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26.05.2003
Insolvenz für das Glück

Die mexikanische Künstlerin Minerva Cuevas gründet eine Firma, mit der sie den Menschen ein besseres Leben verspricht. Das Glück liegt nicht in den Produkten, die Cuevas vertreibt, sondern in der Idee des Unternehmens.

Von Boris Hänßler

Frida Kahlo hat hier in ihrem blauen Haus gelebt, und Salma Hayek malt in ihrer Filmbiographie der berühmten Künstlerin diese Stadt in leuchtenden Farben auf die Kinoleinwand: Liebe, Leidenschaft, rauschende Feste auf der Straße, Musik: Das Mexiko-City in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Alejandro González Inárritu zeigt eine andere Stadt, ein Mexiko-City der Gegenwart. Mehr als 20 Millionen Menschen leben in der Metropole, einer der größten Städte der Welt. In dieser drehte der Regisseur den Film "Amores Perros": Keine Feste, keine Liebe, keine Hoffnung. Menschen werden hingerichtet, Hunde aufeinander gehetzt, Geschäfte überfallen.

Der Philosoph Carlos Monsiváis schreibt in der "Zeitschrift für Kulturaustausch": "Die erste spürbare Auswirkung von Gewalt äußert sich darin, dass sich in den Köpfen der Menschen Gedanken voller Angst einnisten. Vor allem Frauen verlieren den vertrauten Umgang mit der Straße, fürchten sich sogar, ein Taxi zu nehmen. Man tauscht mit Freunden und Bekannten Geschichten von glimpflich ausgegangenen Entführungen aus, und jeder verfügt über eine große Anekdotensammlung."

In dieser Stadt lebt und arbeitet die 28-jährige Minerva Cuevas. Sie hat hier ihr Büro, die Geschäftsstelle von Mejor Vida Corp., der "Firma für ein besseres Leben". Hervorgegangen ist die Idee zu diesem Unternehmen aus einer Aktion der Künstlerin im Jahre 1998.

Damals war sie in der New Yorker U-Bahn unterwegs und entdeckte ein Poster der Bahnverwaltung, auf dem "Awake is Aware" steht. Das Plakat warnte davor, während der Fahrt einzuschlafen. Cuevas befestigte kleine Täschchen mit Koffeintabletten an den Postern.

Aktionskunst an sich ist nichts neues. Die Kunst des 20. Jahrhunderts griff regelmäßig ins öffentliche Leben ein. Minerva Cuevas wagt sich allerdings in Bereiche vor, die mit dem Gesetz nicht immer überein stimmen. 1998 gründet sie ein Unternehmen, das wie ein global operierender Konzern konzipiert ist. Die Firma vertreibt Güter über das Internet in alle Winkel der Erde, und sie bietet ganz nahe im Umfeld der Geschäftstelle in Mexiko-City Dienstleistungen an. In der Stadt verteilt Cuevas U-Bahntickets, um den Menschen die Schlange am Schalter zu ersparen, oder Tränengas, damit sich die Leute besser vor Überfällen schützen können. Die Künstlerin reinigt für die Stadt die U-Bahn oder bewirbt sich bei der Polizei, um deren Arbeit aktiv zu unterstützen. Sie verschenkt Lotterietickets, die den Empfängern das Glück versprechen.

Cuevas schreibt gefälschte Empfehlungen für Arbeitslose, die sich damit um einen Job bewerben können. Über das Internet kann sich, wer will, einen Studentenausweis zuschicken lassen. Der Museums- oder Schwimmbadbesuch ist mit den gefälschten Papieren erheblich günstiger. Im "Webshop" ist überdies ein Code-Sticker erhältlich, der, auf die Strichcodes von Produkten im Supermarkt geklebt, deren Preise beim Scannen an der Kasse reduziert.

Durch die Simulation eines kapitalistischen Systems führt die Mexikanerin dieses ad absurdum. Die angeboteten Güter versprechen den Menschen Glück, und sie sind kostenlos. Sie bringen Vergünstigungen oder Sicherheit. Aber je mehr Menschen diese Güter bestellen, desto schneller geht das Unternehmen bankrott. Das Glück ist vermeintlich. Die Vergünstigungen helfen, wenn überhaupt, nur kurzfristig.

Es ist ein zwiespältiges Unternehmen. Es ist ein wenig so, als würde die Politik die Gewalt in einer Stadt bekämpfen, in dem sie den Menschen Knüppel in die Hände drückt. Als würde man die Hoffnungslosigkeit mit Lotterielosen aus den Köpfen der Menschen treiben wollen.

Andererseits ist in der Hoffnungslosigkeit tatsächlich auch eine Idee, ein Traum von einer besseren Welt. Minerva Cuevas macht zwar, was viele Künstler machen. Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor die Augen. Ihre Produkte sind aber nicht künstlich, keine nur im Museum existierende Parallelwelten. Sie greift direkt in das öffentliche Leben ein. Sie entwirft ein System, das nur auf dem guten Willen der Menschen basiert. In einem neoliberalen Wertesystem scheint es jedoch zum Scheitern verurteilt.


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