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09.01.2006
Neue Musikexperimente

Die von Lydia Jeschke, Daniel und Lukas Ott herausgegebene Publikation spiegelt das kreative Schaffen des Musikfestivals 2005 im Schweizerischen Rümlingen wieder. Thema war der gegenüber gestellte Dialog, der sich auch in der inhaltlichen Form des Buches widerfindet.

Von Claudia Haevernick

Wie immer vermutet man hinter dem Veranstaltungsort eines Musikfestivals für Neue bzw. Experimentelle Musik eine große, aufgeschlossene und populäre Großstadt wie Berlin oder Zürich.

Das Festival für Neue Musik, Theater und Installationen, entstand jedoch im kleinen 300 Einwohner-Dorf Rümlingen an der Alten Hauenstein-Bahnlinie Basel-Olten im Kanton Baselland. 1990 fanden dort, als einmalige Aktion geplant, zwei Konzerte mit zeitgenössischer Musik statt. In diesem Sommer jährte sich das Festival Rümlingen nun bereits zum 16. Mal.

Die Thematiken der jeweiligen Aufführungen und Installationen waren oft politisch motiviert oder setzten sich kritisch mit dem Zeitgeschehen auseinander. Gefördert wurde das Projekt durch den Kanton Baselland, der aufgrund eines Kulturkonzeptes entschied, sich für das Dorf und die künstlerische Arbeit einzusetzen.

Schon bald wurde der organisatorische Aufwand um ein vielfaches größer, das Festival konnte nicht mehr "nebenbei" auf die Beine gestellt werden. Stattdessen kümmert sich nun ein zwölfköpfiges Team um die Entstehung und Umsetzung.

Innerhalb des Buches finden sich Arbeiten von Künstlern, die ihre Konzepte für das Festival vorstellen wie zum Beispiel das Projekt "Stets" von Helmut Lemke.

Er beschreibt Inhalt und Aufbau seiner Installation sowie die Wirkung, die er damit bei den Betrachtern erreichen möchte. Dies gibt einen interessanten Einblick in die Schaffensweise von Künstlern, in die vielfältigen Vorbereitungen und wichtigen Details, die zu Bedenken sind.

Ein anderer Beitrag von Matthias Rebstock befasst sich mit neuen Rollenkonzepten im Theater und spiegelt somit erneut eine ganz andere Facette des übergestellten Themas wieder.

Zuerst bezieht er sich auf die These von John Cage, der sagt, auf der Bühne müsste man nur seine Arbeit verrichten, ohne zu überlegen, welche Rolle man gerade spielen oder einnehmen müsste, alles andere sei schlecht. Cage möchte, dass Klänge, Theaterstücke oder andere Kunstformen nur alleine für sich selbst stehen und aus sich selbst heraus bedeutungsvoll werden. Die Einfärbung vom Autor, Schauspieler oder den Musikern hält er für verfälscht.

Somit ist das Rollenprinzip zumindest von Cage eindeutig: Er hat keines und hält es auch in keiner Weise für nötig, sonder eher unangebracht. Im Gegensatz dazu steht Kegel, der die Rolle des "Trägers" als enorm wichtig einstuft, und in dessen Musikverständnis die wahre Botschaft erst durch das Zusammenspiel beider Komponenten freigegeben wird.

Des Weiteren folgen viele vielschichtige Beiträge wie ein Essay über die Politische Musik der letzten Jahrzehnte von Max Nyffeler, ein langer Monolog zum Thema "Ort und Zeit" von Manos Tsangaris und dazwischen immer wieder E-mails von Künstlern und Veranstaltern, die das bunte Hin und Her,im Vorfeld des Festivals dokumentieren.

Im letzten Drittel des Buches folgen Fotographien und die umfassende Auflistung aller Programme des Festivals Rümlingen zwischen 1990 und 2004, sowie ein Autoren- und Werkverzeichnis.

Man muss ein gewisses Maß an Musikverständnis mitbringen, um mit dem vielen Inhalt zurechtzukommen, aber insgesamt ist "Geballte Gegenwart" eine eindrucksvolle Begleitung und Dokumentation des Festivals. Kurze, sachliche Essays wechseln sich mit literarischen Texten ab, Werkstattberichte mit persönlichen Statements.

Vervollständigt wird dieses abwechslungsreiche und umfassende Werk, durch die beiden beiliegenden CDs, deren 140 Minuten Musik das Motiv des Projektes abrunden.

"Geballte Gegenwart. Experiment Neue Musik Rümlingen", Lydia Jeschke, Daniel Ott, Lukas Ott (Hrsg.), Christoph Merian Verlag (2005), 234 Seiten.