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"Ich bin für Regeln, die überwacht werden können"
Tanja Kinkel, 1969 in Bamberg geboren, ist Autorin von zahlreichen historischen Romanen. Anlässlich ihres neuen Buches Götterdämmerung, welches in den USA der Gegenwart spielt, spricht sie sowohl über die Aufgabe der Literatur angesichts des mangelnden politischen Bewusstseins in der Bevölkerung bezüglich brisanter Themen wie Biogenetik und Atomtests als auch über die Möglichkeiten der Pop – Kultur im Rahmen des neuen Mediums Internet.
Wie kamen Sie dazu, nachdem Sie bislang nur historische Themen aufgegriffen haben, die somit nur einen impliziten Bezug zur Gegenwart haben konnten, Ihren neuen Roman "Götterdämmerung" in der Gegenwart spielen zu lassen und dabei zahlreiche aktuelle Ereignisse aufzugreifen?
Nachdem ich feststellte, dass ein Sachbuch wie "American Ground Zero" von Carole Gallagher, in welchem aus amtlichen Regierungsdokumenten zitiert wurde, dass die damalige Administration Teile der eigenen Bevölkerung als verzichtbar erklärte, sie somit durch die oberirdischen Atomtests bewusst tötete, die politisch schlafende Bevölkerung mit diesen schockierenden Beweisen nicht wecken konnte, musste ich meinen "Alarmruf" mit meinem Medium, dem Roman versuchen.
Ist dieses Buch durch seine Aktualität zugleich Ihr politischstes Buch?
Ja, wobei ich auch die "Löwin von Aquitanien";"Die Puppenspieler"; "Mondlaub" "Die Zwillingssterne" und "Die Söhne der Wölfin"“ als politisch sehe. Nehmen Sie nur: "Die Schatten von La Rochelle" – Richelieu war der bemerkenswerteste Politiker seiner Zeit, und die menschlichen Kosten dieses politischen Daseins bilden eines der Romanthemen. Aber "Götterdämmerung" ist bestimmt das gegenwartspolitik-bezogendste meiner Werke.
In Ihrem Buch werden die Gefahren der Biogenetik problematisiert. Lehnen Sie spezielle Verfahren, wie beispielsweise den Eingriff in menschliches Erbgut, prinzipiell ab oder halten Sie es lediglich für gefährlich, wenn solche und ähnliche Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt werden?
Prinzipiell ablehnen lässt sich in der Theorie leicht. Doch ich bin mir bewusst, daß ich, wäre ich schwanger, und würde erfahren, daß mein Kind, sagen wir, blind oder mit einer schweren Krankheit belastet zur Welt käme, bestimmt dankbar für die Möglichkeit wäre, ihm durch einen solchen Eingriff ein gesundes Leben zu ermöglichen. Andererseits sehe ich natürlich auch die Gefahr, einmal eine Grenze fallen zu lassen: Was ist, wenn Elternpaare irgendwann entscheiden, daß bereits Kurzsichtigkeit, oder Veranlagung zur Fettleibigkeit Dinge sind, die sie bei ihren Kindern nicht wollen? Was, wenn wir bei einem Bestellkatalog ankommen? Etc.
Ich bin für Regeln, die überwacht werden können, und das weltweit. Verstöße von Personen und Staaten wären unter solche Strafen zu stellen, dass niemand, wirklich niemand das Risiko eingeht, diese Strafen auch tragen zu müssen. Nur so halte ich eine Apokalypse für vermeidbar.
Die Hauptfigur Ihres Buches kommt hinter eine große Verschwörung. Sind Verschwörungen für Sie nur ein spannendes Thema für Fiktionen oder denken Sie, dass auch hinter den Verschwörungstheorien, die tatsächlich vertreten werden, etwas steckt, wenn es auch nur eine allgemeine Stimmungslage der Gesellschaft ist?
Ich habe alles versucht, kein Buch mit einer weiteren Verschwörungstheorie zu schreiben. Die Wahl meiner Gesprächspartner aus der Politik, die mich immerhin bis hin zu Henry Kissinger führte, in Wissenschaftslabors führender Universitäten, zu Professoren für Staatshaftungsrecht, einer davon arbeitet gerade im Auftrag der US Regierung an der Verfassung des Iraks, zur New York Times, um die Grenzen dessen was in den Staaten zu veröffentlichen ist, zu eruieren, etc., sollten verhindern, dass hier irgendwelche unrealistischen Theorien in die Welt gesetzt werden. So wurde alles fast schon zu real und nur das Ende ist noch hypothetisch.
Ihre erstklassige Recherchearbeit rückt Ihr Buch weit ab von frei konstruierten Verschwörungstheorien. Der Begriff der Verschwörung bot sich an, um das Gefühl der Bedrohung zu beschreiben, denn hinter all dem Realen und Normalen scheint sich ein Potential zu verbergen, welches geeignet ist, das Bestehende zu zerstören, so wie Sie es in Ihrem hypothetischen Ende zeigen. Sehen Sie darin die Vorzüge eines Romans gegenüber einem rein dokumentarischen Bericht - dass vom real Gegebenen extrapoliert werden kann? Hat Literatur somit die Aufgabe zu warnen, indem in ihr Möglichkeiten durchgespielt werden können?
Eindeutig ja. Literatur soll und muss Probleme aufgreifen, und durch ein Eingehen auf mögliche Szenarien Menschen zum Nachdenken anregen. Wir befinden uns hier auch in einer großen internationalen Tradition. Vergessen Sie nicht, wie häufig gerade wir jungen Autoren von einigen Älteren aufgefordert wurden, die "politischen Entwicklungen" nicht zu vernachlässigen.
Sie greifen in Ihrem Buch das Medium Internet sowohl thematisch als auch formal (indem E-Mails abgedruckt erscheinen) auf . Gehört für Sie das Internet zu einem Teil der heutigen Lebenswelt und wird daher selbstverständlich erwähnt oder sehen Sie Möglichkeiten eines Spiels mit dem klassischen Medium Buch und dem neuen Medium Internet?
Sowohl als auch. Es ist ein Teil der heutigen Welt; außerdem hat mich der Briefroman schon immer gereizt, und die moderne Entsprechung ist eben das Email. Aber gleichzeitig war es auch eine Möglichkeit, zu zeigen, wie sich beide Medien ineinander verflechten.
Sie selbst haben im Internet "Fanfiction" veröffentlicht. Welchen Stellenwert haben diese Arbeiten für Sie – sind sie schriftstellerische Lockerungsübungen, Freizeitvergnügen oder mit Ihren anderen Texten vergleichbare Arbeiten?
Es handelte sich um Freizeitvergnügen und das Pflegen von alten Freundschaften. Außerdem war es eine Möglichkeit, Charaktere zu interpretieren, die einer bereits etablierten Welt entstammen, was mich immer etwas an die verschiedenen Darstellungen von mythologischen Archetypen erinnerte.
Würden Sie sagen, dass man somit bestimmte Bereiche der Pop – Kultur als eine neue Form von Mythologie bezeichnen könnte, die eventuell auch ähnliche Funktionen erfüllen könnte wie die klassische? Welche Figur aus dem Bereich der Pop – Kultur halten Sie für ein aussagekräftiges Beispiel, das man in die Nähe eines mythologischen Archetypus rücken könnte?
Bei der Pop-Kultur kann es natürlich passieren, daß Figuren, die heute in aller Munde sind, morgen schon wieder vergessen werden, aber ich denke, bei einigen Beispielen lässt sich feststellen, daß sie wirklich zu Ikonen einer neuen Mythologie aufgerückt sind und einer großen Anzahl von Menschen so geläufig, wie es früher die Figuren der Mythen waren.
Wenn Sie heute Sätze aus Star Wars zitieren wie "Luke, ich bin dein Vater", auf Star Trek anspielend fragen, ob sich jemand für Captain Kirk hält, oder mit einem James-Bond-Satz um einen Martini, geschüttelt, nicht gerührt bitten, können Sie sicher sein, daß Sie bei den meisten Gesprächspartnern die richtige Assoziationskette auslösen. Das heißt nicht, daß Bond, James Bond, als Charakter so viel hergibt wie sagen wir einmal Odysseus, aber vermutlich könnten dieser Tage mehr ersteren beschreiben als letzeren.
Beispiele aus dem Romanbereich, die in die Popkultur übergewechselt sind, sind rarer, aber es gibt sie; Tolkien hat mit dem "Herrn der Ringe" – der selbst bewusst aus dem nordischen Sagenschatz schöpft - die moderne Fantasy nolens volens in die Wege geleitet, und Archetypen geschaffen, die schon lange vor den Filmen so oft imitiert wurden, oder als Inspiration verwendet, oder als Gegenpol und Reibungsfläche benutzt, daß ich sagen würde, die Hobbits können sich heutzutage mit jedem Siegfried an mythischen Dimensionen messen lassen.
Wie schätzen Sie die Tatsache ein, dass durch das Internet nun viele Menschen die Möglichkeit haben, ihre Texte vor einer nicht unbedingt kleinen Öffentlichkeit zu präsentieren – und dann vielleicht noch neben den Texten, die von einer Bestseller- Autorin wie Ihnen stammen?
Es erlaubt größere kreative Freiheit, und im günstigsten Fall eine regelrechte Schriftstellerschule; oft sucht man ja als Autor, der noch nicht veröffentlicht hat, längere Zeit nach einem kompetenten Lektor. Solche Lektoren, im net-spezifischen Fachjargon "Beta-Leser" genannt, finden sich wegen der Möglichkeiten des Netzes schneller.
Ihren Büchern finden sich zahlreiche Verweise auf andere fiktionale Texte oder auch Fernsehserien. Welche Bedeutung hat dieses postmoderne Spiel mit den Zitaten für Ihre Arbeit?
Es reflektiert die Welt aus Fragmenten aller möglichen Einflüsse, die unser Bewusstsein und unsere Perspektiven prägen, und in der wir heute leben.
Haben Sie berufliche Zukunftspläne, die Sie an dieser Stelle verraten möchten?
Weitere Romane, das versteht sich; außerdem ein Theaterstück.
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