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a Vela - das Kunstmagazin
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04.04.2007
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Geruchsverirrungen
Tom Tykwers Verfilmung des Bestsellers "Das Parfum" ist auf DVD erschienen. Dem Regisseur gelang nur ein oberflächliches Ausstattungskino.
Von Frederik Schlenk
Es lässt sich nur wehmütig spekulieren, was wohl ein Stanley Kubrick aus dem Stoff gemacht hätte, hätte ihn nicht die Erkenntnis des Versagenmüssens vom Versuch der Verfilmung des 1985 erschienenen Bestsellers "Das Parfum" von Patrick Süskind abgehalten.
Für "unverfilmbar" hielt Kubrick das Werk. Und wir ahnen, dass es nicht nur das olfaktorische Grundmotiv des Buches war, das Kubrick Kopfzerbrechen bereitete, sondern auch die unauslotbaren Abgründe der Geschichte um den begnadeten Schnüffler und Eigenbrötler Jean Baptiste Grenouille und seine mörderischen Taten im Frankreich des 18. Jahrhunderts.
Nach langer Zeit des Zögerns hat sich Süskind, der öffentliche Auftritte scheut, 2001 entschlossen, die Filmrechte am "Parfum" zu veräußern. Seine Wahl fiel auf den deutschen Produzenten Bernd Eichinger. Der dürfte sich gefreut haben, hatte er doch fast sechzehn Jahre lang um den Zuschlag gekämpft und am Ende solch prominente, internationale Mitanwärter wie Martin Scorsese, Ridley Scott, Jean-Jacques Annaud oder Milos Forman ausgestochen. Eichinger wiederum übergab den Regieauftrag seinem jüngeren Kollegen Tom Tykwer ("Lola rennt"), machte exorbitante Förderungsgelder u.a. beim FilmFernsehFonds Bayern und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen locker und engagierte getreu nach den Vorgaben von Süskinds Buch einen "ausgesprochen hässlichen", jungen und ziemlich unbekannten britischen Theaterschauspieler für die Hauptrolle (Ben Wishaw).
Das rund 60 Mio. Euro teure Ergebnis der Kooperation des geheimnisumwobenen Romanautors mit der deutschen Filmindustrie liegt nun, 67 Drehtage später und fast ein Jahr nach Ende der Dreharbeiten, seit dem 14. September auch dem deutschen Kinopublikum vor. Es handelt sich um 147,5 Minuten pompös gestaltetes Historienkino mit Starbesetzung – etwa dem sehenswerten Dustin Hoffman in der Rolle des abgehalfterten Pariser Parfumiers Baldini. Ein Werk auch, das nicht an ausgiebiger Untermalung durch die audiophilen Klängen der Berliner Philharmoniker spart. Leider ist damit auch schon das Beste über das Kinospektakel gesagt.
Ben Wishaw als Grenouille ist eine glatte Fehlbesetzung. Der talentiertere Darsteller vermag das „kompromisslos Abartige“ des Buch-Grenouille nicht auch nur ansatzweise vorzuführen. Dafür überkompensieren Tykwers Großaufnahmen der bebenden Nasenflügel seines Hauptdarstellers, was eigentlich der schauspielerische Anspruch der Hauptrolle sein müsste: Die mimische und gestische Darstellung eines stammelnden, armseligen und zurückgebliebenen Außenseiters, der von einem todbringenden, ästhetischen Dämon getrieben ist und nur über eine einzige, herausragende Begabung verfügt, die ihn völlig einnimmt – einen perfekten Geruchssinn.
Tom Tykwer äußerte in vorlaufenden Interviews die Kubricksche Meinung, die literarische Vorlage sei eigentlich nicht verfilmbar. Wahrscheinlich ist, dass er genau jene Quadratur des Kreises im Sinn hatte, die bereits den berühmten amerikanischen Kollegen resignieren ließ, und die anscheinend auch 60 Mio. Sponsorengelder nicht möglich machen können: Die symbolistische Verfilmung einer Prosa, in der der Gestank des Paris von 1738 und die individuellen Geruchsnoten von Parfums oder schönen Jungfrauen lediglich eine literarische Allegorie für die Verführbarkeit des modernen Menschen bedeuten.
Man muss dabei nicht einmal die sehr weitgehende politische Interpretation heranziehen, die der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bereits kurz nach Erscheinen des Buches entwarf, nämlich die Deutung Grenouilles als hinlänglich bekannten Demagogen einer braun stinkenden Volksmasse. Es reicht, die Schlüsselszene des Buches zu betrachten, als Grenouille, der bereits zum (unabsichtlichen) Mörder an dem schönen Mirabellenmädchen geworden ist und sich nun wandernd auf dem Weg nach Grasse befindet, in einer Höhle einkehrt.
Hier, an einem Ort, den noch nie ein Mensch mit seinem Geruch verunreinigt hat, erlebt Grenouille seine katastrophale, mehrjährige Katharsis. Süskind schildert sie ausführlich auf etwa 20 Buchseiten. Nicht aber entdeckt Grenouille in dieser Zeit, auf die der Film übrigens nur einige kurze Sequenzen verwendet, dass er selbst keinen Geruch hat, sondern: "Es ist nicht so, dass ich nicht rieche. Es ist vielmehr so, dass ich nicht rieche, dass ich rieche." (Süskind). Der Film jedoch setzt anders an: "Er entdeckt aber auch, dass ihm selbst ein Eigengeruch fehlt – er also substanzlos ist."
Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich herausstellen wird. Denn wenn die Wanderung ins südfranzösische Grasse (dem fernen Ort der hoch entwickelten Destillierkunst), das Verweilen in einsamer Berglandlschaft und das Erlebnis innerer Einkehr an einem gleichsam unberührten Ort als petrarcische Läuterungsprozesse gelesen werden können, dann wird deutlich, dass Grenouilles Entdeckung, sich selbst nicht riechen zu können, den Sündenfall des christlichen Menschen durch Selbsterkenntnis repräsentiert. Um dieses Thema ging es Süskind wohl in seinem Buch vor aller politisch-gesellschaftlichen Absicht. Das Riechen fungiert als sensitivische Metapher für ein Wesen, das auf der Schwelle zwischen "Gut" und "Böse", zwischen der Entscheidung "für" oder "gegen" die Verheißung der Unschuld steht.
Tykwer scheint diese tiefenpsychologische Brisanz der Vorlage entgangen zu sein. Zumindest zeigt der Film die abgründige Innerlichkeit des Menschen Grenouille nicht auf, die bei Süskind über weite Strecken des Buches im Bereich nur andeutender Metaphorik bleibt, jedoch durch die abschließende Szene der kannibalischen Vernichtung Grenouilles durch den Pariser Abschaum in unmittelbarer Nähe des Friedhofs "Cimetière des Innocents" unmißverständlich bezeichnet ist. Zu oppulent und plakativ sind die ekelerregenden Bilder von Würmern in toten Ratten, schmutzigen Gesichtern, von Blut, Eiter und tropfenden Essenzen, als habe Süskind nur dem affizierenden Äußeren der menschlichen Geruchswahrnehmung Ausdruck verleihen wollen.
Der eigentliche Anspruch der Verfilmung des "Parfums" hätte hingegen darin bestehen müssen, der Verführung durch die Macht der sprechenden Bilder zu widerstehen. Tykwers filmisches Fahnden nach gegenständlichen Entsprechungen für die riechende Wahrnehmung überblendet gerade jenen zentralen Gedanken, der auch die erstaunliche Popularität und ästhetische Wirkung des Süskind´schen Werkes erklärt: Nämlich dass das "Parfum" in seiner Basisnote eine nur der genuin literarischen Perspektive zugängliche Versinnbildlichung ist, die problemlos auf äußere Bilder verzichten kann, dafür aber umso stärker auf die Momente der kritischen Selbstreflexion und der moralischen Anschauung angewiesen ist.
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