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  a Vela - das Kunstmagazin
30.06.2003
Vollmond in der Provence

Am 13. Juli 1889 um genau 21:08 muss Vincent van Gogh auf einem Feld in Saint-Rémy-de-Provence gestanden und seinen "Mondaufgang" wenn nicht gemalt, so doch erblickt haben. Das Datum ermittelten Forscher um den Astronomen Donald Olson von der Southwest Texas State University in San Marcos. Ihre Ergebnisse präsentierten sie jüngst in der Zeitschrift Sky & Telescope.

Von Boris Hänßler

Das exakte Datum des Bildes war bisher ungewiss. Vincent van Gogh hatte wenige Monate vor seinem Selbstmord im Juli 1890 einige Zeit in Saint-Rémy verbracht. Dort kam er bereits im Mai 1889 an. Im September erwähnt er das Bild "Mondaufgang" erstmals in einem Brief an seinen Bruder Theo.

Außer dem Datum war auch das Thema des Bildes rätselhaft. War es eine untergehende Sonne oder ein aufgehender Vollmond? Die Forscher der Universität Texas konnten das Problem mit Hilfe astronomischer Berechnungen lösen.

Es handelte sich in der Tat um einen Vollmond und der erschien nur zwei Mal im Jahr nahe der großen Klippen, ganz so wie es der Maler darstellte. Das geschah am 16. Mai und am 13. Juli. Da auf dem Gemälde der Weizen bereits geerntet wurde, kann der 16. Mai ausgeschlossen werden.

Dieser van-Goghsche Vollmond fällt nur alle 19 Jahre auf den 13. Juli. Interessanterweise wird das in diesem Jahr geschehen. Dem Jahr, in dem die Niederlanden den 150. Geburtstag van Goghs feieren.




Donald Olson, gab es vorher schon ähnliche Kalkulationen?

Unsere Gruppe in Southwest Texas hat bereits einige ähnliche Analysen gemacht, etwa zwei Duzend innerhalb der letzten 15 Jahren. Fast alle wurden in Sky & Telescope veröffentlicht. Es gab aber auch einige ähnliche Kalkulationen von anderen Wissenschaftler. Der amerikanische Astronom Russell (berühmt geworden durch sein Sternendiagramm, dem Hertzsprung-Russell Diagramm) schrieb einmal einen Artikel über Planentenkonfigurationen, anhand denen man einige Texte aus dem 14. Jahrhundert von Chaucer datieren konnte.


Wie kamen Sie darauf, nun gerade dieses Gemälde von van Gogh zu analysieren?

Wir hatten bereits astronomische Analysen von zwei anderen van Gogh Bilder veröffentlicht - "Straße mit Zypresse und Stern" (Veröffentlich in Sky & Telescope im Oktober 1988) und "Weißes Haus bei Nacht" (Sky & Telescope, April 2001). Wir fuhren für das "Weiße Haus bei Nacht"-Projekt nach Auvers, einem Ort Nahe Paris. Dort wollten wir das weiße Haus in dem Gemälde lokalisieren und die Perspektive bestimmen, um den hellen Stern des Gemäldes identifizieren zu können. Es stellte sich heraus, dass der Stern der Abendstern - Venus - war, der am 16. Juni 1890 dort zu sehen war.

Nach dieser Nordfrankreichreise suchten wir ein Gemälde aus van Goghs Zeit in Südfrankreich, der Zeit in der Provence. Die naheliegende Wahl wäre "Sternennacht" gewesen, aber wir fanden das Bild schwer zu verstehen. Wir durchblätterten Bücher mit van Goghs weiteren Arbeiten aus St. Remy und stießen dabei auf das "Mondaufgang" Bild. Der steigende Mond wurde nicht einfach in den Himmel gemalt (was schwierig für eine Datierung wäre), sondern er steigt hinter unverwechselbaren Landschaftsmerkmalen auf - den überhängenden Klippen der Alpilles. Deswegen dachten wir, wir könnten es schaffen.


Glaubten Sie denn, das Bild sei authentisch und Sie könnten problemlos herausfinden, wo van Gogh gestanden hatte?

Hätten wir nur dieses eine Bild zur Beurteilung gehabt, wäre wir nicht sicher gewesen. Aber van Gogh malte dieses gleiche Feld und diese Bergkette über ein Duzend Mal. Daraus schlossen wir, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich um einen echten Ort handelte, mit echten Charakteristiken (das Feld, die Steinmauern, der Schuppen bei der Mauer, die Häuser auf mittlerer Höhe, die Gebirgsausläufer, der Kamm, die überhängenden Klippen und das Profil der Berge).

Daher dachten wir, dass es möglich wäre, den Ort zu finden - und kaum waren wir in St. Remy, konnten wir bereits sehen, dass all diese Landschaftsmerkmale noch fast genau so existierten, wie van Gogh sie gemalt hatte. Es gibt wenige Veränderungen. Ein Kiefernwald bedeckt heute die Gebirgsausläfer und das Weizenfeld ist ein Garten.


Wie wichtig ist die Bestimmung von van Goghs exakter Position?

Van Goghs Position zu wissen ist entscheidend für die Bestimmung des Azimut und die Höhe der Klippen. Glücklicherweise machen die Hinweise in dem Bild deutlich, wo er gestanden hat. Sie können die nördliche Mauer des Feldes auf der äußersten linken Seite des Bildes sehen.

Wir standen ein bißchen anders, aber wir mussten nur wenige Korrekturen vornehmen (etwa einen Grad im Azimut und einen Bruchteil eines Grades in der Höhe), um die Winkel so einzustellen, wie sie in Vincents Position gewesen wären. Man kann Vincents exakte Position aus mehreren Gründen nicht mehr einnehmen. Das Kloster ist ein noch betriebenes Krankenhaus. Aber vor allem sind die Kiefernbäume gewachsen und behindern die Sicht.


Der Mond war damals nur zwei Minuten in der Position, die auf dem Gemälde zu sehen ist. Würde das Datum stark abweichen, hätte van Gogh den Mond auf dem Bild leicht verschoben wiedergegeben?

Ja. Wir können unsere Analyse nur durchführen, weil er ihn hinter den Klippen malte. Diese genaue Ausrichtung erlaubt es uns, erst das Datum zu bestimmen und dann die Uhrzeit. Unsere Computerberechnungen zeigen, dass direkt hinter den Klippen am Abend des 13. Juli 1889 tatsächlich ein Vollmond aufgegangen ist.


Wird es weitere ähnliche Projekte aus dem Bereich der Kultur geben?

Ja. Wir kamen gerade von einer Forschungsreise zu weiteren europäischen Orten, die in der Malerei vorkamen. Wir hoffen, im nächsten Jahr einen ähnlichen Artikel - wieder für Sky & Telescope - veröffentlichen zu können. Andere künftige Projekte werden sich um historische Themen drehen, etwa europäische Schlachtfelder. Und dann arbeiten wir gerade an einem Projekt, das astronomische Verweise in Gedichten berücksichtigt.

Wir sind sehr froh, dass wir an solchen Themen arbeiten können. Die würden uns auch lange nicht ausgehen - seit es Künstler und Schriftsteller gab, gab es auch Darstellungen und Beschreibungen des Nachthimmels!