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a Vela - das Kunstmagazin
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28.05.2006
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Freiheit ist Freiheit
Erik Bulatov untergrub die stalinistische Propagandamaschinerie. Seine realistisch anmutenden Bilder zeigen Idyllen mit politischen Werbebotschaften. Sinn des Bildes und der Botschaft heben sich auf.
Von Boris Hänßler
Boris Groys populäre Ausstellung "Traumfabrik Kommunismus" 2003 in der Frankfurter Schirn beschrieb die visuelle Kunst der Stalinzeit als einen gigantischen Werbefeldzug für den Kommunismus russischer bzw. stalinistischer Prägung.
Groys verglich dabei die Mechanismen der politischen Propaganda mit denen der Produktwerbung im westlichen Kapitalismus. Die Ähnlichkeit der Ästhetik ist frappierend mit dem Unterschied, so Groys, dass im Westen verschiedene Produkte, in Russland nur eines, der Kommunismus, beworben wurde.
Der sozialistische Realismus war offizielle Staatskunst. Es war keine Vergangenheitsverklärung wie in der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie sondern ausschließlich in der Gegenwart verhaftet. Doch statt sie realistisch abzubilden, hatte die Kunst eine dialektische Funktion.
Die Utopie einer gerechten Gesellschaft, die Stalin in der Realität nicht durchsetzen konnte oder wollte, musste wenigstens in der Kunst existieren. Schon lange haben Politiker wie Diktatoren erkannt, welche Macht Bilder haben bzw. dass Macht über die Massen nur ausgeübt werden kann, wenn man auch die Macht über die Bilder erlangt.
Stalin selbst hatte Kunstwerke in Auftrag gegeben und Kunst stets massiv gefördert. Seine Kunst musste einfach und optimistisch sein, für die Massen erbauend und ohne weiteres verständlich. So blieb innerhalb der staatlichen Kunstdoktrin wenig Raum für die Künstler, ihre eigenen ästhetischen Vorstellungen zu verwirklichen.
Groys Blick auf die Propagandakunst Russlands ist zwar reduzierend, weil er aberkennt, dass auch innerhalb dieser Mechanismen durchaus originelle Kunstwerke von hohem Wert entstehen konnten, doch da auch die offiziellen Kunstschaffenden sich nach den gesellschaftlichen Utopien, die sie im Namen Stalins propagierten, sehnten, blieb die Regimekritik tatsächlich weitgehend den Nonkonformisten überlassen.
Den Begriff der "Nonkonformisten" oder der "zweiten Avantgarde" prägte die in Lodz geborene und in Köln lebende Galeristin Kenda Bar-Gera, die damals wichtigste Sammlerin suprematistischer und konstruktivistischer Kunst, also jener osteuropäischen Avantgardistern, die vor der neuen Staatsmalerei vor allem Russland und Tschechien an die Spitze der internationalen Kunst führten.
So ist es nicht verwunderlich, dass Bar-Gera sich auch um die Bilder jener Maler bemühte, die in Russland nicht mehr ausstellen konnten, weil sie staatlich verfolgt oder weil sie einfach vom dortigen indoktrinierten Kunstbetrieb ignoriert wurden.
Einer der Nonkonformisten, dessen Bilder Bar-Gera sammelte, hieß Erik Bulatov, 1933 in Swerdlowsk im Ural geboren. Mit Weggefährten wie Ilya Kabakov kämpfte er um seine künstlerische Freiheit, die Freiheit eine eigene Ästhetik zu finden und die Freiheit, auf die Diskrepanz zwischen der realen und der propagierten Gesellschaft aufmerksam zu machen. Eines seiner Meisterwerke Krassikow-Straße (1976) zeigt eine Alltagszene aus einer russischen Stadt, in der im Hintergrund sozialistische Wohnblocks, eine befahrene Straße und rechts Passanten zu sehen sind, die an einem überdimensionalen Plakat vorbeieilen, auf dem wiederum Lenin ihnen entgegeneilt.
Keiner der Passanten schaut sich das Bild an. Es gehört zu ihrem Alltag. Sie sind auf dem Weg in eines der Verwaltungsgebäude, von denen der riesige Staatsapparat viele errichten ließ. Lenin schwebt quasi über der Landschaft, den Blick entschlossen nach vorne gerichtet. Es ist eine eigenartige Welt: eine geordnete Landschaft, eine Reihe von Angestellten, die die staatliche Propaganda ignorieren, eine Propaganda, die nur um ihrer selbst willen da zu sein scheint. Von Arbeiter ist nichts zu sehen, sie leben im Hintergrund in einem der gewaltigen Wohnblocks. Der Arbeiterstaat ist ein in sich geschlossener Verwaltungsapparat, der ohne Arbeiter ganz gut auszukommen scheint.
In seinen weiteren Werken bringt Bulatov die Propagandaästhetik durcheinander. Oft verdecken gewaltige Schriftzüge eine Landschaft oder einen Wolkenhimmel. Sie verstärken oder zerstören die Tiefenillusion des realistisch dargestellten Raums. Den Wahrheitsgehalt des Zeichens stellt Bulatov in Frage, etwa wenn das Logo des Weltreichs Sowjetunion in einen blauen Himmel zwischen Wolken wie ein Stempel hineinprägniert ist. Ist das propagierte Reich eine Illusion? Bulatov schrieb in einem Text "Zu meiner Arbeit", der 1984 erschien, dass in der gegenständlich-sozialen Welt nichts unser Vertrauen verdiene.
Worte und Zeichen, die das Volk von der bestehenden Gesellschaft überzeugen sollen, verlieren ihre Bedeutung, wenn das Bild diese Worte plötzlich statt sie zu erklären vernebelt. "Sonnenaufgang oder Sonnernuntergang" von 1987 zeigt ein Logo der kommunistischen Partei zwischen regnerischen Wolken am Himmel hängen. "Weg" von 1988 zeigt eine kurvenreiche Straße durch eine bergige Landschaft, während die aufgemalten Vorwärtspfeile geradeaus zeigen. Es soll vorwärts gehen, aber die Realität ist komplexer als die imaginäre sozialistische Wirklichkeit.
Das Bild "Gefahr" (1972-73) zeigt ein zwei Menschen an einem kleinen Bach beim Picknick, während das Bild vierfach mit dem Wort Gefahr überschrieben ist. Die Illusion selbst ist die Gefahr, nicht das, was dargestellt ist, die Utopie.
Seine Formensprache und seine Auseinandersetzung mit der Zeichenlehre führte Bulatov auch in den 90er Jahren weiter. Als Motive wählte er unter anderen Akteure der amerikanischen Filmindustrie, also des eigentlichen Gegenpols der sozialistischen Werbung. Am Ende führt er somit die Methoden zusammen, mit denen der Kapitalismus und der Sozialismus ihre Werte unters Volk bringen wollen, Werte, die keine anderen sind als die Idee des Systems selbst. Am deutlichsten zeigt dies die Lithografie "Peace" von 1989, die, wiederum in einem Wolkenhimmel, Freiheitsstatue mit Hammer-und-Sichel-Heroen vereint.
Erik Bulatovs frühen Werke wurden in seiner Heimat nicht ausgestellt, doch da er auch als Illustrator arbeitete, konnte er Mitglied im Künstlerverband werden und von dieser Tätigkeit leben. Inzwischen lebt Bulatov in Paris. Die Kestnergesellschaft widmet ihm die Schau "Freiheit ist Freiheit" (24 Februar bis 28. Mai 2006) mit 20 Gemälden und einer Auswahl seiner Zeichnungen.
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