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30.04.2007
Mythen in Weiß

München macht sich bereit, das weltweit zweitgrößte Zentrum für Kunst von Cy Twombly zu werden. Ab 2008 werden knapp 50 Werke des bekannten zeitgenössischen Künstlers aus Amerika im momentan noch im Bau befindlichen Museum Brandhorst zu sehen sein. Mit der Ausstellung "Cy Twombly. Skulpturen 1992 – 2005" in der Alten Pinakothek bekamen die Münchner bereits einen Vorgeschmack.

Von Anna Schwarz

Die Skulpturenausstellung im Klenze Portal der Alten Pinakothek war eine kleine Sensation. Keines der Werke wurde je zuvor in Europa gezeigt, und auch in Amerika sind die meisten der Skulpturen unbekannt. Denn obwohl Cy Twombly seit jeher auch plastisch arbeitet, bekannt wurde er durch seine Bilder.

Die Besucher der Ausstellung begleitete dementsprechend beim Durchwandern des Skulpturenwaldes ein verwunderliches Gefühl des bekannt-Unbekannten. Twomblys Skulpturen sprechen die gleiche verschlüsselte Sprache wie seine Gemälde. Jeder kennt Twomblys schlichte weiße Tafeln mit der typischen krakeligen Schrift. Die auf den ersten Blick unspektakulären Bilder enthüllen erst nach und nach ihre suggestive Kraft. Je länger man sich mit ihnen beschäftigt, umso mehr Rätsel geben sie preis. Die weiße Oberfläche entpuppt sich als strukturiertes Zusammenwirken der verschiedensten Farbnuancen und Intensitäten, als Spiel mit lasierendem und pastosem Farbauftrag, mit Oberfläche und Tiefe. Dazu Twomblys kryptische Botschaften, teils unleserlich, teils schlicht unzusammenhängend, eingeritzt in die weiße Oberfläche wie ein nachlässig hingeschmiertes Graffiti.

All diese Elemente von Twomblys Schaffen lassen sich in seinen Skulpturen wieder finden. Eine Phantasiewelt, ein Wald weißer Gestalten tat sich dem Betrachter beim Durchwandern der kahlen hohen Räume der Pinakothek auf. Twomblys neuere Skulpturen bestehen größtenteils aus Kisten und Kartons jeder Form und Größe, aufeinander gestapelt und mit weißer Farbe und Lack übergossen. Vollendet werden die erhabenen Turmbauten mit den banalsten Fundstücken des Alltags: ein Zweig, ein Taschentuch, eine Rolle, ein Stück Schnur oder ein Pinsel, verklumpt mit dicken Batzen Gips und gebadet in Twomblys unnachahmlichem, vielschichtigem Weiß, bilden jeweils den Höhepunkt der aufstrebenden Figuren.

Bei den in München ausgestellten Exponaten mischten sich bei genauerem Hinsehen grelle Farbspritzer in das lebendige Weiß, eine Oberfläche leuchtete dem Betrachter in grellem Neonpink entgegen, die zerknüllten Taschentücher, die den Abschluss einer der vielen Skulpturen ohne Titel bilden, waren bunt wie Blumen eingefärbt. Auch die Kritzeleien des Künstlers tauchten hier und da unvermutet wieder auf.

"In Memory of Alvaro de Campo" war in den weißen Farbüberzug eines vertikal montierten Holzbrettchens eingekratzt, "In Memory of Babur" auf die unterste Kiste einer anderen Skulptur. Sofort wurden die weißen Objekte zu Monumenten, mit ihrer kontemplativen Wirkung gemahnend – an was? "The Mathematical Dream of Ashurbanipat", suggerierte einer der wenigen Titel, die Twombly vergeben hat, "Om Ma Ni Pad Me Hum" ein anderer.

Twomblys Bildwelten erschaffen in einer Synthese von Einflüssen aus Musik, Literatur und bildnerischen Elementen eine Mythologie für sich, eine geheimnisvolle Poesie, die Raum lässt für die unterschiedlichsten Assoziationen. Eben jene machte Twombly zum Hauptvertretener der so genannten lyrischen Ausrichtung des American Abstract Expressionism und ließ sich in den bisher wenig bekannten Skulpturen aufs eindrucksvollste erleben.

Dennoch fiel bei der Münchner Ausstellung vor allem ein Aspekt auf, der sonst selten an Twomblys Kunst bemerkt wird: Auf außerordentlich vielfältige Weise illustrieren die Werke ihren Herstellungsprozess. Das Verlaufen der verschiedenen Farbschichten, die in feinen Tropfen gerinnen, der in dicken Klumpen aufgetragene Gips, der die Skulpturen zusammenzuhalten scheint, sowie Versatzstücke künstlerischen Schaffens wie Farbtöpfe und Pinsel sowie Nägel, Stricke und Textilien betonen gemeinsam das Provisorische der Exponate.

In ihrer abstrakten Kühle sind Twomblys Skulpturen intellektuelle Denkmäler; im Rahmen der kargen Münchner Ausstellungsräumlichkeiten jedoch scheint es, also ob sie soeben aus der Werkstatt des Künstlers abtransportiert und nur vorübergehend abgestellt wurden, fast meint man, man sehe den Bildner noch einen Klacks weißer Farbe hinzufügen. Wer die Geschichte der alten Pinakothek kennt, weiß, dass das gleiche Konservieren einer Vorläufigkeit integraler Bestandteil des Gebäudes ist.

Der unter Ludwig I entstandene Klenze-Prachtbau wurde im zweiten Weltkrieg zerbombt. Beim Wiederaufbau entschied sich die Stadt für einen Plan, der die Wunden, die der Krieg geschlagen hatte, sichtbar ließ. Die neuen Mauern wurden in grober Ziegelbauweise errichtet und nicht verputzt. Gerade das Klenze Portal, früher pompöser Eingangsbereich, ist nun ein peripher gelegener, äußerst schlicht gehaltener Bereich, der für Twomblys skulpturale Inszenierung künstlerischen Schaffens in seiner Tätlichkeit den idealen Rahmen bietet. Obwohl sich das Programm der alten Pinakothek eigentlich auf Meisterwerke europäischer Kunst des 14.-18. Jahrhunderts beschränkt, wirkten Twomblys Arbeiten dort nicht deplaziert, im Gegenteil. Es ist, als hätte der Amerikaner, der auf seinen zahllosen Europareisen schon mehrmals in Deutschland zu Gast war und 1963 sogar kurzzeitig in München wohnte und arbeitete, einmal mehr sein Atelier in die bayrische Hauptstadt verlegt.

Die besondere Beziehung Münchens zu Cy Twombly beschränkt sich allerdings nicht auf diese Koinzidenz. In den vergangenen sechs Jahren wurden bereits zwei große Ausstellungen mit seinen Werken organisiert. Eine Retrospektive zeigte 2003 Twomblys Arbeiten auf Papier in der Pinakothek der Moderne. 2001 stellte die alte Pinakothek den Bilderzyklus "Lepanto" aus, der auf der Biennale des gleichen Jahres in Venedig für Aufsehen gesorgt hatte. Unterstützt wurde die Lepanto – Ausstellung von dem Sammlerehepaar Udo und Anette Brandhorst, in deren Besitz sich sämtliche Gemälde des Zyklus befinden. Über 50 Werke des Amerikaners haben die Sammler zusammengetragen und sind damit Besitzer der zweitgrößten Werkgruppe von Twombly weltweit.

Allein die Menil Collection in Houston, Texas kann Ihnen in dieser Hinsicht noch den Rang ablaufen. Ihre Sammlung umfasst außerdem weit über 700 wichtige Werke moderner und zeitgenössischer Kunst, darunter Picassos Künstlerbücher und Arbeiten von Andy Warhol, Sigmar Polke, Bruce Naumann, Mike Kelley und Damien Hirst. Nun sollen diese Schätze der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zu diesem Zweck stifteten die Brandhorsts bereits 1999 ihre gesamte Sammlung dem Freistaat Bayern.

Im Gegenzug hat man sich verpflichtet, einen angemessenen Rahmen für die Kunstwerke zu schaffen, und so wird seit Sommer 2003 an einem neuen Museum für die Sammlung Brandhorst gearbeitet. Es wird an die Pinakothek der Moderne angrenzen und so dem Münchner Kunstareal, derzeit bestehend aus alter Pinakothek, neuer Pinakothek, Pinakothek der Moderne, sowie mehreren Zweiggalerien der Bayrischen Staatsgemäldesammlungen, ein weiteres Highlight hinzufügen. 2008 soll das neue Museum eingeweiht werden, und auch drei der Skulpturen aus der Ausstellung in der alten Pinakothek, die Teil der Sammlung Brandhorst bilden, werden dort wohl wieder zu sehen sein. Bis es soweit ist, hilft der reich bebilderte Ausstellungskatalog, der bei Schirmer/Mosel erschienen ist, dem Geheimnis der Twomblyschen Poesie auf der Spur zu bleiben.