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23.10.2006
Kunstachsen

Die Ausstellung "Berlin-Tokio/Tokio-Berlin. Die Kunst zweier Städte" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin untersuchte den künstlerischen Austausch in den verschiedensten Kunstgattungen zwischen Tokio und Berlin in den vergangenen 100 Jahren.

Von Anna Schwarz

Berlin und Tokio – beide Namen stehen für Avantgarde, Innovation, Kreativität und Kunst etwas abseits der ausgetretenen Pfade. Die Faszination für Asien ist heute so groß wie nie zuvor in Deutschland, und da bildet Japans pulsierende Hauptstadt keine Ausnahme. Im Rahmen der offiziellen Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tokio wurde diese Ausstellung organisiert, die im Frühjahr bereits für einige Monate im Mori Art Museum in Tokio und danach in Berlin zu sehen war.

Der minimalistische, etwas japanisch anmutende Glaskubus Mies van der Rohes, in dem sich die Neue Nationalgalerie befindet, bildet genau den richtigen Rahmen für die Berliner Ausstellung. Die strenge Architektur kombinieren die Organisatoren mit einer organisch geschwungenen Hügellandschaft, die der japanische Architekt Toyo Ito für das gesamte Erdgeschoss entworfen hat. Es ergibt sich ein ausgesprochen reizvoller Kontrast: Die Glaswände Mies van der Rohes geben den Blick frei auf die abenteuerlichen Welten fernab normaler Ausstellungspräsentation, die es im Inneren der Neuen Nationalgalerie zu entdecken gilt.

Zwischen den unregelmäßigen Erhebungen und Mulden sind verschiedene Arbeiten zeitgenössischer japanischer und deutscher Künstler aufgebaut, die sich mit dem Thema Leben im urbanen Raum auseinandersetzen. In einer begehbaren Installation des japanischen Duos Atelier Bow-Wow mit dem Titel "Pet-Architekture" zum Beispiel sieht sich der Besucher umgeben von miniaturgleichen Gebäuden, die architektonische Zwischenräume in der Tokioer Innenstadt ausnutzen.

Tsuyoshi Ozawa stellt exotische Wohnwelten vor. In eine der Bodenerhebungen hat der Künstler enge Schlafkojen eingebaut, die in den so genannten "capsule hotels" in Tokio den Menschen zur Verfügung stehen, für die sich der Heimweg zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn nicht lohnt. Annähernd dieselbe Größe hat die typische Tokioer Obdachlosenbehausung aus Holzlatten und Plastikplane, die der Künstler daneben gesetzt hat.

Die soziale Problematik des Großstadtdaseins, die aus diesem Werk spricht, ist in der Ausstellung sonst nicht sehr präsent. Die Künstler beider Städte bevorzugen die Auseinandersetzung mit allgemeinen Befindlichkeiten. Themen wie Anonymität, Stress, Geschwindigkeit oder auch Verlorenheit sind in mehreren Projekten vertreten, so zum Beispiel in den zarten Gemälden Leiko Ikemuras, die an der Berliner Universität der Künste lehrt oder in den intensiven Farborgien Katharina Grosses, die von den runden Leinwänden bis auf den geschwungenen Boden Toyo Itos ausgreifen.

Ebenso persönlich gestaltet sich Sayaka Akiyamas Beitrag. Sie stellt einen transparenten Stadtplan Tokyos aus, in den sie ihre persönlichen Wege eingestickt hat, um so die Unpersönlichkeit der Stadt zu überwinden. Durch den Stadtplan hindurch zeichnet sich die Silhouette der Berliner Matthäikirche hinter der Neuen Nationalgalerie ab. Ein schönes Szenario, das den Dialog der beiden Städte lebendig werden lässt.

Dieser der zeitgenössischen Kunst gewidmete Ausstellungsteil ist eigentlich konzipiert als letztes von 24 Kapiteln, die die Geschichte der künstlerischen Interaktion zwischen den beiden Metropolen untersuchen. Allerdings lässt sich kaum vermeiden, dass die Besucher sich gleich zu anfangs auf die Spiel- und Erlebniswelt stürzen, die sich im Erdgeschoss auftut. Kaum einer trennt sich leicht von der spektakulären Ausstellungsarchitektur und den intelligenten Interventionen der Künstler, um die düsteren Kellerräume zu betreten, die den Hauptteil der Ausstellung beherbergen.

Leider bestätigt sich die Vorahnung. Das großzügige Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie ist mit einer Materialflut angefüllt, die den Besucher förmlich erschlägt. Der erste Raum widmet sich dem Japonismus in der deutschen Malerei um die Jahrhundertwende und der westlich inspirierten Malerei in Japan. Mehrere Werke der Künstlervereinigung „die Brücke“ griffen im Rahmen ihrer Neigung zum Exotischen explizit auf japanische Motive zurück. Besonders Ernst Ludwig Kirchner ließ sich stark von den charakteristischen Farbholzschnitten inspirieren. 1914 stellte die legendäre Berliner Galerie "Der Sturm" in Tokio aus und löste damit eine Welle von westlich inspirierten Werken ansässiger Künstler aus. Die engen Beziehungen blieben bis in die 1920er Jahre hinein bestehen, wo die deutsche DADA-Bewegung, exportiert vor allem durch Tomoyoshi Murayama, ihr Pendant im japanischen Mavo findet.

Danach werden die Verbindungslinien, die die Ausstellung zieht, willkürlich. Sowohl in Berlin als auch in Tokio kam in den 20er Jahren die Idee einer emanzipierten und der neuesten Mode nach burschikos gekleideten Frau auf, auf japanisch "Moga". Allerdings ist dies ein internationales Phänomen, das sich nicht auf Deutschland und Japan und umso weniger auf die beiden Hauptstädte eingrenzen lässt.

Die gegenseitigen Einflüsse, die im Bereich der Architektur vor 1945 konstatiert werden, bleiben ebenso vage. Erst der Verweis auf den deutschen Bauhaus-Stil, der tatsächlich stark von einer japanischen Ästhetik der Reduktion inspiriert war, rechtfertigt den Exkurs in die Architektur. Konkreter hat der deutsche Experimentarfilm auf junge japanische Filmemacher gewirkt. Mehrere Kurzfilme aus der Zeit um 1930 belegen diesen Einfluss. Auch im Bereich der subjektiven Fotografie lassen sich spannende Beziehungen ausmachen.

Die Kriegsjahre hingegen, in denen die faschistischen Regime der beiden Länder eng kollaborierten, wurden von den Kuratoren merkwürdigerweise nicht zum Anlass genommen, die politisch motivierte Kunst der jeweiligen Ausprägung zu vergleichen. Die 30er und 40er Jahre sind lediglich durch einige Bilder und Fotografien vertreten, die die Greul des Krieges verarbeiten. Die politische Indifferenz in der Dokumentation dieser heiklen Zeit, die die beiden Länder so stark verbindet, ist sicher einer der schwächsten Punkte der Ausstellung.

Sehr beliebig ist auch die Parallele, die im nachfolgenden Teil der Ausstellung gezogen wird. Die internationale Fluxus – Bewegung wird zum Anlass genommen, eine gemeinsame Kunstrichtung zu proklamieren. Über die mangelnde Präzision trösten allerdings die spannenden Exponate hinweg, so zum Beispiel Nam June Paiks Roboter oder Joseph Beuys Sauerkrautpartitur.

Die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Kunst funktioniert dann wieder hervorragend. Eine bunte Zusammenstellung der verschiedensten Exponate trägt wie schon in der oberen Halle dazu bei, ein differenziertes und vielschichtiges Bild der jeweiligen Kunst der beiden Städte zu malen, ohne dabei Parallelen herbeizwingen zu wollen, die nicht vorhanden sind. Expressive Fotografien aus beiden Städten, einige der berühmten Datumsbilder On Kawaras, japanische Manga-Kunst und Yayoi Kusamas bunte Installation "Dots Obsession" lassen den Besucher die Konfusion der vorhergegangenen Perioden vergessen. Und schließlich wartet vor dem Ausgang immer noch die geheimnisvolle Landschaft Toyo Itos auf eine zweite Erkundungstour und der Museumsshop hält den exzellenten Ausstellungskatalog bereit, der über so manche Ungereimtheit der Japan-Schau selbst hinwegtröstet.


Katalog zur Ausstellung: Berlin-Tokyo/Tokyo-Berlin. Die Kunst zweier Städte, Hrsg. von Angela Schneider, Gabriele Knapstein, David Elliott und Mami Kataoka, Hatje Cantz, Ostfildern 2006. 352 Seiten, 349 Abbildungen (davon 243 farbig).