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a Vela - das Kunstmagazin
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23.04.2007
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Die Vermessung des Genialen
Unterschiedlicher könnten zwei Menschen nicht sein als der Forscher Humboldt und der Wissenschaftler Gauß – und dennoch verbinden sie ihr Drang nach Erkenntnis und der Wunsch zu erfahren, was hinter den Dingen steckt. Daniel Kehlmann erzählt in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" die Lebensgeschichten der beiden Genies.
Von Maike Freund
Den Forscher Alexander von Humboldt und den Physiker, Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß trennen Welten: Humboldt ist aus adeligem Hause, hat die beste Bildung genossen, seine erste wissenschaftliche Arbeit im Jugendalter geschrieben und als Kind mit seinem Bruder schriftlich fixiert, dass er eines Tages den Orinoko erforschen würde. Gauß hingegen kommt aus ärmlichen Verhältnissen, kann rechnen, bevor er das erste Wort spricht und bringt sich selbst in ein paar Stunden das Lesen bei. Um zur Schule gehen zu dürfen, muss er aber erst seinen Vater überreden.
Humboldt zieht es in die Ferne. Er reist als Forscher zunächst nach Teneriffa, dann weiter nach Neuandalusien, vermisst dort als erster jedes Stückchen Land, untersucht Höhlen, Pflanzen, Berge und den Dschungel, von dem er sagt, "Urwald ist schließlich auch nur Wald". Unermüdlich ist er unterwegs, ohne Pause, ohne inne zu halten, fast übermenschlich bemüht, die Welt zu erforschen. Nur für das Leben selbst hat er keine Zeit. Als eine Sonnenfinsternis heranrückt, die er untersuchen will, kann er sie nicht beobachten, "denn er habe das Gestirn im Sextanten fixiert und auch noch die Uhr überwachen müssen. Zum Aufblicken sei da keine Zeit gewesen".
Gauß findet es am schönsten zu Hause. Nach Berlin zum Naturforscherkongress, zu dem ihn Humboldt einlädt, bricht er nur unter Flüchen und Verwünschungen auf. Zahlen hat er im Kopf, sonst nichts, und am liebsten löst er numerische Probleme am Schreibtisch. Andere Menschen denken ihm einfach zu lahm: "Warum dachten sie so langsam, so schwer und mühevoll? Als würden Gedanken von einer Maschine hervorgebracht, die man zuvor anwerfen und in Gang kurbeln mußte, als wären sie nicht lebendig und bewegten sich von selbst."
Unterschiedlicher als Gauß und Humboldt könnten zwei Menschen nicht sein, aber trotzdem verbindet sie einiges: Beide treibt der Drang, die Welt zu erforschen, im Sinne der Aufklärung zu untersuchen, zu hinterfragen und anzuzweifeln: Als Kind besucht Gauß einen Freitisch bei einem Pfarrer, der ihm sagt, Stolz sei eine Todsünde, was er nie vergessen solle:
"Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben.
Warum?
Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden...
Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht."
Dabei treibt Gauß nicht der Wille nach Auflehnung, Gleichberechtigung oder Selbstbestimmung. Auch politische Freiheit ist für ihn kein Thema: Von Napoleon weiß er nichts, auch nicht von den Preußen. Ihm geht es um Logik und die Logik ist es auch, die ihn zwangsläufig in die Nähe der Aufklärung bringt. Humboldt ist nicht in diesem Maße realitätsfern, er nimmt das Zeitgeschehen wahr, aber auch ihm geht es nicht um Politik, sondern um das Forschen und die Beherrschung der Natur mit Hilfe seiner Vermessungen.
Weil aber Humboldt und Gauß nur ihre eigene Forschung wichtig nehmen, nicht aber das, was um sie herum geschieht, erschienen die beiden Personen nicht nur tragisch, sondern auch komisch. Selbst ihre eigenen Erkenntnisse werden so nebensächlich erzählt, dass ihre Bedeutung nicht klar hervortritt. Diese Stimmung der Nebensächlichkeit im Roman erzeugt Kehlmann durch die Dramaturgie des Buches und seinen Stil. Es gibt keinen Spannungsbogen und die indirekte Rede, in der die beiden Protagonisten fast nur zur Sprache kommen, unterstützt diese Gleichförmigkeit. Auch deshalb erscheint der Roman an manchen Stellen etwas trocken, trotzdem ist er in der vermeintlichen Einfachheit seiner Sprache genial, darin liegt der Humor des Autors:
Als Kind darf Gauß an einer der ersten Heißluftballonfahrten teilnehmen. Er betet jedoch nicht vor Aufregung: "Nein, flüsterte Gauß, er zähle Primzahlen, das mache er immer, wenn er nervös sei." Doch auch im Zustand der Nervosität erkennt er, dass sich alle parallelen Linien berühren und dass unter dem Korb des Ballons nur ein Ruder angebracht werden müsste, um ihn in verschiedene Richtungen lenkbar zu machen. Auch hier wird weder die mathematische Erkenntnis, noch das Wissen um die Lenkung des Ballons durch ein Ruder besonders hervorgehoben. Alles wird im Gang der Erzählung nivelliert.
Die Protagonisten werden nicht als Helden dargestellt – weil so vieles nebenbei gelingt - und so wird dem Leser keine der Personen durchweg sympathisch. Es scheint so, als würde Daniel Kehlmann durch die Gleichförmigkeit in seinem Roman nicht werten. Aber vielleicht versteckt sich eine Wertung in seinem gleichmäßigen Erzählstil. Denn: Was bedeutet es, wenn zwei Genies so nivelliert dargestellt werden? Und die Erzählung nur durch das Thema, die Vermessung der Welt, an Höhen und Tiefen und somit Schwung gewinnt. Doch auch, dass das Thema wichtiger ist als die Personen dahinter. Dass die Protagonisten nur Menschen, wenn auch geniale, und keine Götter sind, die ruhig augenzwinkernd betrachtet werden können. Und diese humoristische Seite ist es, die den Roman besonders und hervorragend macht.
"Die Vermessung der Welt", Daniel Kehlmann, Rowohlt, 2005, 304 S.
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