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02.10.2006
Fotofantasien

Fotografie ist fast immer eine Mischung aus gegensätzlichen Komponenten. Eine Vereinigung von Dokumentation und Fiktion, konkreten und abstrakten Abbildungen. So stellt sich die Frage nach einem neuen, modernen Umgang, welcher alles in sich vereinen und damit unerforschte Wege begehen kann.

Von Claudia Haevernick

Das Fotomuseum Winterthur rief eine spannende Ausstellung ins Leben und forderte junge Künstlerinnen und Künstler der Schweiz auf, Ihre Arbeiten einzuschicken. Für den daraus entstandenen Bildband "Reale Fantasien" wurden schließlich aus über 250 eingesandten Fotografien 21 ausgewählt. Diese spiegeln am eindruckvollsten die Vielfalt und Entwicklung der jungen Schweizer Szene wieder.

Die Fotokunst ist ein fabelhaftes und vor allem unersätzliches Medium zur Abbildung unserer Wirklichkeit mit all ihren ambivalenten Facetten. Fotografie kann die Realität schonungslos porträtieren, ihr äußeres Erscheinungsbild, ihre ganze Schönheit aber auch schreckliche Bilder wie Blut, Krieg und Zerstörung. Festgehalten für alle Ewigkeit als Erinnerung für die kommenden Generationen.

Sie kann jedoch auch ein Sinnbild schaffen, indem sie die Wirklichkeit überspitzt darstellt, Symbole benutzt oder durch Abstraktion und Verfremdung die Betrachtung in eine andere Richtung lenkt.

Auf den ersten Blick ist ein Foto, auf das man blickt leicht zu beschreiben. Man erkennt Gegenstände, Menschen, Gebäude, Landschaften oder auch Abstraktes, eine grüne Fläche zum Beispiel oder ein verschwommenes Spektrum an Farben. Denn das meiste, das auf den Bildern zu erkennen ist, existiert ja tatsächlich in unserer Wirklichkeit und lässt sich daher leicht ausmachen.

Der Reiz an dieser Kunst ist jedoch die Möglichkeit, anders als bei der Malerei, Tatsächliches so zu entfremden, dass eine neue Form, neue Gegenstände und Welten entstehen. Und trotzdem hat jedes Foto einen realistischen Kern. Gerade das kann den Betrachter tiefer berühren, als so manches, fantastisch gestaltetes Kunstwerk, denn Realität bestürzt und rührt uns mehr als reine Fiktion.

Den Herausgebern Urs Stahel und Thomas Seelig, gelang ein sehr hochwertiger und künstlerischer Fotoband. Die Fotoarbeiten der Künstler sind herausragend und so unterschiedlich, dass bis zur letzten Seite des Buches kein Foto dem anderen auch nur im Ansatz gleicht. Das Ziel, junge, neue Fotografie zu suchen und zu zeigen, ist mit dieser Ausstellung und dem Band absolut gelungen.

Zu den Bildern wurden kürzere Essays bekannter Künstler zum Thema Fotografie abgedruckt und zum Ende des Buches wird jeder der Fotografen vorgestellt. Dadurch erhält man nach den eigenen Eindrücken Erklärungen zu der Arbeitsweise und den Materialien der Künstler und deren Intentionen.


"Reale Fantasien. Neue Fotografie aus der Schweiz", Thomas Seelig, Urs Stahel, Christoph Merian Verlag, 2006, 213 S.