 Joanna Rajkowska, "Grüße aus der Jerusalemer Allee" [Greetings from Jerusalem Avenue]
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Die polnische Künstlerin Joanna Rajkowska, 1968 in Bydgoszcz geboren, setzt häufig ihren Körper als Medium ein, um aus diesem Beziehungsgeflecht von Zeichen, Mensch, Gesellschaft, Konsum und Massenkultur eine Kunst, eine neue Zeichensprache entstehen zu lassen.
In ihrem Projekt 'Grüße aus der Jerusalemer Allee' errichtete Rajkowska nach einer Israelreise eine Palme in der Warschauer Innenstadt, inmitten einer Verkehrsinsel. Zu 'Erfüllung garantiert' präsentierte sie Getränkedosen, auf denen ihre Körperteile abgebildet sind. Konsumenten können Rajkowskas Augen, Geschlechtsteile oder ihre Kindheit erwerben.
Im Herbst dieses Jahres vermietete sie sich in der Galerie 'müllerdechiara' unter dem schlichten Titel 'Künstlerin zu mieten' gleich selbst. Als Gegenleistung verlangte sie von den Mietern, dass sie die Aktion für die Ausstellung dokumentieren.

Könnte man 'Künstlerin zu mieten' als eine Fortsetzung Ihrer 'Erfüllung garantiert'-Produkte bezeichnen, als eine neue Art, Teile von Ihnen selbst anzubieten?
Ich denke nicht, obwohl es so scheint. In beiden Projekten wurden meine Zeit und mein Körper von anderen Leuten konsumiert und bekamen auf diese Weise ihre Qualität. In vielen Situationen hatte ich den Eindruck, ich hätte ein Doppelleben geführt, obwohl ich in Wirklichkeit überhaupt kein Leben führte, weder meins noch das eines anderen. Es ging um Verlust und um den Unglauben, etwas retten zu können. Außerdem versuchte ich in beiden Projekten grundsätzlich nützlich zu sein. Es ging nicht darum zu zeigen, dass ein Künstler nützlich sein kann, sondern darum, wirklich nützlich zu sein.
In 'Erfüllung garantiert' hatte ich etwas anzubieten. In 'Künstlerin zu mieten' musste ich zugeben, dass ich nichts anzubieten habe. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen diesen Projekten. "Was möchtest du von mir, was soll ich tun?" - indem ich die Leute diese Fragen beantworten ließ, befreite ich mich von der Verantwortung einer Wahl. Ich gab den Leuten genau das, was sie wollten. Ich bot nichts an. Jede einzelne Aufgabe bezog sich auf die Bedürfnisse und die Wahl der Leute. Es war eine Art Spiegel.
Wie war Ihre Erfahrung mit dem Projekt? Sahen die Leute Sie als Künstlerin, Arbeiterin, Konversationspartnerin?
Alles. Ich war immer ein fehlendes Element im Ganzen, wenn ich das so sagen darf. Ich trat an die Stelle der Darstellerin auf einer Bühne, der Köchin, der Krankenschwester, Designerin, Photographin und Barkeeperin. Ich fühlte mich einmal sogar als Teil der Person, die mich einstellte. Ich füllte das Loch aus...

Joanna Rajkowska, "Künstlerin zu mieten" [Artist for rent]
Was ist die Idee hinter 'Künstlerin zu mieten'? Möchten Sie Kunst zu den Menschen bringen? Inspiration für neue Kunstwerke? Die Gesellschaft erforschen? Oder sich selbst?
Es war nicht mein Ziel, etwas zu erforschen: Ich wollte weder etwas erfahren noch Inspiration erhalten. Vielleicht kommt es deinem ersten Vorschlag am nächsten. Ich würde es so ausdrücken: Ich möchte, dass die Leute bestimmte Dinge erfahren.
Das ist allerdings ein komplexeres Thema und bedarf einer kurzen Erklärung. Ich war Schülerin von Jerzy Nowosielski, einem Maler, Mystiker und Philosoph der ost-orthodoxen Kirche. Die Tradition der Ikonenmalerei, in der das Sujet nicht im Bild repräsentiert wird, sondern im Bild existiert, hat mein Denken geleitet. Mein Professor sagte mir immer: Du wirst diese Vase richtig malen, wenn du zur Vase wirst. Wenn ich heute eine Botschaft vermitteln möchte, muss ich sehr oft zu dieser Botschaft werden. Ich lasse eher Dinge ereignen als dass ich zeige, dass sie sich ereignen.
'Künstlerin zu mieten' war einfach ein weiteres Projekt, bei dem die Situation selbst zu einer Botschaft wurde und ich mich als das wesentliche Werkzeug benutzte. Es ging auch um eine bestimmte Art, mit anderen Leuten zusammen zu sein. Ich denke an die Sicherheit in einer Beziehung. Sagen wir mal: Du hast eine Aufgabe für mich. Wir verbringen Zeit mit einander und arbeiten an dieser Aufgabe. Wir kommunizieren nicht, außer dem notwendigen Austausch von technischen Informationen. Wir versuchen uns nicht zu verstehen. Die Erwartungen sind klar und erfüllt. Ich arbeite für dich aber ich bitte um eine kreativere Aufgabe - um die Dokumentation der Ereignisse. Ich gebe dir die Energie, dies zu tun. So wechseln wir die Rollen.
Ihre Arbeit scheint sich oft mit dem Individuum in einer Welt des Massenkonsums auseinanderzusetzen. Ist eine kapitalistische Gesellschaft, die von Befürwortern als höchste Form der Freiheit bezeichnet wird, eine Unterdrückung der Individualität, wie es Gegner formulieren?
Ich denke nicht. Ich benutze es nur: das System mit seinen Phänomenen. Es wird vielleicht zu einer Sprache wie andere auch. Ich habe keinen kritischen Ansatz gegenüber irgendetwas, weshalb ich immer lachen muss, wenn ich zu irgendwelchen "anti"-Schauen eingeladen werde.

Joanna Rajkowska, "Künstlerin zu mieten" [Artist for rent]
Der chinesische Künstler Zhang Huan sagte in einem Interview: "Mein Körper ist der einzige Weg für mich, etwas über die Gesellschaft zu erfahren und für die Gesellschaft, etwas über mich zu erfahren. Mein Körper beweist die Existenz meiner Identität." Könnte dieses Zitat auch von Ihnen stammen?
Es hätte können - vor vielen Jahren. Wir müssten etwa gleich alt sein. Zu Beginn meiner bewussten Arbeit, war mein Körper ein endloses (und das einzige) Feld für Experimente mit grundsätzlichen Definitionen. Einer der ersten Texte, die ich jemals schrieb, enthielt den Satz "Ich nehme ein Ding vom Boden auf. Wie es ist, verstehe ich dadurch, dass ich weiß, wie ich bin." Das bezieht sich nicht nur auf das "Ding". Die allgemeine Grenze war immer mein Körper: zwischen dem Außen und mir und zwischen der Gesellschaft und mir. In 'Künstlerin zu mieten' kehrte es wieder zurück: Ich fühlte, wie meine physische Präsenz zählte und bis zu welchem Grad sie ein Vehikel ist. Und wie ich mich jedesmal verwandeln muss.

Joanna Rajkowska, "Künstlerin zu mieten" [Artist for rent]
Ihr Palmen-Projekt 'Grüße aus der Jerusalemer Allee' spielt auf das polnische Wort "palm" an, das etwas sinnloses beschreibt. Andererseits verweist es auf Ihre Reise nach Israel und somit auch auf die jüdische Geschichte und Kultur Warschaus. Die Fußgänger und Autofahrer jedoch sehen erst einmal eine Palme in einer osteuropäischen Großstadt. Akzeptieren die Menschen Zeichen, selbst wenn diese keine oder nur eine absurde Bedeutung für sie haben?
Erst einmal ist dieses Projekt wie eine Glasskugel: jede/r sieht, was sie / er darin sehen möchte. Es spiegelt perfekt Erwartungen, Träume und Empörung wieder. Ich verriet lediglich die Quelle für das Projekt: die Reise nach Israel sowie meine Verwirrung über die dortige komplexe Situation und meine absolute Unfähigkeit, sie zu verstehen. Ich wollte den Akzent mehr auf dieses fehlende Verständnis, die Verwirrung und Unheimlichkeit setzen, als auf die ziemlich offensichtliche visuelle Wiederholung. Andererseits verweist der Titel recht deutlich auf die dunkle Seite der polnischen Geschichte. Niemand in Warschau kann sich daran erinnern, warum diese Straße Jerusalem Avenue heißt (die kurze Geschichte der errichteten und zerstörten jüdischen Siedlung im 18. Jahrhundert). Das Projekt lässt sie wieder lebendig werden. Aber nur durch den Titel.
Wenn Sie mich fragen, ob die Leute Zeichen akzeptieren, welche die Palme verkörpert (und Sie haben hier vollkommen recht: Sie hat keine eigene Bedeutung, nur die Absurdität), dann muss ich sagen: Die Reaktionen waren sehr polarisierend, deshalb ist es schwierig, zu sagen, ob sie die Zeichen akzeptieren. Sie lesen sie sicherlich.
Denken Sie, die Menschen hier in Deutschland wissen viel über ihren polnischen Nachbarn?
Schwer zu sagen. Vor kurzem sagte jemand, der die 'Grüße aus der Jerusalemer Allee' auf der Webseite sah: "Oh, ich wusste nicht, dass es in Polen so warm ist, dass dort Palmen wachsen..." Er war sehr jung. Es ist also sicher nicht das beste Beispiel...
Was bedeutet Ihnen die Stadt Warschau? Ist Ihre Arbeit sehr mit der Umgebung verbunden, in der sie entsteht?
Ich denke, die Umgebung ist für mich elementar. Mit Umgebung meine ich die Leute um mich herum. Die meisten meiner Projekte basieren darauf, Situationen zwischen Menschen zu erschaffen. Diese Situationen finden in einem sehr speziellen Kontext statt, der selbst unverändert bleibt und nicht erschaffen wird.
Warschau ist für mich Osten. Polen ist sehr, sehr östlich: wie das Land aussieht, wie die Leute agieren und sich verhalten, wie konservativ und obskur alles ist und wie viel die Religion bedeutet. Ich spüre es sehr, wenn ich kleinere Orte, vor allem im östlichen Teil Polens, passiere. Ich mag es.
Warschau ist ein spezieller Ort mit einer blutigen Geschichte und einem rauhen "jetzt". Es ist ein wenig wie ein riesiger Friedhof, auf dem eine wilde und häßliche Vegetation gewachsen ist. Es ist eine östliche Metropole, nicht weil sie so riesig und weit entwickelt ist, sondern weil es für alles einen mentalen Raum gibt, vielleicht wegen der brüchigen Geschichte. Was wichtig ist: Warschau ist nicht - kann es nicht sein - exotisch für mich. Ich bin ein Teil davon oder möchte es vielleicht sein.