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20.02.2007
Der Urblutsauger

"Dracula" ist der Urtypus des blutsaugenden Vampirs. Bram Stokers noch immer lesenswerter Roman beeinflusste unzählige Horrorromane und -filme.

Heute wundert man sich nicht mehr sonderlich, wenn Vampire in Filmen oder Romanen auftauchen - jeder kennt sie und weiß umgehend, wofür sie stehen. Würden sie einem im echten Leben begegnen, man würde es wohl mit Tageslicht, Knoblauch, Weihwasser und Kruzifi probieren. Vampire sind also nicht mehr originell. Anne Rice hat ihnen sogar einen großen Teil ihres schriftstellerischen Schaffens gewidmet und sie bis zu einem gewissen Grad vermenschlicht, ihnen ein Eigenleben erlaubt, das weit über ihre Rolle als triebgesteuerte Verführer hinausgeht. In modernen Filmen wie "Underworld" spielen Vampire nicht nur Hauptrollen, sie sind positiven Helden, wenn auch die meisten ihrer Zunft nach wie vor böse bleiben.

Bei allen Metamorphosen ist und bleibt der Urtypus des Vampirs Graf Dracula, was nicht allein an seinem Erfinder Bram Stoker liegt, sondern an dem, was man aus dem Stoff später gemacht hat. Insbesondere in der Folge von Fritz Murnaus Verfilmung "Nosferatu", bei der ihm nicht einmal erlaubt war, Stokers Namensgebung zu übernehmen. Bezeichnend für Murnaus Einfluss auf den Stoff ist das Remake von Werner Herzog, der seine Figur ebenfalls Nosferatu taufte, obwohl es ihm inzwischen möglich war, sich auf Stoker direkt zu beziehen. Stokers Vorlage gerät bei der Masse an Adaptionen fast schon in Vergessenheit, den die meisten Menschen dürften sich bei einer Inhaltsangabe auf einen der Filme beziehen, nicht auf Stoker selbst.

Es lohnt sich allerdings immer noch, den Roman zu lesen. Bei aller Entwicklung, die das Genre durchgemacht hat, bleibt Stokers Roman trotz vieler Schwächen auch für den nicht-vampirischen modernen Horroroman ein Modell.

Als der Ire Stoker sich um 1895 daran machte, Dracula zu schreiben, gab es bereits unzählige Vampirgeschichten, die in der Hoch-Zeit der Schauerromantik (und davor) veröffentlicht wurden. Sheridan Le Fanus Erzählung Camilla ist die heute bekannteste und auch eine der besten. Stoker dürfte sie gekannt haben. Aber er selbst vermischte die Legenden um blutsaugende Untote, die nachts ihren Gräbern entsteigen, mit einem anderen Mythos um den historisch verbürgten, blutrünstigen Fürsten Vlad, den Pfähler, den man in Ungarn "dracole" nannte.

Stoker siedelt seinen Grafen in Siebenbürgen bzw. Transsylvanien (nach dem lat. Namen) an, wo er auf einem Schloß fern von Dörfern und Städten lebt. Die Geschichte wird mittels Tagebüchern erzählt - ein zwar nicht neuer, aber gerade für das Genre äußerst geschickter Kunstgriff. Denn so bleibt offen, ob die Protagonisten den Kampf gegen das Böse überhaupt überleben, da man die Tagebücher auch rückwirkend aufgefunden haben könnte. Außerdem ist den Erzählern kein allwissender Überblick zu eigen. Sie wissen in den ersten Einträgen noch nicht, mit wem sie es zu tun haben.

Hinzu kommt, dass Stoker nicht seine zentralen Helden, den Grafen und seinen größten Widersacher, Prof. Van Helsing, schreiben lässt (bzw. Helsing schreibt erst gegen Ende einige Einträge). Diese beiden wichtigen Figuren erscheinen nur im Blick der anderen, was ihnen eine geheimnisvolle Aura verleiht.

Der erste Erzähler ist Jonathan Harker, ein Londoner Anwalt, der nach Transsylvanien reist und dem Grafen ein Grundstück verkaufen soll. Harker erscheint als extrem nüchterner, aufgeklärter Beobachter, weshalb er sich lange Zeit bemüht, das Unerklärliche zu ignorieren, um dann aber umso heftiger dem Wahnsinn zu verfallen. Harkers Schilderungen sind interessanterweise die einzigen, in denen der Graf wirklich präsent ist. Er erscheint als höflicher, wenn auch leichenblasser Adliger, der von Harkers Eintreffen an nahezu unmerklich die Schlinge um dessen Hals legt und nach und nach enger zieht. Sein Opfer bemerkt erst, als es schon fast zu spät ist, in welcher Falle es sitzt. Der Graf zwingt Harker sogar, einen Brief über seine verspätete Abreise zu verfassen und vorzudatieren, damit er selbst ohne Rückfragen über Harkers Verbleib unbemerkt nach London reisen kann.

Draculas Schloss ist ein typischer Ort für einen Schauerroman - mittelalterlich, düster, isoliert, desolat, und es scheint, als wären der Graf und sein Gebäude eins, als würde das Gebäude auf ihn reagieren, weshalb Harker immerzu vor verschlossenen Türen steht, obwohl der Graf und später seine Transporthelfer ein und aus gehen können.

Der Graf kauft schließlich ein Gebäude in England, das seinem Schloss ähnelt. In England angekommen, verfolgt er unerbitterlich und sehr geschickt seine Pläne, indem er weitere Gebäude um London herum kauft. Von ihnen aus möchte er operieren und die Stadt einnehmen, sie also in eine Stadt der Vampire verwandlen.

Stokers Entscheidung, den Grafen von nun an nur noch in einigen kurzen Szenen erscheinen zu lassen, lässt ihn erst recht unheimlich wirken. Die Londoner Erzähler, insbesondere ein Psychiater namens Dr. Steward, Harkers Frau Mina sowie der später doch noch heimkehrende und wieder genesende Harker selbst, jagen von nun an einem Phantom hinterher, das ihnen immer einen Schritt voraus ist. Deshalb wird erst allmählich ersichtlich, wie ausgereift dessen fürchterliche Pläne und seine Fortschritte bereits sind.

Steward jedoch zieht schon früh seinen einstigen Mentor, den holländischen Arzt Van Helsing hinzu, der sich auch mit Okkultismus beschäftigt und als einziger ahnt, was sich in London ereignet. Helsing wird zum großen Gegenspieler Draculas und so wie jener ein erschreckendes Netz um London zieht, so schneidet ihm Van Helsing mit seinen Helfern ebenso raffiniert einen Fluchtort nach dem anderen wieder ab. Der große Dracula muss schließlich fliehen, seine Gegner folgen ihm aber und stellen ihn kurz bevor er sein Schloss erreicht. Alle tapferen Helden sind anwesend, um ihn gemeinsam ins endgültige Jenseits zu befördern. Draculas Niederlage ist bei Stoker ein Symbol für Freundschaft und Loyalität.

Während bei vielen späteren Adaptionen des Stoffes Dracula auch eine tragische Figur ist, die in Einsamkeit lebt und dazu verflucht ist, vom Blut anderer zu leben, sind bei Stoker die Fronten klar. Bei der Figur Dracula ist das nicht weiter schlimm, denn es gelingt dem Autor mit anderen Mitteln, ihn interessant zu machen, weil er im Geheimen in London umherschleicht und verbissen seine Pläne verfolgt, während nur einige Stichworte über sein Leben fallen. Stoker stellt ihn als eine Mischung aus einstigen Kriegshelden und brillanten Strategen dar, sowie als Tier und als kleines Kind, dass noch vieles über seine Situation lernen muss. Dracula bleibt bis zum Ende ein unerklärliches Phänomen. Man erfährt nicht, warum er unsterblich wurde. Man weiß nur, dass er dunkle Mächte auf seiner Seite hat und dass er die Elemente beherrschen kann. Stoker benennt den Roman nach ihm, weil er trotz seiner partiellen Unsichtbarkeit die interessanteste Figur ist.

Anders sieht es mit den positiven Helden aus. Sie sind so gut, dass sie einem damit schon nach kurzer Zeit auf die Nerven gehen. Es wird viel über Menschen- und Werte-Verluste geweint und sich viel die Treue bis zum Tode geschworen. Man erklärt sich ständig in langatmigen Dialogen, wie gut es doch sei, dass es so grundgute und verlässliche Menschen gibt. Und natürlich halten sie ununterbrochen zusammen. Es gibt kaum Streit, kaum Zweifel, keine andere Seite an ihnen, die sie vielseitig machen würde - und das ist die enervierende Seite dieses Romans, da Stoker einem in seinen Dialogen jeden denkbaren Pathoskitsch zumutet.

Folglich ist es das Böse, und es hat hier natürlich ebenfalls nur die eine, die boshafte Seite, das den Roman lesenswert und spannend macht. In Erinnerung bleibt, wie der Graf echsengleich seine Schlossmauern herunterklettert oder wie ein Schiff mit einem toten, am Steuerrad festgebundenen Kapitän und nur einem mysteriösen Hund an Bord langsam in den Londoner Hafen hineintreibt. Naturalistisch und mit gutem Gespür für Timing beschreibt Stoker das schleichende Eindringen des Bösen von einem abgeschiedenen Ort aus in die Zivilisation.

Dieser Roman hat zahlreiche Autoren und Filmemacher verschiedener Genre tief beeinflusst. Dracula bleibt dank seiner düsteren Bilder auch heute noch einzigartig, obwohl man inzwischen einiges an Grauen gewöhnt ist.


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