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a Vela - das Kunstmagazin
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09.10.2006
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Die Schule der Revolution
Iran steht seit Jahrzehnten im Blickfeld internationaler Politik und scheint daraus aus nicht mehr zu verschwinden. Der britische Journalist Christopher de Bellaigue wagt sich an ein Porträt dieses seit je her gespaltenen Landes.
Von Boris Hänßler
"Wie viel, mein Herr?" fragte die fette Frau.
"Seien Sie mein Gast", antwortete der Fahrer.
"Aber ich bitte Sie", sagte die Frau.
"Was immer Sie möchten." Er grinste. "Wirklich, es ist nicht wichtig."
"Wie viel? Ich bitte Sie!" Die Frau zog ihren Geldbeutel aus der Tasche.
"Ich meine es ernst. Seien Sie mein Gast."
"Wie viel?"
Der Fahrer gab sich geschlagen. "Fünfundsiebzig Toman, wenn Sie so freundlich sein wollen."
"Fünfundsiebzig Toman? Aber ich bin doch erst in der Hakim Straße zugestiegen! Von dort kostet es fünfzig Toman."
Der Fahrer runzelte die Stirn. "Fünfundsiebzig. Seit drei Wochen kostet es fünundsiebzig."
Diese Szene ist nicht einem Roman entnommen, es ist eine mehr oder weniger alltägliche Szene aus einem Taxi, die der britische Journalist Christopher de Bellaigue widergibt. Dialoge wie diese sind keine Seltenheit "Im Rosengarten der Märtyrer" und sie machen das Porträt des Iran so lesenswert. Bellaigue versteht es hervorragend, kleine Momente einzufangen, die amüsant sind und die nebenbei die iranische Mentalität beschreiben.
Bellaigue gelang wirklich ein exzellentes Porträt eines Landes, das ein düsteres Image hat. Selbst liberale deutsch-iranische Autoren wie Navid Kermani werden nicht müde, verzweifelt darauf hinzuweisen, dass Iran vielseitig ist und nicht ausschließlich aus nach Atomwaffen gierenden Fundamentalisten besteht. Iran hat eine lebendige Geschichte und eine lebendige Gesellschaft, die Moderne und Tradition mit unterschiedlichen Resultaten in Einklang zu bringen versucht und dabei auch resigniert, um wieder Hoffnung zu schöpfen auf dringend notwendige Reformen.
Mehrere Jahre lebte Bellaigue, der mit einer Iranerin verheiratet ist und fließend Farsi spricht, in dem mächtigsten Land der islamischen Welt. Sein Buch entstand über diesen Zeitraum und endete kurz vor Ahmadinedschads Wahl zum Präsidenten. Dass es etwas zerstückelt geschrieben wurde, ist dem Text nicht anzumerken. Bellaigue überarbeitete ihn sorgfältig und zieht einen roten Faden hindurch, so dass er sich wie ein Roman lesen lest, der von Rückblenden und politischen wie historischen Betrachtungen unterbrochen wird.
Der rote Faden ist eine kleine Rundreise, die der Autor durch den Iran machte. Erste Station ist indes Kerbela im Irak, für die iranischen Schiiten von Bedeutung, weil dort der Schrein von Hossein liegt. Er war ein Enkel des Propheten Mohammed und wurde 680 in der Schlacht von Kerbela verraten und ermordet. Mit diesem Ereignis trennt sich der Islam endgültig in Sunniten und Schiiten. Letztere, die im Iran die Mehrheit bilden, sahen in dem frommen Hossein den legitiminen Nachfolger des Propheten. Seiner Ermordung wird jährlich mit den Ashura-Riten, in deren Mittelpunkt eine Trauerprozession steht, gedacht. Teilweise unterziehen sich die Trauernden einer Selbstgeißelung.
Die Ermordung Hosseins ist nach Bellaigue ein Moment der iranischen Geschichte, der noch heute die Gesellschaft präge. Jeder Iraner träume davon, einmal nach Kerbela zu pilgern. "Die Iraner weinen mit einer Hingabe um Hossein, die keine Gegenleistung verlangt. Sie baden förmlich in ihrem Kummer - so als ob der Imam ihnen, wenn er nur ein paar Jahre länger gelebt hätte, den Weg durch den Morast ihres eigenen Lebens hätte weisen können. Sie lecken sich die Lippen, genießen ihr Unglück."
Solche generalisierenden Aussagen über "die Iraner" sind glücklicherweise selten in dem Buch zu finden und wenn, dann dort, wie in dem Beispiel, wo der Autor von Bildern überwältigt ist, die wohl tatsächlich fü einen Großteil der iranischen Bevölkerung von Bedeutung sind - ob sie nun selbst an diesen Riten teilnehmen oder nicht.
Zwei weitere wichtige historische Begebenheiten durchziehen das Buch: die iranische Revolution, auf deren Ideale sich der heutige Präsident Ahmadinedschad nach wie vor beruft, und der iranisch-irakische Krieg. Bellaigue wählt hier eine unterschiedliche Herangehensweise. Die Ereignisse um die Revolution hat er hervorragend recherchiert. Das Buch gibt deshalb teilweise erstaunliche Einblicke in die politischen Streitigkeiten zu Chomeinis Zeiten.
Der Autor schildert den Aufstieg des Ajatollah, seine Strategien, interne Machtkämpfe und schließlich die Skrupellosigkeit, mit der er seine zunehmend autoritären Vorstellungen eines neuen Islam durchsetzen wollte und dabei politische Oppositionelle massenweise hinrichten ließ.
Schließlich sein strategisches Ringen im verheerenden Krieg mit dem Irak, bei dem es um die Vorherrschaft am Persischen Golf ging. Der Krieg ist die zweite wichtige Begebenheit, und Bellaigue lässt dieses Ereignis in erster Linie von ehemaligen Soldaten erzählen, zumeist Freiwillige, die an die gute Sache des Ajatollahs glaubten und teilweise in selbstmörderische Angriffe getrieben wurden.
Der Krieg dauerte acht Jahre und endete 1988. Kaum verwunderlich, dass er in Iran sehr präsent ist: Es gibt viele traumatisierte Invaliden, die noch heute darum ringen, was sie glauben sollen, ob sie sich für höhere Ziele eingesetzt haben oder ob sie für einen politischen Machtkampf ausgenutzt wurden. Viele glauben ersteres und ahnen letzteres.
Es ist die große Stärke dieses Buches, dass all dies berücksichtigt wird, um den heutigen Iran zu erklären. Immer wieder changiert Bellaigue zwischen historischen Fakten, privaten Gesprächen wie politischen und machmal sehr persönliche Kommentaren.
"Im Rosengarten der Märtyrer" ist ein sehr lesenswertes und informatives Buch, das Bellaigue mit viel Sympathie für seine iranischen Freunde und Bekannte schrieb, wobei er auch seinen Ärger über manche ihm lästige Angewohnheiten von ihnen nicht verschweigt. Dank des kleinen, aber sehr nützlichen Literaturverzeichnis kann man sich am Ende mit verschiedenen Aspekten intensiver beschäftigen - und man hat auch Lust dazu.
"Im Rosengarten der Märtyrer", Christopher de Bellaigue, C.H. Beck, 2006, 337 S.
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