Körper präsentiert Suter, als seien es Gebäude, emporragende Hochhäuser und zerfallene Barracken. Diese mächtigen oder fragilen Gebilde scheinen mit Ornamenten verziert: Hände haben Krallen, andere sind mit Fesseln zusammen gebunden. Gesichter, die überhaupt erst die Identität ausmachen und eine Wiedererkennung am ehesten ermöglichen, fehlen ganz. Sie sind hinter Masken versteckt oder verschwinden aus dem fotografischen Blickfeld.
Gerardo Suter, einer der großen lateinamerikanischen Fotografen der Gegenwart, hat dem menschlichen Körper in seinem Medium eine neue Funktion zugedacht. Der Körper ist nicht einzig das individuelle Abbild einer menschlichen Seele. Er ist Ausdruck eines ganzen Volkes, das Gedächtnis der mexikanischen Gesellschaft, deren zerstörtes kulturelles Erbe im Bild weiterlebt.
Gerardo Suter kam 1957 in Argentinien zur Welt. 1970 zog er nach Mexiko, wo er noch heute lebt und arbeitet. Seine Motive sind menschliche Körper, Masken, Skelette oder Objekte aus der Azteken- und Mayazeit. Seit Mitte der 90er dreht er auch Videos und entwickelt Multimedia-Installationen. Suters Arbeiten waren u.a. auf den Biennalen in São Paolo und Havanna zu sehen.

Einblicke in das Werk von Gerardo Suter...
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In Ihrer Fotografie spielt der Körper eine bedeutende Rolle. Gibt es in der lateinamerikanischen bzw. mexikanischen Kunst eine bestimmte Affinität zum Körper?
Die Präsenz des Körpers ist in den meisten meiner Arbeiten evident, aber ich denke nicht, dass ich bewusst eine Beziehung zur mexikanischen bzw. lateinamerikanischen Kunst herstellen möchte. Es ist etwas, das man vielleicht von Anfang an ein- und ausatmet, ein Teil des alltäglichen Lebens. Vieles in der präkolumbianischen Kunst handelt vom Körper und seiner Beziehung zu einer bestimmten Kosmogonie. Ich nähere mich diesen Gedanken mit Hilfe des Körpers. Er ist ein Vehikel, mit dem ich eine bestimmte Geschichte erzählen möchte.
In Mexiko gibt es christliche Rituale, mit denen die Leute die Passion Christi nachempfinden wollen. Sie verletzen dabei ihren eigenen Körper. Welche Bedeutung hat das Leiden in der mexikanischen Kultur und welche in Ihrer Arbeit?
Im 16. Jahrhundert führten die Eroberer das Christentum ein, und es bestimmt nach wie vor einen großen Teil unseres täglichen Verhaltens. Viel interessanter ist aber die Vermischung der katholischen und präkolumbianischen Kulturen und die Art und Weise, in der diese, manchmal widersprüchlich, das Heilige berühren und uns mit dem Leiden verbinden. In meiner Arbeit ist das Leiden aber kein zentrales Thema. Es ist nur eines von vielen.
Der mexikanische Autor Octavio Paz schrieb, dass Mexikaner Masken tragen. Nach jahrhundertelanger Unterdrückung hätten die Leute gelernt, ihre Emotionen hinter Masken zu verbergen. Zeigen Sie deshalb in Ihrer Arbeit keine Gesichter?
Keine Gesichter zu zeigen bedeutet nicht, eine Person zu verstecken. Dahinter verbirgt sich eher die Idee, eine Personalisierung zu vermeiden. Wenn das Gesicht erscheint, verschwindet die mögliche Universalität des Körpers. Es sind allgemeine Körper, keine speziellen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts thematisierten die mexikanische Wandmaler ("Muralismo") und auch Frida Kahlo das aztekische Erbe. Hat dieses heute noch eine Bedeutung für die mexikanische Identität? Erkennen Sie Ähnlichkeiten Ihrer Arbeit zu der dieser Künstler?
Vielleicht gab es diese Verbindung in den Arbeiten, die in den 80ern und Mitte der 90er Jahre entstanden, allerdings nicht nur mit der aztekischen Kultur. Deshalb war auch meine Einstellung mit der jener Künstler vergleichbar, die sich damals bemühten, die nationale Kultur und die Symbolik wieder herzustellen. Heute bewegt sich die Kunst in eine andere Richtung: eine Suche nach einer neuen Identität, weniger bezogen auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart, eher die Zukunft und die Rolle, die Mexiko in der globalen Arena heute spielt.
In der damaligen Kunst, vor allem in der von José Posada, war der Tod ein häufiges Motiv...
Wenn man über den Tod spricht, spricht man nicht nur über den Tod. Es hat mehr mit dem Leben zu tun, mit der Beziehung dieser beiden Begriffe; schwarz und weiß, Tag und Nacht, Leben und Tod. Es ist immer nur eine Idee, die unmöglich aufzuteilen ist. Es ist eine Idee, in der das eine das andere impliziert: Wenn ich dir eines von beiden zeige, verstehst du vielleicht das andere.
Könnte man sagen, Ihre Arbeit ist teilweise die Verbildlichung eines kollektiven Gedächtnisses?
Die Idee der Fotografie ist bereits eine Art Gedächtnis. Ich würde schon sagen, dass ich auf meine Weise das versuche zu interpretieren, was ich unter Gedächtnis verstehe. Eine Art kollektives Gedächtnis, aber ein zeit- und raumloses kollektives Gedächtnis.
Sie sagten in einem Interview, dass die meisten Künstler, die Sie bewundern, keine Fotografen sind. Man könnte das so interpretieren, dass Sie sich selbst nicht als Fotograf sehen, sondern als Bildhauer, Performance-Künstler.
Ich betrachte mich als Fotograf im Sinne eines Bildermachers. Am meisten interessieren mich aber Leute, die nicht so denken wie ich. Leute, die die Welt anders übersetzen als ich. Dieser Unterschied inspiriert mich.
In Ausstellungen sind die Fotografien Teil von Installationen. Sie werden nicht wie Gemälde aufgehängt. Entstehen diese Installationen als Reaktion auf den Ausstellungsort oder unabhängig davon?
Ich arbeite sehr nah am architektonischen Raum. Ich sage oft, dass nicht das Papier, der Film, der Monitor etc. die Bilder tragen, sondern der physische Raum. Deshalb muss die Arbeit für einen spezifischen Raum entwickelt werden. Ich arbeite gewöhnlich an mehreren Ideen gleichzeitig. Wenn ich einen Ausstellungsraum finde, vereine ich Raum und Werk. Ich stimme die Bilder auf den Raum ab. Ich muss nicht nur darüber nachdenken, was ich zu sagen versuche, sondern auch über die Art und Weise, in der ich meine Ideen der Öffentlichkeit vermitteln will. Ich muss über Material, Oberfläche, Größe, Standort, Reihenfolge usw. nachdenken.
Sie sagten einmal, Internetkunst bedeutet mehr Autonomie. Andererseits habe ich den Eindruck, dass das Interesse der Medien und Museen an Internetkunst noch immer sehr gering ist. Kann man Internetkunst schlecht präsentieren?
Ich würde eher sagen, dass die digitale Sprache, nicht das Internet, mehr Autonomie bedeutet. Ich habe die Möglichkeit, verschiedene Sprachen mit einem Werkzeug zu kombinieren. Falls ich behauptet habe, dass mich Internetkunst befreit, dann muss ich diese Aussage korrigieren. Webkunst ist eine völlig andere Sprache und im Moment bin ich sehr enttäuscht über sie. Künstler und Kuratoren wissen immer noch nicht, wie man mit dieser neuen Sprache umgeht, und wir versuchen alle, alte Wege zu finden, um in einer völlig neuen, sich verändernden und instabilen Sprache etwas zu erzählen. Wir brauche etwas mehr Zeit, dieses zu berichtigen, aber es wird dauern und desillusionieren.
Kann das Internet einen Ausstellungsraum ersetzen?
Nein, nein, nein. Der reale und der virtuelle Raum haben eine unterschiedliche Architektur. Wir können uns nicht auf die gleiche Art in dem einen wie in dem anderen bewegen. Sie sind verschieden, und die Arbeit muss in dem einen Raum anders präsentiert werden als im anderen. Als Künstler müssen wir verschiedene Wege finden, Ideen in Übereinstimmung mit dem Raum zu kommunizieren.
Wie würden Sie Ihr Internetprojekt "nexus.gs" beschreiben?
Das Projekt teilt sich in "espacioblanco" und "hybridum". Das erste Kapitel ist eine digitale Sammlung meiner Arbeiten (Bilder, Texte, Links, etc.). Das zweite enthält Webangebote, fertige und nicht-fertige Arbeiten, die ich entwickelte, um den realen und den virtuellen Raum zu verbinden. Ich weitete die Idee der Installation vom physischen Raum auf den anderen aus und versuchte, beide Architekturen bzw. die Art und Weise, in der die Betrachter oder Nutzer mit den Arbeiten in dem jeweiligen Raum konfrontiert werden, zu kombinieren.