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21.11.2005
Die blauen Augen von Barcelona

Mit diesem Werk gelingt Josep Pla eine außerordentlich persönliche Würdigung des wohl bekanntesten und kontroversesten Architekten Spaniens, Antoni Gaudí i Cornet. Er hat wie kein anderer das Gesicht seiner Heimatstadt Barcelona geprägt und ist somit allgegenwärtig. An jeder Ecke entdeckt man die Handschrift des Architekten, dem Pla in seinem Werk eine literarische Form gibt. Dadurch gewinnen Gaudí und seine Bauwerke für den Leser an Plastizität und Echtheit.

Von Claudia Haevernick

Antoni Gaudí wurde am 25. Juni 1852 in Reus, einer kleinen Stadt in der Nähe von Tarragona geboren, wobei noch heute um den dazugehörigen Landkreis gestritten wird, in dem Gaudí getauft wurde. Nicht nur darin spiegelt sich die tiefe Bewunderung und auch Liebe der Landsmänner zu "ihrem" Architekten wieder. Mit Gaudí wird eine ganze Epoche der Architektur verknüpft, der Modernisme. Bis heute ist diese außergewöhnliche Stilrichtung das Markenzeichen der katalonischen Architektur.

Wie so oft wird das Besondere erst durch die Verkettung von unglücklichen Zufällen und Gegebenheiten geboren. Gaudí, der Sohn eines Kupferschmiedes, litt schon früh unter Rheumatismus und konnte nie mit den anderen Kindern draußen spielen und toben. Stattdessen verordneten ihm Ärzte einen strikten Diätplan und regelmäßige, schonende Bewegung. So kam es, dass Gaudí bereits als Kind ausschweifende Spaziergänge durch die Natur und Landschaft unternahm und dabei wohl seine ausgezeichnete Beobachtungsgabe schärfte.

Und so kommt es wohl auch, dass Gaudí sich schon während seiner Schulzeit in Reus ausgesprochen stark für Architektur interessiert und anschließend mit siebzehn sein Architekturstudium an der Escola d'Arquitectura in Barcelona beginnt. Zu dieser Zeit stammen die meisten Einflüsse aus dem "neuen" Paris, welche die Architektur weltweit prägen und veränderen. Gaudí hatte ebenfalls eine sehr starke Verbindung zum Modernisme, allerdings nutze er dabei vor allem die Freiheiten, die prägend für diesen Stil waren.

Das Augenmerk des Buches liegt, architektonisch gesehen, auf wohl Gaudís größtem und wichtigstem Auftrag, der Erschaffung der "Sagrada Familia", der Kathedrale der Heiligen Familie. Im Winter 1883 übernimmt Gaudí den Bau von dem weitaus berühmteren Architekten Francisco de Paula de Villar, der seine Arbeit an der Kathedrale bereits nach einem Jahr abgeben wollte. Mit den Auftraggebern der Sagrada Familia hatte er sich hoffnungslos überworfen.

Als Gaudí den Auftrag seines Lebens annahm, begann er zuerst bestehende Sitten und Muster über Bord zu werfen. Er wollte etwas nie dagewesenes schaffen. Und auch hier kann man sagen, dass Gaudís Abweichungen von Konzepten immer bedeutender und beeindruckender waren, als die Konzepte selbst es je hätten sein können. Auch die Widersprüchlichkeit des Architekten prägte stets seine Arbeiten. So rigoros er früher Gott und den Glauben ablehnte, so wichtig war er für ihn in den späteren Jahren geworden und er wollte, dass man dies auch seinen Werken ansieht.

Antoni Gaudí selbst war nie sehr eitel oder exzentrisch. In den letzten Jahren seines Lebens verlagerte er seinen Schlafplatz an seine Arbeitsstelle, um Kosten zu sparen und so nah wie möglich bei seiner Arbeit verweilen zu können. Er war sich auch nie zu fein, um persönlich nach Spenden zu bitten und versuchte immer, die Menschen von seiner Idee zu überzeugen. Obwohl seine Leiden immer schwerwiegender wurden und er stark an Gewicht verlor, stellte er sich ganz in den Dienst der Sagrada Familia.

Am 7. Juni 1926 wurde der Architekt auf einem seiner Spaziergänge von einer Straßenbahn angefahren und schwer verletzt. Unerkannt kommt er ins Krankenhaus, wo er nach drei Tagen, so wie er es gewollt hatte, unter Armen starb. Die ganze Stadt, das ganze Land war in tiefer Trauer. Antoni Gaudí wird mit Duldung des Papstes in seiner Sagrada Familia beigesetzt und findet dort seine letzte Ruhe. Sein ganzes Vermögen hinterließ er zum Fertigbau seiner Kathedrale, die auf Grund seines unglaublichen Engagements und seiner Willenskraft vollendet werden konnte.

Josep Pla, der berühmteste Schriftsteller Kataloniens, beschreibt das Leben und Wirken Gaudís plastisch und spannend. "Die Blauen Augen von Barcelona" ist keine trockene Biographie eines Architekten, Pla ist vielmehr ein interessanter und persönlicher, kleiner Roman gelungen.

Dieses Buch ist aus einer neuen Reihe des Berliner Berenberg Verlages, welcher es sich zum Schwerpunkt gemacht hat, Anspruchsvolles in kürzerer Form, einmal anders zu erzählen. Darunter sind Autobiographien, Essays und Texte von berühmten Autoren zu wichtigen Themen. Ausgesprochen schön ist auch die äußere Aufmachung des Buches. Eine Hardcoverausgabe, die durch ihr klares aber auch ungewöhnliches Design heraus sticht und auf den Inhalt neugierig macht.


"Gaudí, die blauen Augen von Barcelona", Josep Pla, Berin (2005), Seiten.