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16.01.2006
Spätes Erwachen

'So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase' von Hanna Gagel strahlt so viel Zuversicht und Respekt aus, dass es nicht verwunderlich ist, dass die Autorin selbst, ihr künstlerisches Potential erst nach ihrem vierzigsten Geburtstag (wieder) entdeckt hat. Mit viel Einfühlungsvermögen und Hintergrundwissen widmet sich Gagel einer Auswahl von bedeutenden und beeindruckenden Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Hannah Höch oder Niki de Saint Phalle.

Von Claudia Haevernick

Die 1935 in Bremen geborene Hanna Gagel studierte Kunstgeschichte, Literatur und Geschichte in Heidelberg, Bonn und Berlin, wo sie auch 1970 promovierte. Anschließend begann sie als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Berlin zu arbeiten, wobei sie stets zeitgleich als Organisatorin mehrerer Kunstausstellungen in der "Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst" in Berlin, sowie der Kunsthistorikerinnen-Tagung 1984 in Zürich, tätig war.

Seit 1975 befasst sich die Autorin mit Lehr- und Forschungstätigkeiten zu den Themen Malerei, Grafik, Fotographie und Bildhauerei von Frauen seit der Renaissance bis heute.

Der letztendliche Antrieb zu diesem Buch war vielleicht ihr eigener, verhältnismäßig später Zugang zu einem neuen Gebiet. Denn erst mit Ende vierzig begann Gagel, sich voll und ganz einem neuen Motiv zu widmen: der Kunst von Frauen. Seit ihrem fünfzigstens Lebensjahr bis hin zu ihrer Pensionierung hielt sie umfassende Vorträge über die "Frauenkunst", die sie so sehr in ihren Bann gezogen hatte.

Erst mit sechzig Jahren veröffentlichte die Autorin ihr erstes Buch zur unterschiedlichen Wahrnehmung der Kunst, von Mann und Frau. Jetzt, zehn Jahre später, erscheint nun ihr zweites Buch über Künstlerinnen in ihrer dritten und oftmals kreativsten Lebens- und Schaffensphase.

Hanna Gagel legt Wert darauf, dass die Portraits der Frauen innerhalb ihres Buches nach ihren Lebensdaten angeordnet sind, nicht nach ihrer Wichtigkeit, was es sonst natürlich fast unmöglich gemacht hätte, überhaupt eine Auswahl zu treffen.

Die Einleitung befasst sich mit dem Thema Alter an sich und der Auswirkung auf die Künstlerinnen und deren Werke. Die Gründe, warum Frauen in dieser Lebensphase oftmals ein ungeahntes, kreatives Potential freigeben, sind wahrscheinlich so vielschichtig und individuell, als dass man sie allgemeingültig festschreiben könnte.

Einer davon könnte jedoch das "Ticken der biologischen Uhr" sein, das sichere Wissen, dass die Lebenszeit begrenzt ist und man das größere Stück davon bereits hinter sich gelassen hat. In solch einer Situation ist man gezwungen, Prioritäten zu setzten, und man kann sich voll und ganz auf die Kunst konzentrieren. Auch scheint das Arbeiten unvoreingenommener und vor allem unbekümmerter möglich zu sein.

So unterschiedlich die einzelnen, portraitierten Frauen auch sind, eines haben sie gemeinsam: Sie bewältigten eine große Lebenskrise um die fünfzig, aus der sie gestärkt und neu geordnet heraustreten konnten.

Wie zum Beispiel Marianne Werefkin, die 1914 in die Schweiz flüchten musste, nachdem der Erste Weltkrieg ganz Deutschland erschüttert hatte, und all ihre, bis dato angefertigten Werke, sowie ihre finanziellen Ersparnisse vernichtet wurden. Fast zeitgleich wurde sie von ihrem geliebten Mann und künstlerischem Wegefährten Jawlensky für eine Jüngere verlassen. Werefkin schaffte es, diese starke Krise in ihrem Leben produktiv zu nutzen.

Oder die bekannte Künstlerin Niki de Saint Phalle, welche die weltberühmten Nanas erschaffen hat. Sie erkrankte, als sie auf die fünfzig zugeht, an einer Lungenkrankheit, die sie sich durch ihre Arbeit mit dem Werkstoff Polyester zugezogen hatte.

Ebenso ging ihre Ehe mit Jean Tinguely zu Ende, und so stand sie vor der Entscheidung, in welche Richtung sie nun gehen sollte. De Saint Phalle entschied sich zu einem riesigen Kunstprojekt, einem Skulpturenpark, der Tarot- Garten, dem sie siebzehn Jahre ihres Lebens widmete.

Eine weitere Gemeinsamkeit aller Künstlerinnen ist das späte Entdecken der eigenen Fähigkeiten und vor allem das Vertrauen in sich selbst und in die eigene Kunst. So sagte Marianne Werefkin einmal über ihr früheres Leben, ein wenig stellvertretend für alle: "Ich habe mir selbst nicht vertraut, und deshalb ist meine Leben zum Teufel gegangen".

Hanna Gagel gelang ein tiefsinniges Portrait von Frauen in ihrer dritten Lebenshälfte, die erst dann zur vollständigen Nutzung ihres gesamten Repertoires kommen konnten und schließlich über Spotter, Neider und schließlich über sich selbst gewonnen haben.

"So viel Energie. Künstlerinnen in der dritten Lebensphase", Hanna Gagel, Aviva (2005), 268 Seiten.