibles, bildendes Sehen gibt." Dieses Buch jedenfalls ist beste Werbung dafür.
"Die Luft auf der Spitze des Pinsels", Willibald Sauerländer, Edition Akzente, Carl Hanser Verlag (2002), 164 S.
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