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a Vela - das Kunstmagazin
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23.03.2007
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Von Shanghai nach Hamburg
Y.C. Kuans Autobiographie "Mein Leben unter zwei Himmeln" erzählt von dem außergewöhnlichen und abenteuerlichen Schicksal eines Chinesen, der während der Kulturrevolution seine Heimat verlässt und in Deutschland ein neues Leben beginnt.
Von Ines Schipperges
1931 als der Jüngste von drei Geschwistern geboren gibt sein Vater ihm den Vornamen Yu: "der Überflüssige". Um den japanischen Truppen zu entkommen, ziehen Kuan und seine Familie 1937 von Peking nach Shanghai. Dort wächst Kuan auf, dort genießt er seine Jugend und dort lernt er die Freuden des Westens kennen: Tanzpartys, Mode, Filme, Musik und Literatur. Dies und auch die christliche Religion bestimmen sein Leben. Früh erfährt er von Ungerechtigkeit, von Wut, Hass und Krieg.
Kuans Vater ist Professor, die Mutter Lehrerin. Sein Vater widmet sich den großen Kämpfen um Freiheit und Vaterland. Er verlässt die Familie und engagiert sich als überzeugter Kommunist im antijapanischen Widerstand. Der kleine Kampf um das tägliche Brot bleibt der Mutter überlassen. Dank wohlhabender Verwandtschaft wird es Kuan ermöglicht, eine angesehene, westlich geprägte Schule zu besuchen. Trotz des permanenten Einflusses von Coca-Cola, Kaugummi und Hot Dogs erkennt Kuan, dass nicht alles Westliche erstrebenswert ist. Und als Shanghai 1941 vom Bombardement der USA betroffen wird, gerät sein Amerikabild endgültig ins Wanken.
Neben Werken wie Han Sens "Ein Chinese mit dem Kontrabass" oder Benno Krolls "Der Clan der Changs" reiht sich auch "Mein Leben unter zwei Himmeln" ein in das autobiographische Erinnern an ein Leben, welches zwischen China und Deutschland geteilt wurde und Züge beider Kulturen in sich vereint. Mithilfe der grenzüberschreitenden beziehungsweise allumfassenden Darstellungsform dieser Autobiographie entsteht ein Werk, das trotz seines beachtlichen Umfangs keinerlei Längen erkennen lässt und Spannung wie auch Freude an der Lektüre stets aufrechterhält.
Der "historische Rahmen" in tabellarischer Form zu Anfang jedes Kapitels erlaubt es, den historischen und politischen Wirrungen durch die Zeit zu folgen. Das außerordentliche persönliche Schicksal Kuans, in dem sich das nicht minder Widersprüchliche und Bizarre des Schicksals Chinas widerspiegelt, macht die Autobiographie zu einem unterhaltsamen und zugleich durchaus lehrreichen Lesestoff.
Kuans Impulsivität, sein Idealismus und seine Begeisterungsfähigkeit verleiten ihn in den verschiedenen Phasen seines Lebens zu Fehlern. "Voller Enthusiasmus umarmte ich als junger Mann eine neue Epoche, in die ich alle Hoffnungen setzte. Ich wäre gern ein Held gewesen, der tapfer für sein Vaterland kämpft." Doch neben blindem Optimismus zeichnet sich sein Charakter – und mit ihm sein Lebensweg – immer wieder auch durch Reflexionsfähigkeit, durch die Gabe zu Kritik und gesunder Skepsis aus.
Im zarten Alter von sechs Jahren wurde Kuan von seinem Vater belehrt: "Von heute an seid ihr keine Kinder mehr, sondern Nachwuchsrevolutionäre." Der Beginn von Kuans Studium fällt mit der Wiederaufnahme des Bürgerkriegs, den antiamerikanischen Protestwellen sowie einer kontinuierlichen Erstarkung der Kommunistischen Partei zusammen. Die ideologische Umerziehung beginnt: "Ihr seid jetzt keine gewöhnlichen Bürger mehr, sondern Revolutionäre." Detailreich schildert Kuan den erbarmungslosen "Unterricht in Selbstverleugnung", die Methoden der "Kritik" und "Selbstkritik", mit Hilfe derer jegliches kapitalistische Gedankengut aus den Köpfen der Studenten, der Nachwuchsrevolutionäre, verbannt werden soll.
Trotz seines uneingeschränkten und glühenden Enthusiasmus fällt es Kuan schwer, sich unter- und einzuordnen. Immer wieder macht er sich bei den Kommilitonen wie auch den Gruppenleitern unbeliebt durch "kapitalistische" Äußerungen. Seine Vorliebe für modische Extravaganzen, seine vormalige Bewunderung der amerikanischen Kultur, vor allem jedoch sein hitziges Temperament und sein unbändiger Freiheitswille befinden sich im fortwährenden Kampf mit seiner patriotischen Einstellung und stehen zu seinem Leidwesen dem sehnlichen Verlangen nach Anerkennung durch die Partei im Wege: "Wann würde aus mir endlich ein richtiger Revolutionär werden?"
Mit Ausbruch des Koreakriegs 1950 sehen Kuan und seine Kommilitonen sich vor neue Entscheidungsschwierigkeiten gestellt: Was ist größer, die Angst vor Tod, vor Hunger und Kälte – oder die Angst, als Vaterlandsverräter, als Feigling abgestempelt zu werden?
Kuan verlässt die Universität und bekommt eine Arbeit als Dolmetscher im Finanzministerium von Peking zugeteilt. Er lernt seine erste feste Freundin kennen: Meizhen. Doch immer wieder trüben die politischen Verhältnisse das private Glück. Die revolutionären Bewegungen rufen den Aufstand der Konterrevolutionäre hervor, welche wiederum durch die antikonterrevolutionären Bewegungen entlarvt und gestoppt werden sollen. Die Situation bringt Kuan zur Verzweiflung: "Ein Mensch lebt ja nur fünfzig bis siebzig Jahre lang. Wenn man ständig kämpfen soll, wofür lebt man überhaupt?" Auch das Glück mit Meizhen ist nur von kurzer Dauer – doch ist es ihm nicht gestattet, die Beziehung nach eigenem Ermessen zu beenden. Da Meizhen und Kuan die erforderlichen "Bedingungen" erfüllen, verordnet das Parteikomitee ihre Eheschließung. Euphemistisch formuliert Kuan seinen Heiratsantrag: "Mein Schicksal hat anscheinend entschieden, dass ich dich heiraten soll."
Die aus prosaischen Gründen geschlossene Ehe fällt der Kritikkampagne Mao Zedongs zum Opfer. "Lasst hundert Blumen blühen", lautet der Slogan. "Wir müssen die Menschen mobilisieren, uns zu helfen und zu kritisieren. Je schärfer ihr kritisiert, desto besser", lautet Maos Appell. Wie so viele andere erkennt auch Kuan die Falle erst, als es zu spät ist – und wird kurz nach der Geburt seines Sohnes Xin als "Rechtsabweichler" und "Konterrevolutionär" in die Provinz Qinghai, das Sibirien Chinas, verbannt.
In deren Provinzhauptstadt Xining erhält er den Auftrag, als Fotojournalist über die "Helden der Arbeit" zu berichten. Wiederum macht er sich unbeliebt durch seine offene und direkte Art sowie die Weigerung, in seinen Artikeln Propaganda für die Parteielite zu betreiben. Zur weiteren "Umerziehung" durch körperliche Arbeit wird er von einer Verbannung in die nächste geschickt und zunächst einer Brigade auf dem Land zugeteilt, dann einer Kommune am Qinghai-See. Dort erlebt er die "drei bitteren Jahre" des Hungers – zurückzuführen zum einen auf Naturkatastrophen, zum anderen auf die absolute Kollektivisierung in der Landwirtschaft, welche zu einer Demoralisierung der Arbeitseinstellung führte.
An Kuan gehen diese Jahre ebenfalls nicht spurlos vorbei. Mehrmals ist er dem Hungertod nahe und auch seine Arbeitsmoral und sein Gewissen halten dem Erwartungsdruck nicht länger stand; ein verlogener Bericht voller gefälschter Daten und Fakten belastet ihn längst nicht mehr: "Es wurde sowieso von oben bis unten gelogen, und alle wussten es." Nach vier harten Jahren gelingt es ihm mit Hilfe einflussreicher Freunde, endlich seine Rückkehr nach Peking zu erwirken.
Die Kulturrevolution und die Exzesse der Roten Garde lassen Kuans politischen Schwierigkeiten der Vergangenheit aufleben und werden ihm letztlich zum Verhängnis. Zum wiederholten Male zeigt sich sein begeisterungs- jedoch auch kritikfähiges Temperament, das zunächst voller Idealismus alle Neuerungen der "aufregenden Kulturrevolution" aufgreift, ihn aufgrund mehrerer ihm willkürlich erscheinenden Übergriffe gleichwohl bald das Vertrauen in die Revolution verlieren und heftige Kritik an ihren Aktionen üben lässt. Seine nur schlecht unterdrückte Skepsis macht ihn erneut zu einer überaus geeigneten Angriffsfläche, der eine Denunziation durch seine Frau zu weiterer und als sehr willkommen aufgenommenen Nahrung verhilft.
Der Gedanke an Flucht stellt sich jählings und vollkommen unüberlegt ein, als er zum Thema einer Vollversammlung wird. Die Rettung liegt in Form eines japanischen Passes vor ihm und verhilft ihm zu dieser unvermittelten Eingebung. Innerhalb weniger Minuten wird sein Plan geschmiedet und innerhalb weniger Stunden in die Tat umgesetzt. Keine vierundzwanzig Stunden später befindet Kuan sich in einem Flugzeug, welches ihn für lange Jahre aus seiner Heimat entführen soll. Der Plan ist so fantastisch, so unwahrscheinlich und dreist, dass er entgegen allen Erwartungen tatsächlich gelingt. Eine illegale Ausreise mithilfe eines gefälschten Passes war, erfährt Kuan Jahre später, eine Frechheit und Kühnheit solchen Ausmaßes, dass niemand auch nur den Versuch für denkbar gehalten hätte. "Wenn das Schicksal will, dass du lebst, wirst du alle Schwierigkeiten überwinden, wenn es will, dass du stirbst, kannst du dem Tod nicht entrinnen."
Kuans Schicksal will, dass er lebt – und sein zweites Leben beginnt 1968 in Ägypten. Anderthalb Jahre der Ungewissheit verbringt er im Kairoer Gefängnis, in "Schutzhaft". Das Interesse an seiner Person ist enorm: China verlangt seine sofortige Auslieferung, die USA bietet ihm Asyl an und auch die UNO möchte ihm hilfreich zur Seite stehen. Die Sorge, als Spion verdächtigt zu werden – was schlimme Folgen für seine Familie hätte, jedoch auch seinen ausgeprägten Nationalstolz kränken würde – lässt Kuan die Einladung der USA ablehnen.
Auch der Hilfe von Seiten der UNO steht er äußerst skeptisch gegenüber: "'Sie arbeiten für die Uno?' Und ich hatte Herrn Bergmann für einen anständigen Menschen gehalten!" Die Aufenthaltsgenehmigung Deutschlands kann ihn ebenso wenig erfreuen. "Made in Germany" ist ihm zwar ein Begriff, was Nivea, Bleistifte, Fahrrad, Klavier und Schreibmaschine betrifft, doch fürchtet er die Nazis und die Gestapo. Als er indessen vor die Wahl gestellt wird "Deutschland oder Gefängnis?" trifft er die Entscheidung: "Dann doch lieber Deutschland."
In China wurde Kuan zum Rechtsabweichler abgestempelt, in Deutschland drängt man ihn in die Rolle des Verteidigers der Revolution, der Partei, seiner Heimat. In China gilt er als Experte für Deutschland und Europa, in Deutschland als bedeutsamer Vermittler der chinesischen Kultur. Seine Autobiographie lässt von allem etwas erkennen: Der Rezipient empfindet – und versteht – die Begeisterung des jungen und patriotischen Chinesen, er durchlebt die Reflexionsprozesse Kuans, er sieht die Eigenheiten Chinas und die Merkwürdigkeiten Deutschlands. Kuan plädiert für Verständnis ebenso wie für den Mut zur Kritik.
Deutschland eröffnet Kuan einen Neubeginn. Trotz etlicher Widrigkeiten und dank der Hilfe ihm wohlgesinnter Menschen gelingt es ihm, sich in Hamburg als Sinologieprofessor zu etablieren. Er heiratet eine Deutsche – und reist mit ihr, nachdem er als "politischer Feind" rehabilitiert wurde, nach dreizehn Jahren in der Fremde in seine Heimat. Das Wiedersehen macht ihn glücklich, jedoch auch nachdenklich. Er erfährt von all den Qualen, die Familie und Freunde nach Entdeckung der Flucht um seinetwillen erleiden mussten. Und er stellt fest: "Optimismus und Tapferkeit können aus dem Leben eines Menschen ebenso gut eine Komödie wie auch eine Tragödie machen. Mein merkwürdiges Schicksal trägt Züge von beidem."
"Mein Leben unter zwei Himmeln. Eine Lebensgeschichte zwischen Sh", Y.C. Kuan, Scherz, 2001, 608 S.
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