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a Vela - das Kunstmagazin
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21.03.2005
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Schau nach links, da ist ein Schwede!
Natasha Arthys Dogmafilm 'Alt, geliehen, neu und blau' über die Vorleiden einer Hochzeit und lang verdrängte Sehnsüchte.
Von Boris Hänßler
Inzwischen existieren weit über 30 Dogma-Filme. Der Minimalismus, als Gegenentwurf zu den technisierten Hollywood-Produktionen ins Leben gerufen, ist längst auch in anderen Ländern angekommen. Zuletzt erschienen Dogma-Filme aus Spanien, den USA, Chile und Belgien. Die dänische Produktion 'Alt, neu, geliehen & blau’ indes, offiziell der 35. Dogma-Film, schließt sich thematisch den Vorgängern aus demselben Land an. 'Open Hearts', 'Italienisch für Anfänger', 'Das Fest' und 'Idioten' sind die bekanntesten Werke, und Regisseurin Natasha Arthy gelingt es mühelos, sie alle zu zitieren, ohne ihre Arbeit als müden Abklatsch zu inszenieren.
Die Grenzen zwischen Oberfläche und Abgründen oder Normalität und Geisteskrankheit haben die Dogma-Regisseure oft zu verwischen, wenn nicht sogar umzukehren versucht. Arthys Film beginnt konsequenterweise in der Psychiatrie. Dort steht Katrine vor einem Spiegel und übt ihr Geständnis, dass sie ihrer Schwester Mette überbringen will: Sie möchte in einigen Tagen ihren Freund Jonas heiraten. Mette ist in der Psychiatrie, seit ihr Freund Thomsen sie vor einiger Zeit sitzen gelassen hatte und nach Afrika abgehauen war. Sie wartet seither in tiefster Depression auf seine Rückkehr.
Katrine hat Angst, ihr in diesem Zustand vom eigenen Liebesglück zu erzählen. Die Furcht vor der unbequemen, verletztenden Wahrheit bringt sie allerdings in weitere schwierige Situationen. Denn auch gegenüber Thomsen ist sie unehrlich. Der steht plötzlich vor ihrer Tür und erklärt etwas später, er habe einen HIV-Test gemacht. Katrine solle für ihn das Ergebnis erfragen. Der Test ist positiv, aber das verschweigt sie. Und ihrem künftigen Ehemann Jonas sagt sie nicht, dass sie mit Thomsen einst eine Affäre hatte.
Es ist also eine Welt aus Lügen und Trug. Denn auch Thomsen rückt mit der Sprache nicht so richtig raus. Eigentlich floh er damals wegen Katrine, und da er nun von ihrer Hochzeit erfährt, verschweigt er notgedrungen, dass er noch in sie verliebt ist. Jonas wiederum ahnt es, sagt aber nichts. Außerdem leidet der anscheinend unter verdrängter Homosexualität, wie nur in Anspielungen mühsam zu erkennen ist. Erst gegen Ende wird dies deutlicher.
Es kommt die Nacht vor der Hochzeit und jeder tut, als sei alles in Ordnung und als ginge das Leben seinen gewohnten Lauf. Doch die Lügen und die Verschwiegenheit können schließlich nur noch im Exzess ertragen werden. Katrine schluckt mit Thomsen Ecstasy-Pillen, lässt sich im Highzustand Rastalocken drehen und landet nach einer gescheiterten Entführung Mettes im Gefängnis. Jonas feiert ekstatisch seinen Junggesellenabend und schläft nackt unter Katrines Hochzeitskleid neben seinem besten Freund seinen Vollrausch aus. Die Nacht kommt einer Läuterung gleich, die am Morgen der Hochzeit das Leben aller Beteiligten endgültig ändern wird. Es wird für alle eine Umkehr ihrer verlogenen Existenz.
Was die Dogma-Filme schon aufgrund ihrer Regeln, nur auf am Drehort vorhandene Requisiten zurückzugreifen, auszeichnet, ist ein außerordentlich überzeugender Realismus. Was aber die meisten dänischen Regisseure vor allem auszeichnet, ist ihr Gespür für die Technik, mit der sie arbeiten. Mit einer Kamera herumzuwackeln, um damit die Unsicherheit der Protagonisten darzustellen, ist noch keine Kunst und vermittelt in vielen Filmen eher den Eindruck, jemand versucht unbeholfen auf experimentell zu machen.
Aber wie schon Lars von Trier, Thomas Vinterberg und Lone Scherfig weiß auch Natasha Arthy diese Erzählmittel sehr behutsam einzusetzen und damit in den dramatischen Momenten eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Gefühle werden nicht übertrieben dargestellt. Die Figuren wirken authentisch, und auch der ständige Wechsel zwischen Komödie und Drama ist glaubwürdig.
Natasha Arthys Kinodebüt 'Miracle' erzählte die Geschichte eines Jungen, der sich alles Erdenkliche durch Zauberei herbeiwünschen kann, dann aber doch das Glück in jenen Dingen findet, die sich mit menschlichen Mitteln erreichen lassen. Auch in 'Alt, neu, geliehen und blau' (der Originaltitel ist mit dem Reim 'Ser til venstre, der er en svensker': "Schau nach links, da ist ein Schwede" weitaus lustiger) versuchen die Figuren ihr Glück auf einem für sie möglichst bequemen Weg zu finden, weil sie wissen, dass die Wahrheit manchmal zu schmerzhaft ist. Sie verdrängen sie nur. Die ständige Bedrohung, dass alles jeden Moment zusammenbrechen kann, kulminiert in diesem Film in einer ausschweifenden Nacht. Das Ende ist für alle dann der lang ersehnte, gewaltige Befreiungsschlag.
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