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04.09.2006
Die Diva-Mama

Julian Salinas präsentiert in seinem Buch "Bruno/Bruna" siebzig Fotografien von transidenten Frauen und Transvestiten. "Gender trouble" erwartet man hier jedoch vergeblich. Weder die Fotografien noch der Begleittext von Aude Boissays sind auf der Höhe des Gender- oder "queer theory"- Diskurses. Stattdessen drängt man die Dargestellten in altbekannte Bilder.

Von Eva Axer

Die Reihe der Hochglanz-Portraits beginnt und endet mit Krystal. Ihre schmalen Schultern fallen weiblich rund ab, die kinnlangen Haare sind nett zurechtgemacht, ihre stark getuschten Augen blicken freundlich, aber doch bestimmt und herausfordernd, der rosa Mund ist zur Andeutung eines Lächelns leicht nach links gezogen – um ihn spielt der Hauch einer Bartbehaarung. Zu Krystals Bild gibt es, an anderen Stellen des Bandes, zwei Zitate. Ein Statement zur großen Liebe – "Die suche ich schon lange". Und eines zu ihrem Körper – "Meinen Schwanz. Nein, den behalte ich".

Die darauf folgenden Fotos sind wesentlich unkeuscher als das von Krystal – mehr Körper, mehr Haut, mehr Pose. Jedem Portrait ist eine Seite gewidmet, den kurzen plakativen Zitaten der transidenten Frauen und Transvestiten ebenfalls. Am Ende steht eine Reihe von Interviews, die fragebogenartig jeweils elf gleiche Fragen sowie die Antworten der Abgebildeten in Französisch, Englisch und Deutsch auflistet. Der leere Raum auf dem Blatt wird geschätzt, ohne jedoch große Wirkung zu entfalten. Über den Fotos der transidenten Frauen und Transvestiten stehen ihre Namen – bei den meisten ein männlicher und weiblicher. Bei einigen findet sich nur ein weiblicher – Krystal beispielsweise.

Warum in "Bruno/Bruna" ausgerechnet transidente Frauen und Transvestiten in einem Band vereinigt werden, bleibt unklar und ist vermutlich nur einer oberflächlichen und optischen Ähnlichkeit geschuldet oder dem Begegnungsort von Fotograf und Modell, wie später noch erörtert werden wird. Auch wenn eine Differenzierung dieser Begriffe hier nicht ausführlich vorgenommen werden kann, sollen doch kurz einige Unterschiede genannt werden.

Während Transvestiten oder auch „drag queens“ mit einem männlichen Körper eine weibliche Rolle inszenieren, geht es den transidenten Frauen darum ihren männlichen Körper und ihr soziales Geschlecht ihrem gefühlten Geschlecht, dem weiblichen (und damit natürlich auch einem angenommenen Frauenbild), anzugleichen. Diese Angleichung kann je nach persönlichem Empfinden und individuellen Vorstellungen oder lebensweltlichen Möglichkeiten unterschiedlich aussehen.

Zwischen solchen, die sich "nur" weiblich kleiden und solchen, die eine komplette operative Umwandlung hinter sich haben (beide Fälle sind im Band nach Angaben der Personen eher selten repräsentiert), findet sich ein großes Spektrum von Möglichkeiten – Hormonbehandlungen, Brustoperation etc. Die Transformation kann an jedem dieser Punkte für den Moment oder für immer für den transidenten Menschen abgeschlossen sein.

Als Frau zu leben, beinhaltet natürlich nicht nur einen in weiblichen Körper zu haben, was auch immer das für jede Einzelne genau heißen mag, sondern auch ein bestimmtes Repertoire an Gesten, Verhaltensweisen etc. Die Performativität, d.h. das Zur-Darstellung-bringen, einer bestimmten (Geschlechter-)Rolle kann, wie Judith Butler gezeigt hat, nicht auf solche Fälle, auch wenn diese sie vielleicht besonders herausstellen, beschränkt werden, sondern gilt ebenso für jeden heterosexuellen Menschen. Die Posen im Band "Bruno/Bruna" stellen vor allem eines zur Schau – Brüste und volle Lippen.

Die hier eingefrorenen Darstellungen verpassen alle Momente, die bei der Abbildung von transidenten Menschen zur Reflexion anregen könnten. Die Fotos heben gerade nicht die Zeitlichkeit, das Werden, welches bei einem Prozess der Angleichung so evident ist, hervor. Doch gerade diese Zeitlichkeit ist höchst interessant, weil es ja eine Verdeutlichung des Prozesses ist, der alle durch Fremd- oder Selbstwahrnehmung als Frau identifizierte Menschen betrifft – was ist weiblich, bzw. Weiblichkeit? Oder: Wie wird man ein Frau? Für Männer gilt das natürlich genauso.

Komplexer formuliert hieße das: Wie stellt sich ein Person durch ihr wiederholtes Auftreten und Handeln in der Rolle "Frau" dar? Wie stellt sie diese Rolle dar? Besonders in den Fokus rückt durch die operativen Eingriffe hier die Frage, was das für eine bestimmte Körperpolitik heißt, die aber nicht nur chirurgische Interventionen umfasst, sondern Mode und physische wie psychische Haltungen. Und mit Sicherheit betrifft dies nicht nur transidente Frauen oder Transvestiten.

An bestimmten historischen Punkten kann so deutlich werden, wie jemand aus dem Gefühl und der Vorstellung heraus "ich bin weiblich/männlich" die eigene Geschlechtsidentität ausdrückt und wie im Laufe einer Transformation der Blick von außen und die sich verändernde (An)Erkennung des Menschen als Mann oder Frau eine unterschiedliche, nämlich geschlechtsspezifische, Behandlung verursacht, die wiederum die Persönlichkeit in der Interaktion, im intersubjektiven Prozess formt. Aus der Perspektive eines Menschen, der eine unterschiedliche Behandlung als Frau und als Mann erfahren hat, antwortete beispielsweise der transidente Ben A. Barres in der Juli-Ausgabe von "nature" (2006) auf die Frage "Does gender matter?" (Ist das Geschlecht von Bedeutung?) vehement mit ja.

Auf solche Fragen, die die spezifischen Erfahrungen von transidenten Menschen und Transvestiten betreffen, hofft man im Interview-Teil umsonst. Stattdessen findet sich die Frage "Was wolltest Du als Kind werden?". Die Antwort – "Eine echte Frau, keine künstliche." – kann so nur indirekt vorführen, welche Kategorien obsolet sind. Denn was macht einen Menschen zur "echten" Frau?

Sind es körperliche Merkmale, das Vorhandensein von weiblichen und das Fehlen von männlichen Geschlechtsorganen, wie es die Frage "Bist du operiert?" andeutet? Als gemeinhin "natürlich" würde man die auf den Fotos ausgestellten Gesichter und Körper nicht fassen wollen – weibliche Brüste wurden geformt, Nasen verkleinert, Lippen aufgespritzt. Aber hängt eine Geschlechtskategorie davon ab, wieviel ein Mensch in eine Operation investieren kann oder will? Sind "echt" und "natürlich" nicht Kategorien, die der Gender-Diskurs bereits als Konstrukte vorgeführt hat?

Die Frage "Bist du operiert?" genügt jedoch nicht nur einer oberflächlichen Neugier des rätselnden Beobachters, sondern hat zudem ein stark definitorisches Moment. Auch innerhalb von transidenten Gruppen wird über solche Fragen ganz unabhängig von der Frage, ob es für die gefragte Person einen Unterschied macht, über Einschluss oder Ausschluss bezüglich der Gemeinschaft bestimmt, wie es beispielsweise C. Jacob Hale in einem kurzen Bericht in dem Buch "genderQueer" darstellt. Trefflich heißt der dortige Artikel "Whose body is this anyway?" ("Wessen Körper ist das hier eigentlich?")

Anhand der kurzen Fragenkataloge wird zudem deutlich, wie hier die soziale Rolle "Frau" gelebt wird. Viele Personen offenbaren einen starken Bezug auf die Anderen: "Was macht Dir am meisten Freude im Leben? – Das Lächeln und das Wohlbefinden der Anderen." Diese Antwort ist keineswegs ein Einzelfall, sondern symptomatisch für das "typisch Weibliche". Nicht nur, dass die Selbstdefinition an einen Blick von außen abgetretenen wird, auch die "klassischen" Attribute der Frau in ihrer Mutterrolle – die Sorge für die Anderen unter Verzicht auf die eigenen Bedürfnisse, kommt hier ans Licht.

Die Hochglanz-Fotografien zeigen transidente Frauen und Transvestiten ganz jenseits aller Kontexte in Studioaufnahmen. Möglichkeiten die eine Perspektive zu brechen und Reflexionen, Ambivalenz zu erzeugen, wurden vergeben. Es fehlen Spiegelungen, Rahmungen, Interaktionen. Doch wird die im wahrsten Sinne des Wortes "bloße" Darstellung in frontaler Schau den einzeln Abgelichteten gerecht? Als einzige Interaktion ist die implizite zwischen fotografierter Person und Fotograf zu sehen. Und diese läuft in ganz bestimmten Bahnen.

Da die Dargestellten vom Fotograf Salinas im Pariser Nachtleben angesprochen wurden, ist anzunehmen, dass sich eine bestimmte Auswahl dadurch von selbst ergab. Viele der Portraitierten sind SexarbeiterInnen, für die der Bezug auf die Anderen und die Wahrnehmung ihres Körpers nicht nur auf einer allgemein sozialen, sondern auch auf ökonomischer Ebene sehr existenziell ist.

Wo das eigene Bild von sich endet und wo das der Anderen, die zahlen und ihre Vorstellungen erfüllt zu sehen wünschen, beginnt und bestimmend wird, wird eine umso dringlichere Frage. Und es gilt zu bedenken, wer hier wen sieht, durch wessen "Objektiv" auch der Rezipient die transidenten Frauen und die Transvestiten wahrnimmt. – Der männliche Blick auf die Frau scheint hier übertragen auf transidente Frauen und Transvestiten – er ist, nicht ohne Beteiligung der Dargestellten, sehr sexualisiert.

Die vielleicht erwartbaren Freiheiten bei einer Transformation, einer sehr offen ausgetragenen Selbstschöpfung, die anhand der Namen der Portraitierten so phantasievoll wie abgeschmackt auffunkelt, scheinen in vielen Fällen doch schmerzhaft gebunden an den projizierenden Blick und das Begehren bestimmter Bezugsgruppen. Wie sehr eine "klassische" Rollendynamik zwischen Mann und Frau hier reproduziert wird, kann im Vergleich zu Bildern des Fotografen Del LaGrace Volcano bemerkt werden, auf dessen Fotos der Rezipient stets die Selbstrepräsentation der Dargestellten gewährleistet sieht und die trotz aller Nacktheit nicht den Charakter einer Zurschaustellung haben.

Die Fotos im Band "Bruno/Bruna" scheinen somit altbekannte Frauenbilder zu aktualisieren – das des Sexobjektes, das sich für den Betrachterblick in Pose wirft, und im Text-Teil das der (verhinderten) Mutterrolle, in der sich frau auf der sozialen Ebene auf den Anderen einstellt. Offen zutage tritt, welch diskrepante Forderungen an solche gestellt werden, die sich, so oder so, mit der Rolle "Frau" identifizieren. Eine "Diva-Mama" möchte eine der Befragten laut eigenen Angaben sein.

Diese in Literatur und Kunst der europäischen Kultur lang gehegte Spaltung des Frauenbildes wird auf der Ebene der Interviews deutlich. Die Dichotomie wird hier auf Tag und Nacht verteilt, wenn gefragt wird, welche Zeit die transidente Frau oder der Transvestit bevorzuge. Im nächtlichen Teil herrscht Künstlichkeit, Theatralität und damit Schein und Trug, der leichtsinnige Spaß, alles dreht sich um Sex. Der Tag gilt im Gegensatz dazu als Zeit, wo das "wahre Gesicht" zum Vorschein kommt, wo die Familie und Ehrlichkeit als Tugend zählt.

Interessant wäre nun ein Portraitband gewesen, der nicht nur den augenscheinlich nächtlichen Teil der Dargestellten zeigen würde, sondern ihren täglichen. Vor allem hätte ein anderer Begegnungsort auch andere Lebensentwürfe von transidenten Frauen und Transvestiten der Öffentlichkeit bekannt machen können. Diese wären für manche Blicke jedoch vermutlich wenig reizvoll gewesen.

Dieser einseitige, undifferenzierte Blick spiegelt sich nun nicht nur im Fragenkatalog von Aude Boissays, sondern auch in ihrem kurzen Text am Ende des Buches wider. Sie beschwört verschiedene literarische und historische Persönlichkeiten herauf, so den antiken Seher Tereisias, der vom Mann zur Frau wurde, wie den androgynen Pharao Echnaton, aber auch eine Person, wie Oscar Wilde – den "notorisch bisexuellen", wie Aude Boissays es nennt, um die "Zeitlosigkeit des Phänomens" zu belegen.

Mit solcher "Zeitlosigkeit" ist allerdings nur solchen geholfen, die von einer Exotisierung und Mythisierung des "Phänomens" leben. Eine klare Historisierung müsste die Differenzen jeder Zeit, jeder Kultur im Umgang mit wie auch immer gearteten Uneindeutigkeiten von Geschlecht aufzeigen. Denn bei solch undifferenzierter Betrachtung bleibt das "Rätsel", das man in der Existenz von transidenten Frauen und Transvestiten zu sehen meint, eine selbst herbeigeführte Verblendung. Es trägt zu einer bestimmten Aura sexueller Attraktivität bei und ist somit in letzter Instanz für den zahlenden Beobachter relevant, nicht für die Personen und ihre Selbstrepräsentation.

Auch in ihrer Aussage, dass "man sich die tägliche Qual vorstellen kann, jede Einzelheit, jede Geste, jede Intonation der Stimme kontrollieren zu müssen", verfehlt Aude Boissays sowohl das kritische Potential ihres eigenen Gedankens – denn wenn diese Frauenrolle eine Qual ist, dann ist sie es nicht minder für jede biologische Frau, die darin ebenfalls nicht den unverkrampften, natürlichen Ausdruck ihrer Weiblichkeit behaupten kann - sowie das Empfinden der Transfrauen und Transmänner.

So sagt ein Transmann zu einem Kinderfoto, das ihn als kleines Mädchen im Kleidchen zeigt: "Das war meine drag-Zeit."