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a Vela - das Kunstmagazin
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25.07.2005
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Brasiliens Gesichter
Jenseits von Samba und Sonne: Brasilianische Fotografen zeigen im Ludwig Museum Koblenz auch die Schattenseite ihres Landes.
Von Boris Hänßler
Ein umfassendes Porträt Brasiliens scheint diese Ausstellung von zeitgenössischer Fotografie anzustreben. Da sind zwar auch die Bilder Pablo di Giulios vom berühmten Karneval in Rio, doch schon diese zeigen die Ambivalenz, die dieses Land prägt: Einerseits farbige Kostüme, Erotik, Tanz und, man hört es fast, Musik. Andererseits gestresste Gesichter, Anspannung und Trauer. Allein Giulios Bilder bestätigen die von Michael Juncker, Vorsitzender des "Brazilian Art Project", angekündigte Felicidade und Tristeza, "die Schlüsselworte Brasiliens, einem Land, das trotz aller sozialen Problemstellungen immer bereit zum Optimismus ist und stets hoffnungsfroh auf jeden neuen Tag blickt."
Die Ausstellung findet im Rahmen des "Brazilian Art Projects" statt, welches das Ludwig Museum in Koblenz mit dem Instituto Genesis in Londrina, Brasilien, erarbeitet hat, das laut Auskunft des Museums das derzeit größte Kunstprojekt Brasiliens ist. Außer verschiedenen Ausstellungen entsteht ein Almanach brasilianischer Künstler, der auch im Internet veröffentlicht wird, und es soll Stipendien für junge Brasilianer geben. Im Herbst dieses Jahres zeigt das Ludwig Museum brasilianische Malerei, Skulptur, Videos und Installationen. Die etwa 200 Fotografien, die "Brasiliens Gesichter" vorstellt, sind ein Vorgeschmack (und weit mehr als das) für die im Herbst folgenden Projekte. Die Bilder waren bisher nie in Europa zu sehen.
Eduardos Muylaerts Strandfotografie ist eines der ersten Fotos, die einem beim Rundgang begegnen. Es zeigt einen riesigen Strand mit ein paar Badegästen. Doch wie um die allein durch die Motivauswahl suggerierte Urlaubsstimmung zu konterkarieren, hat Muylaerts das Bild entweder in der Dämmerung oder an einem regnerischen Tag aufgenommen. Die Menschen sehen nicht gerade entspannt aus. Sie scheinen eher verloren und einsam, als würden die riesigen Betonbauten im Hintergrund die sonst mit Brasilien assozierte Fröhlichkeit und Geselligkeit sabotieren.
Und so geht es weiter mit der Demontage eines reinen Sonnen-Images mit den beklemmendsten Fotografien dieser Ausstellung, einer Reihe von dokumentarischen Aufnahmen von Kinderarbeitern, kindlichen Prostitutierten und andere Misständen. Die Kinder gestikulieren wie Erwachsene mit einer langen Lebenserfahrung, nur ihre kleinen Körper und Gesichter lassen noch das tatsächliche Alter erraten.
Wie in der Großstadtfotografie jedes Landes fehlen nicht die Bilder von Transvestiten, aber auch hier endet die in der Kunst oft genug verherrlichte Prostitution mit einem Schock. Cesar Oiticica fotografierte eine junge Frau, die halbnackt auf einem Bett sitzt, einen Schnuller im Mund hat und ängstlich nach den aus dem Bild verbannten Freier schaut.
Höhepunkt von Brasiliens Schattenseite ist schließlich eine Diainstallation mit Bildern – etwas theatralisch warnt ein Schild im Museum die Besucher vor den folgenden Gewaltszenen – von Verbrechen in den Elendsvierteln. Erschossenen, erschlagene und erstochene Menschen, die blutend auf der Straße liegen und Polizisten, die routiniert den Tatort begutachten. Die Präsentation der Fotos erinnert bewusst an eine private Diashow, um noch ein letztes Mal die Unterschiede zwischen Idyll und Elend zu akzentuieren.
Doch wie eingangs erwähnt, wird nicht nur Leid gezeigt. Carolina Andrade führt in eine Welt ein, die bei einem Porträt Brasiliens natürlich nicht fehlen sollte, nämlich die Musik. Ihre Bilder sind Momentaufnahmen von Konzerten, als hätte man sein Bossa-Nova-Tape kurz angehalten, um sich die Interpreten etwas genauer anzusehen, ihre Leidenschaft, aber auch ihre Biografie.
Sehr verspielt sind die Aufnahmen von Daniel Renault, der mit Honig in Wasser experimentierte und dies in sehr warmen Farben wiedergibt, oder Rosa de Lucas teilabstrakte Fotografien eines Schwimmers, oder Nario Barnosas poppig-gestrichelte Szenen aus dem Alltag Brasiliens. Kritik an dem brutalen Umgang mit der Regenwald thematisiert Marcos Santilli. Ricadro Stuckert zeigt einen bemalten Ureinwohner – auch sie sind ein oft vergessener, aber sehr wichtiger Teil der brasilianischen Identität.
Ein letzter Punkt ist die Spiritualtität dieses Landes. José Bassit ist vier Jahre lang umhergereist und hat traditionelle religiöse Feste aufgesucht. Mit großem Einfühlungsvermögen hat er den Glauben festgehalten und dessen Bedeutung für die Menschen. Ein Bild zeigt eine Hand, die den (künstlichen) Leib Christi zärtlich berührt, eine sehr intime Szene, die eine intensive spirituelle Erfahrung zu vermitteln vermag.
Vermutlich werden wir in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr von dieser jungen brasilianischen Kunst zu sehen bekommen. Die Ausstellung zeigt jedenfalls, dass ein Blick nach Brasilien auf die dortige Kunst mehr als lohnt. Nicht nur weil es selbst für die einheimischen Künstler in dem Land noch viel zu entdecken gibt. Auch weil die etwa 30 in Koblenz vorgestellten Fotografen sich mühelos an die ganz großen des vergangenen Jahrhunderts anschließen, nüchtern dokumentarisch oder poetisch, verspielt oder abstrakt, aber immer mit viel Sympathie für die Menschen, und deshalb mühelos verständlich.
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