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a Vela - das Kunstmagazin
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05.02.2007
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Die "Hobby-Türken"
In "Die Blaue Reise" erzählt Iris Alanyali von ihrer türkischen Familiehälfte. Und davon, wie amüsant es sein kann, zwischen zwei Kulturen zu stehen.
Von Ines Schipperges
In Alanyalis Familie gibt es weder fünf Brüder noch die "Cousins mit dem Messer", dafür einen Vater, der sogar Relativsätze bilden kann und der seine Tochter, als sie mit sechzehn immer noch keinen Freund hat, für lesbisch hält. Zutiefst verachtet, insbesondere von Oma und Großtante, werden "die Kopftuchträger". Moral wird den Kindern mittels Filmen von "Garri Grannt" und "Katterin Hepp-Burrn" beigebracht. Trotzdem hat die Autorin aufgrund ihrer türkischen Herkunft mit Vorurteilen zu kämpfen. Mit Vorurteilen nicht gegenüber Türken, sondern mit Vorurteilen darüber, mit welchen Vorurteilen Türken zu kämpfen haben sollten. Enttäuscht sind die Leute darüber, dass sie gar nichts zum Thema Diskriminierung beizutragen hat. Entsetzt sind sie über ihr Stammtischgerede: "Die meisten Türken leben hier jahrelang, verlieren trotzdem kein gutes Wort über Deutschland und begründen ihre Ignoranz mit diesem Soziologendeutsch, das alle erstaunlich gut beherrschen. Ach, diese emotionale Kälte der Deutschen! Und die fatalen Integrationsversäumnisse der Politik! Wahrscheinlich ist das schlechte Wetter auch mit schuld?" Die Schimpferei auf die Türken darf ihr niemand verbieten, denn "ich bin doch auch Türkin, schon vergessen?".
Aber ist sie überhaupt Türkin? Alanyali ist stolz darauf, Deutsche zu sein, manchmal jedoch ist ihr "türkisch zumute". Einen deutschen Pass besitzt sie erst seit ihrem achtzehnten Lebensjahr – ironischer Weise fühlt sie sich mit fortschreitendem Alter "immer türkischer". Geboren in Sindelfingen, war die Türkei für Alanyali lange Zeit nicht mehr als ein Urlaubsland, welches sie nur höchst widerwillig bereiste. Erst als sie sich statt Richtung Club Med auf die Blaue Reise machte, erlebte sie, wie schön ihre "Heimat" ist.
Die Journalistin, die als Feuilletonredakteurin der "Welt" normalerweise über Literatur, Theater oder Kino schreibt, erkannte das Unterhaltungspotential ihrer türkischen Verwandtschaft erst spät. Wie außergewöhnlich das Leben einer türkischen Durchschnittsfamilie einer Leserschaft erscheint, die mit der Türkei neben Sonne, Strand und Cluburlaub nur den Gemüsehändler an der Ecke verbindet sowie die Kurdenproblematik, Menschrechtsverletzungen und Zwölfjährige, die zwangsverheiratet werden – das, erklärt Alanyali, hätte sie nicht erwartet.
Ihr Vater ist ein "Türkenschwabe", in Izmir geboren und seit sechsunddreißig Jahren wohnhaft in Sindelfingen. Ihre Mutter stammt aus Hessen und ist eine protestantische Pfarrerstochter. Die türkische Kultur wird Iris Alanyali und ihrer Schwester erst dann richtig nahe gebracht, als Oma und Teyze (Tante und Zweitmutter ihres Vaters) nach einem ausgedehnten Besuch auf einmal beschließen, in Deutschland zu bleiben. Die beiden Mädchen lernen nicht nur türkisch, sondern auch, dass Allah derjenige ist, der Cary Grant sein "hinreißendes Äußeres", der Peter Alexander "die goldene Kehle" und Oma und Teyze ihre "wunderbaren Enkeltöchter" geschenkt hat. Playmobil und Barbie landen auf Omas Gebetsteppich und das Tolle an Ramadan ist, dass man mitten in der Nacht Toast essen darf. Das ist dann fast so wie bei den Mitternachtspartys von "Hanni und Nanni".
Dieses Familienidyll wird mit viel Selbstironie beschrieben. Hört sich fast zu gut an, um wahr zu sein? Das denkt sich die Autorin auch manchmal. Also begibt sie sich unermüdlich auf die Suche nach dunklen Flecken in der Familienchronik: Ihr Vater, erklärt sie, hat wie viele Migranten, wenn sie von ihren ersten Erfahrungen im fremden Land berichten, stets einen "Radiergummi" zur Hand. Es gab keine Probleme. Wir haben sehr schnell Deutsch gelernt. Und sehr schnell deutsche Freunde gefunden. Vom ersten Moment an war alles wunderbar. Das glauben Sie nicht? Iris Alanyali glaubt es auch nicht: Mit dem "angemessenen kritischen Bewusstsein einer für multikulturelle Probleme sensibilisierten Deutschtürkin" erkundigt sie sich teilnahmsvoll bei ihrer Mutter, dass es doch sicher schwierig gewesen sein muss, mit einem Ausländer zusammen zu sein. "Nö". "Wie furchtbar", meint Alanyali, als sie erfährt, dass ihr Vater als "dreckiger Türke" beschimpft wurde. Der hingegen sieht es als Fortschritt: "Sonst hieß es 'dreckiger Itaker'".
Die "Radiergummikrümel", wie Alanyali sie nennt, werden sorgfältig beiseite gewischt. Dennoch nimmt man es ihr und ihren Eltern ab, dass es so viele nicht waren. Denn neben anderen Details über die türkische und die deutsche Kultur, über Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Nationen erfährt der Leser vor allen Dingen: An türkische Klischees sollte man sich noch weniger klammern als an deutsche. Wohlweislich verschweigt die Autorin ihren Kommilitonen, wie wenig der als "Klein-Istanbul" bekannte Berliner Stadtteil Kreuzberg der türkischen Metropole ähnelt. Dass die Anzahl der Boutiquen die Anzahl der Gemüseläden dort bei Weitem übertrifft. Dass toupiertes Haar die Kopftücher ersetzt. Und ihr Vater, von Dreck und Punks genervt, jederzeit auf das echt türkische Flair Kreuzbergs verzichtet, um auf dem Kurfürstendamm zu promenieren.
Zu differenzieren sei zwischen dem anatolischen Osten und den westlichen Großstädten wie Izmir, Ankara oder Istanbul. Eine türkische Mittelstandsfamilie, die aus einer der genannten Städte stammt, ähnele einer deutschen Mittelstandsfamilie um einiges mehr als den Anatolen, die von ihren westtürkischen Landsleuten als "Bauerntrampel" beschimpft werden. Türkinnen mit lackierten Fußnägeln lästern über anatolische Großfamilien ("Das ist doch hier kein Bazar!"), Alanyalis Eltern beklagen sich über die vielen Ausländer in Deutschland ("Zu viele Alibabas") und die größte Sorge von Oma und Teyze ist es, dass "dieses Landvolk" den Ruf aller anständigen Westtürken ruinieren könnte.
Eigentlich gibt es nur einen Wermutstropfen dieser heiteren und überaus unterhaltsamen Geschichten Obgleich Alanyali sich durchaus mit ihrer türkischen Herkunft identifiziert und auseinandersetzt, scheint es doch seinen Grund zu haben, dass sie weder "zwischen allen Stühlen" sitzt, noch "zwischen zwei Welten" wankt. Wie sie liebevoll und augenzwinkernd und ein klein wenig distanziert ihre weit verzweigte Verwandtschaft beschreibt, erinnert an Axel Hacke und Jan Weiler. So wie Hacke und Weiler aus der Perspektive eines Deutschen über Italiener schreiben schreibt Alanyali aus über Türken. Sie scheint eben deswegen nicht zu schwanken, da sie weiß, wo sie zuhause ist: in Deutschland. Und wenn sie außerdem Türkin ist, dann deswegen, weil sie bewusst zu einer geworden ist. Sie gehört zu den freiwilligen Türken. Den "Hobby-Türken". Als Deutsche mit türkischer Herkunft fällt es ihr wesentlich leichter als anderen "Deutschtürken", die Vorzüge der türkischen Seite zu genießen.
"Die Blaue Reise" zeichnet kein vollständiges Bild eines Lebens in zwei Kulturen. Die Autorin möchte lediglich das bisherig unvollständige Bild um einige neue Aspekte ergänzen. Es ist ein Glück für Alanyali, dass sie im Neben- und Miteinander beider Kulturen vor allem die positiven Gesichtspunkte erlebt hat. Ein Glück ist es auch für die Leser, denen auf diese Weise ein vergnügliches, anregendes und instruktives Buch geschenkt wird. Und die ganz nebenbei auch noch lernen, wie man "Döner" richtig betont. Auf der zweiten Silbe!
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