Home

  E-Mail

  Impressum

  Haftung

  Mitarbeit

  Über uns

  Themen

  a Vela - das Kunstmagazin
10.04.2006
Der reisende Reisende

Der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago und seine nüchterne Reise durch sein Land.

Von Boris Hänßler

"Diese portugiesische Reise ist eine Geschichte. Die Geschichte eines Reisenden innerhalb der Reise, die er gemacht hat, die Geschichte einer Reise, die einen Reisenden in sich trägt, die Geschichte einer Reise und eines Reisenden, vereint einer bewussten Verschmelzung dessen, der sieht, und dessen, das gesehen wird, eine nicht immer friedliche Begegnung von Subjektivem und Objektivem."

So beginnt José Saramgo seine portugiesische Reise, die er dem Urreisenden aller Portugiesen, Almeida Garrett, widmet. Garrett war Vorbote der Romantik, seine "Viagens na minha terra" gehören zu den Klassikern der portugiesichen Literatur. Saramago hat sich die Messlatte für seine eigenen Reisen sehr hoch gelegt.

Um es vorwegzunehmen, es ist dem Reisenden (so nennt sich der Erzähler bis zu zehn Mal je Seite) nicht gelungen, ein neues Standardreisewerk zu schreiben. Dabei waren die Voraussetzungen nicht schlecht. Saramago ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Erzähler des Landes, seine Bücher verkaufen sich gut und seine ständige Wachsamkeit ist eine Bereicherung für jede politische Debatte in Portugal. So müsste er eigentlich nur das eine mit dem anderen verbinden, seine Beobachtungsgabe mit seinem erzählerischen Talent, seiner Landeskenntnis, seiner Bildung und seinem sozialen Gespür.

Doch Saramagos Reise ist eine regelrechte Hetze durch alle Dörfer, Landstriche und Städte Portugals. Er startet an der spanischen Grenze bei Miranda de Douro, im Nordosten und fährt mit dem Auto alles ab, was eine ausführliche Landkarte hergibt. Er besichtigt Kirchen, Museen, Kirchen, Schlößer, Kirchen. Vor allem Kirchen.

Seine Beschreibung der Universitätsstadt Coimbra bringt seine Intentionen auf den Punkt: "Hätte der Reisende genügend Zeit, würde er sich auf die Suche nach dem eigentlichen Coimbra machen, die Universität dort oben vergessen und in die kleinen Häuser an der Couraça de Lisboa und in den engen Seitengassen hineingehen, sich mit den Leuten unterhalten und hinter ihre Masken schauen." Ja, hätte er sie vergessen, die Universität, die Kirchen, die historischen Fakten. Hätte er von den Menschen erzählt, er hätte etwas Leben in das Buch gebracht.

Was ihn von Garrett unterscheidet, ergibt sich in einem weiteren Zitat. Saramago zitiert im ersten Kapitel sein großes Vorbild: "An dieser Stelle sollte man sich den Meister aller Reisenden in Erinnerung rufen, der, als er nach Azambuja kommt, mit seinen Worten sagt: 'Man eilt, in einem eleganten Haus abzusteigen, das die drei Bereiche Hotel, Restaurant und Café in sich vereint. Heiliger Himmel! Welch eine Hexe an der Tür! Welch ein Loch! Da fällt einem ja die Feder aus der Hand.'" Es ist bezeichnenterweise eine der seltenen Stellen in Saramagos Buch, die lebendig wirken.

Beinahe emotionslos und stets routiniert fährt Saramago seine Strecke ab, betet historische Fakten und Ereignisse herunter, verliert sich manchmal in seinen melancholischen Reflektionen über Landschaften und sich selbst, scheint sich alles in allem wenig für die Menschen zu interessieren. Oder besser gesagt, er verweigert dieses Interesse dem Leser. Der Reisende unterhält sich nämlich erstaunlich häufig mit Einheimischen, schreibt dann aber wie im folgenden Zitat: "Der Reisende hat noch Zeit, auf das Summen der Bienen zu horchen (...) als eine Dame erscheint und sich nach seinem Anliegen erkundigt. Sie ist die Nichte von Camilos Urenkel, eine sehr zuvorkommende Frau, die die Fragen des Reisenden ausgiebig beantwortet. Zu beider Füßen fließt ein Rinnsal und die Bienen summen weiter." Was der Reisende gefragt hat, was sie geantwortet hat – man erfährt es nicht!

Kurz nach der Lektüre dieses Buches las ich "Im Rosengarten des Märtyrers", ein Porträt des Iran von dem britischen Journalisten Christopher de Bellaigue. Auch er bereist das Land, fügt bedeutende Orte in ihren historischen Kontext, doch nebenbei erzählt er, wie er sich in ein Taxi zwängt und sich an einem Streit zwischen den Fahrgästen beteiligt, wie er um sein Leben fürchtet angesichts der Fahrweise des Chaffeurs. So entsteht ein lebendiges, kritisches Porträt, das geschickt zwischen sozialkritischer Distanz und persönlicher Sympathie für die Menschen hin und herpendelt und das dennoch alle wichtigen historischen Daten berücksichtigt.

All das hätte man sich von Saramago gewünscht. Doch Saramagos Buch ist trocken wie ein Lexikon und erzählt über Portugal soviel wie ein konventionelles Reisebuch, wo doch gerade Reisebücher meist auf die Fähigkeit heimischer Schriftsteller verweisen, die Mentalität und soziale Realität eines Landes zu erfassen, deren Lektüre somit ideale Vorbereitung für eine Reise sei. Vielleicht traut sich ja Saramagos ewiger Konkurrent Antonio Lobo Antunes eines Tages die Koffer zu packen.

"Die portugiesische Reise", José Saramago, rowohlt (2005 (erstmals 1994)), 605 Seiten.