Bekannt wurde Framis mit Projekten wie dem "Dreamkeeper" (1998) (einer Nachtfigur, die bei Anruf Menschen besuchte), der "Minibar" nur für Frauen (2000) oder dem Städteprojekt "Loneliness in the City" (1999-2000), bei dem sie in verschiedenen Großstädten mit anderen Künstlern Aktionen rund um das Thema Einsamkeit präsentierte.

Alicia Framis, auf der Biennale in Venedig haben Sie eine Modenschau Ihrer anti_dog-Marke inszeniert. Die Models trugen Kleider, die feuer- und bissfest waren. Die Idee dafür kam in Berlin. Welche Erfahrungen haben Sie in der Stadt gemacht?
Meine Erfahrung war schockierend. Ich lebte schon in verschiedenen Ländern, in Amsterdam, Paris, New York, Tokio, und ich hatte nie das Gefühl, dass ich nicht willkommen war...
In Berlin hatte ich das Gefühl, dass es im Alltag ein Misstrauen gegenüber Menschen gibt, die wie ich dunkelhäutig aussehen. Zweimal bin ich mit Skinheads konfrontiert worden.
Ihre Arbeiten handeln häufig vom Leben in der Stadt, von Einsamkeit, Gewalt und Rassismus. Zerstören Städte den Sinn für Gemeinsamkeit?
Ich denke, dass das Leben in der Stadt heute die normale Art zu leben ist. So wie Städte entworfen sind, machen sie die Menschen einsamer und unglücklicher. Deshalb greife ich die Seiten des Stadtlebens auf, die mit unsere Art und Weise zu tun haben, Menschen zu treffen und zu lieben.
Wird es weitere Entwicklungen von anti_dog geben?
Ja, anti_dog ist eine Handelsmarke für Haute-Couture Kleidung mit der Absicht, Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. Ich mag es, wenn Mode mit Aktivitäten auf der Straße zu tun hat. Es ist eine aktive Unterstützung der Frauen.
Im Moment entwickle ich in Japan eine Art Architektur für Frauen, wie bereits in "MINIBAR 2000" oder "Daughters without Daughters". In Japan müssen viele Probleme thematisiert werden, Probleme von Frauen, die verschwiegene Gewalt und das Leben in der Stadt.
Ihre Vorstellung von Kunst impliziert eine sehr enge Bindung oder Kommunikation mit Menschen - statt einfach ein Objekt zu präsentieren, dass man sich ansehen kann. Ist das ein Weg, das elitäre Image der Kunst loszuwerden?
Ich denke, Kunst war immer eng mit Kunst verknüpft, welche die Kunst selbst zu einem Ort machte, an dem Künstler masturbieren und ihr Leben so darstellen, als ob es uns interessieren würde. Glücklicherweise ist Kunst auch eine Aktivität oder eine Ansammlung von Aktivitäten, die anderen einen Raum zur Verfügung stellt, in dem sie etwas erfahren können, etwas anderes als das Drama des Künstler.
Ich denke, Kunst ist ein Raum, der Menschen eine hochwertige Zeit bietet und ihnen Prototypen für neue Möglichkeiten des Lebens zur Verfügung stellt oder es wenigstens versucht, auch wenn es misslingt.
Was waren die Ziele von "Dreamkeeper"? Wie reagierten die Menschen?
"Dreamkeeper" war ein Projekt, das nur ein Jahr dauerte. Die Leute konnten bei Galerien oder Museen anrufen und nach mir verlangen. Dann gegen 12 Uhr besuchte ich die Menschen und blieb die ganze Nacht bei ihnen. Was passierte blieb ein Geheimnis zwischen ihnen und mir.
Meine Idee als Künstlerin war es, zum ersten Mal eine Performance zu machen, bei der ich in die Häuser der Menschen eintrete und das alleine. Es bedeutet, dass Künstler und Klient die gleiche Macht besitzen. Er könnte mich töten, ich ihn auch.
Die Performance war immer ein künstlicher Zustand zwischen dem Künstler und Publikum....daher wollte ich alle mentalen und physischen Grenzen zwischen Künstler und Betrachter zerstören.
Diese Arbeit brachte mich nur zu einsamen Leuten. Sie verhielten sich natürlich, fremd, beängstigend, lustig, gefährlich...Nachts kommen alle Emotionen und Frustrationen hoch...
Ist Verletzbarkeit ein gemeinsames Thema der meisten Ihrer Arbeiten?
Ja, ich denke, Verletzbarkeit ist ein Zustand, in dem wir die absolute Fähigkeit besitzen, ein Kunstwerk wahrzunehmen. Verletzbarkeit ist auch ein Phänomen unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Man kann sie überall sehen. Die Leute lassen sich versichern. Sie wollen sicher leben, sich in ihrem Haus einschließen. Sie wollen kontrollieren, wer sie auf ihrem Handy anruft. Überall gibt es Kameras. Die Menschen fühlen sich verletzbarer als jemals zuvor, weil sie in einem Chaos an Informationen leben.
Obwohl es übereinstimmend als altmodisch bezeichnet wird, präsentieren die Pavillons in Venedig noch immer hauptsächlich die Arbeiten von Künstlern aus den Ländern, denen die Pavillons gehören. Ihre Arbeit wurde im Pavillon der Niederlande gezeigt. Haben Sie diesbezüglich negative oder positive Reaktionen erhalten?
Ja, negativ in dem Sinne, dass ich in Spanien, wo ich normalerweise ein großes Presseecho erhalte, diesmal nur ein Interview mit einer Lokalzeitung hatte. Das war ein bißchen traurig für mich. Positiv war, dass die Niederlande meine Arbeiten als holländisch akzeptierte und dass ich überraschenderweise in Deuschland und Österreich jeweils sieben Interviews gab. Künstler werden zu Fußballspielern - das ist interessant! Die Qualität wird wichtiger als die Herkunft. Dadurch verlieren wir an Identität und gewinnen an Freiheit.