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01.05.2006
Schauerwelt amerikanische Kleinstadt

Larry Clark seziert in dem Film 'Ken Park' erneut die weiße amerikanische Vorstadtgesellschaft.

Von Boris Hänßler

Ein junger, rothaariger Teenager rollt auf seinem Skateboard durch eine Kleinstadt. Er setzt sich neben eine gut besuchte Skaterbahn, packt eine Videokamera aus, richtet sie auf sich und jagt sich eine Kugel durch den Kopf. So beginnt Larry Clarks nach 'Bully' und 'Kids' inzwischen dritter Abgesang auf die Jugend der weißen amerikanische Mittelschicht.

Die Eingangsequenz veranschaulicht, dass Clark auch in diesem Film wieder auf Gewalt setzt, um die Verwahrlosung der Gesellschaft zu verdeutlichen. Gewalt und Sex, um es genau zu sagen, denn 'Ken Park' ist auch ein Softporno. Man kann sich explizite Sexszenen legitim finden, wenn Filmemacher in radikalen Bildern die Gegensätze zwischen gepflegten Kleinstadtstraßen und dem exzessiven Leben hinter den Fassaden darstellen möchten. Aber was Clark eigentlich will, ist, auch das eine Wiederholung seiner bisherigen Filme, nicht so recht klar.

Nach dem Selbstmord des Teenagers, er heißt Ken Park, folgen parallell erzählte Episoden rund um seine Skaterclique. Einer der Jungen sucht die Familie seiner Freundin auf, wo deren jüngere Schwester auf nackte Hintern im Fernsehen starrt, während ihre Mutter oben den Besucher empfängt und sich von ihm oral befriedigen lässt.

Ein anderer Junge muss sich von seinem arbeitslosen und betrunkenen Vater anhören, dass er sich nicht wie ein Mann kleide. Derselbe Vater ergreift sich später an ihm und weint, niemand habe ihn lieb. Ein dritter Junge schneidet sich ein Stück von einem Kirschkuchen, geht mit Messer und Kuchen in das Schlafzimmer seiner Großeltern und ersticht beide.

Peaches, das einzige Mädchen in der Clique, ist die brav aussehende Tochter eines fundamentalistischen Christen, bindet aber ihren Geliebten umgehend ans Bett, während der Vater auf dem Friedhof seiner Frau nachtrauert. Als er zurückkommt und die beiden in flagranti erwischt, zwingt er seine Tochter, mit im seine eigene Trauung nachzuspielen, um sie rein zu waschen und seine verdrängten Sexfantasien zu kompensieren.

Ken Park suggeriert zwischendurch immer wieder, dass es sich doch nur um einen weiße Teenager-High-School-Welt handelt, von der so viele US-Filme erzählen. Dann der Blick hinter die Fassade, eine Sexszene und unmittelbar danach wieder Gewalt. Auf Dauer ist das ermüdend, denn Clark interessiert sich nicht wirklich für seine Charaktere. Die Laiendarsteller überzeugen zwar ausnahmslos, sie erhalten aber nicht den Spielraum, den sie benötigen, um ihren Figuren Tiefe zu verleihen.

Möglich, dass Clark genau das beabsichtigt, dass er seine Inszenierung bewusst oberflächlich hält, eine Art Pop-Art-Zynismus. In bunten Bildern, denn Clark verzichtet auf eine düstere Atmosphäre, würde er somit von einer Welt aus Fundamentalismus, Gewalt, Pornographie, Betrug, Missbrauch, Inzest, Drogen und Mord erzählen, als wäre der Film eine Aufforderung zu hemmungslosem Konsum, wie die meisten High-School-Komödien.

Die Utopie, so nennt Clark das vorletzte Kapitel, besteht dann nur noch darin, gemeinsam zu leben und rund um die Uhr entspannten Gruppensex zu haben. Am Ende erscheint wieder Ken Park auf der Leinwand, der sich nur erschoss, weil seine Freundin schwanger war. Die schöne Utopie wird durch die Erinnerung an die Anfangszene am Ende wieder von der Leinwand geschossen.