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07.02.2005
Ungeliebte Helden

Pedro Almodóvars Groteske über menschliche Leidenschaften und männliche Sexualfantasien.

Von Boris Hänßler

Gute Drehbuchautoren wissen, dass sie auf einen dramatischen Höhepunkt hinarbeiten müssen. Filmische Tragödien greifen deshalb meist in ihrem Aufbau Elemente der klassischen griechischen Tragödien auf. Ein stimmiger Film benötigt jene Wandlung, die einen durchschnittlichen Helden vom Glück ins Unglück stürzen lässt. Auf der Leinwand folgt dem Unglück in der Regel die Schilderung des Umgangs mit den Ereignissen. Der Held erlangt die Erkenntnis der eigenen Schuld oder macht sich zumindest selbstzerfleischende Vorwürfe, ehe ein - in der heutigen Verwendung dieses Wortes - tragisches Ende folgt. Das Finale ist der unvermeitliche Untergang.

Nur selten gelingt es Regisseuren, dieses Schema zu verwenden und gleichzeitig zu verwerfen, indem sie gleich von Beginn an das Unglück einführen und ihre Protagonisten in einer eher seltsamen Abwandlung des Glücks enden lassen. Die Figuren, nicht die Zuschauer, machen die Karthasis durch. Das Glück ist dann, das Unglück akzeptiert und sich mit den schrecklichen Geschehnissen arrangiert zu haben. "Monster's Ball" ist ein gelunges Beispiel, "Sprich mit ihr" ebenfalls.

Pedro Almodóvars Film beginnt mit einer Balletszene, in der zwei Männer aus dem Publikum auf zwei auf der Bühne agierende Tänzerinnen schauen. Die Ballerinas schildern ihren Verfall in den Wahnsinn. Die Aufführung bietet den beiden Männern auch einen Blick in ihre eigene Seele. So erfahren wiederum die Kinozuschauer als Dritte, dass hier zwei absolut verlorene Menschen sitzen, die jedoch unterschiedliche Strategien entwickelt haben, mit ihrer Einsamkeit umzugehen.

Der eine ist Krankenpfleger und betreut fast rund um die Uhr eine junge, ins Koma gefallene Frau. Er war ihr bereits vor ihrem Unfall begegnet, doch er war so unbeholfen aufdringlich, dass sie Angst vor ihm empfand. Da sie sich inzwischen nicht mehr wehren kann, behandelt er sie wie seine Freundin. Der andere Mann, ein Journalist, verliebt sich in eine Stierkämpferin, die etwas später ebenfalls nach einem Unfall ins Koma fällt.

Man kann diese Ereignisse mit dem Dämon vergleichen, der in der griechischen Tragödie zerstörerisch in das Geschehen eingreift. Doch führt das Unglück hier lediglich zwei Männer zusammen, die nichts als ihre Trauer gemeinsam haben. Sie lernen sich im Krankenhaus kennen. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Freundschaft. Sie setzen sich auf einen Balkon und unterhalten sich mit den beiden ins Koma gefallenen Frauen wie zwei befreundete Pärchen beim Picknick. Das Unglück tritt noch einmal ein, als der Pfleger seine Patientin missbraucht und diese schwanger wird.

Almodóvar stellt seine beiden Protagonisten nicht bloß. Die Handlung wirkt grotesk und brutal, doch je mehr sich der Film mit seinen Helden befasst, desto weniger komisch oder bedrohlich erscheinen sie. Von der ersten Minute an schildert Almodovar die Geschehnisse in ungewöhnlich ruhigen, fast meditativen Bilder. Die Kamera steht still oder bewegt sich langsam. Die Schnitte sind behutsam gesetzt. Die wundervolle Musik trägt ihr Übriges zu dieser Atmosphäre bei. Es ist erstaunlich, wie es dem Regisseur gelingt, ein derartiges Themengebiet, dass von männlichen Sexualphantasieen, von unterdrückten Leidenschaften, von Tod, Wiedergeburt, Missbrauch, Freundschaft und Entfremdung erzählt, ohne Pathos und Klischees darzustellen. Im Gegenteil greift er gängige Klischees wie den Stierkampf oder den Flamenco als Rahmen auf, innerhalb denen er seine Anti-Helden, die mit den Torreros und leidenschaftlichen Tänzern nichts gemeinsam haben, agieren lässt. Die ins Koma gefallene Frauen entsprechen überdies den romantischen Männerfantasien, in denen die Dichter ihre bleichen Geliebten anhimmeln und sie damit nicht zu Idealwesen der Schönheit verherrlichen, sondern eigenltich nur zu wehrlosen Puppen degradieren.

Der Pfleger ist ein einsamer unglücklich Liebender, der sich in eine Fantasiebeziehung hineinsteigert und seine Tat nicht mehr als Missbrauch verstehen kann. Nicht wegen seiner Schuld, sondern um näher bei seiner Geliebten zu sein, will er sich schließlich selbst ins Koma versetzen lassen. Am Ende steht wieder eine Ballettszene, die den Film in all seiner Komik und Traurigkeit, die auch Musik und Tanz noch einmal resümiert.

Und auch in seinem Ende widersetzt sich der Film dem traditionellen Aufbau, in dem er kein wirkliches Finale anbietet. Man ist längst eingelullt in diese Ruhe. Man wünscht sich, dass der Film noch stundenlang so weitergeht, noch mehr erzählt. Und Almodovar lässt kurz vor dem Abspann einen Episodentitel einblenden, um diesen Wunsch zusätzlich zu untermalen. "Sprich mit ihr" vermittelt in seiner Melancholie stets eine kleine Hoffnung. Der Film ist in jeder Hinsicht stimmig. Er ist bisher Almodovars überzeugendste Arbeit.