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a Vela - das Kunstmagazin
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08.05.2007
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Tonqualitäten und der Massenmord
Der Roman "Flughunde" von Marcel Beyer ist einer der intensivsten Berichte über das Dritte Reich in seinen letzten Stunden. Die Seelenwelt der beiden Protagonisten und Repräsentanten des Regimes wird schonungslos bloßlegt – und der Leser wird ganz nah an das Unbegreifliche heranführt.
Von Jördis Wölk
Das Dritte Reich ist unauflöslich mit der Vergangenheit der Deutschen verbunden. Unzählige Bücher und Filme versuchen auf unterschiedlichste Weise sich diesen Vorgängen anzunähern. In letzter Zeit wendet sich der Blick der Filmemacher und Autoren immer mehr vom Leid der Opfer ab und den Tätern zu. Auch der Roman "Flughunde" unternimmt einen solchen Versuch. Im Gegensatz zum hochgelobten, doch auch gefährlich verharmlosenden Film "Der Untergang" und zur belanglosen Komödie "Mein Führer" schafft es dieser Roman die letzten Tage im Führerbunker in all ihrer Grausamkeit zu vermitteln. Im Gegensatz zu Norman Mailers detaillierter Studie des Bösen – "castle in the forest" – ist "Flughunde" ein aus Bruchstücken zusammengesetzter Bericht, klar, präzise und fragmentartig und somit im Stil der im Roman angesprochenen Tonbandaufnahmen gehalten.
Marcel Beyer wählt für seinen Bericht zwei personale Erzähler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Zum einen Hermann Karnau, Wachmann im Führerbunker, Tontechniker und – Wissenschaftler. Zum anderen Helga, die älteste, achtjährige Tochter von Joseph Goebbels, dem Propagandaminister Hitlers. Obwohl Beyer insbesondere mit der Person Karnaus im Sinne seiner schriftstellerischen Tätigkeit frei verfügt, ist auch diese Figur historisch verbürgt. Es gab tatsächlich einen Wachmann Karnau, er stand den Westalliierten 1945 als erster Zeuge für den Tod Hitlers zur Verfügung. Da es sich bei den Berichtenden um historische Persönlichkeiten handelt, verschwimmt die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion.
Die erste Protagonistin, Helga, erzählt aus der Sichtweise eines Kindes, das die Tragweite der Vorgänge in Deutschland nicht begreift. Sie berichtet stattdessen von Familiennachmittagen, Ausflügen, dem Urlaub in den Bergen. Vor allem aber vergöttert sie ihren Vater. Der Leser gewinnt so eine unheimliche Perspektive auf den Menschen Goebbels, einen Familienvater, der seine Kinder zum Eisessen und in den Zoo ausführt. Doch Helga spricht auch von den Reden ihres Vaters und von der Massenwirkung, die diese erzielen. Diese Auftritte verstören das Mädchen zutiefst. Die Hetzreden des Vaters schnüren der Tochter die Kehle zu. Und auch der Leser erlebt eine klaustrophobische, beängstigende Stimmung, denn Marcel Beyer gelingt es in seinem knappen Stil die Massenwirkung, die Goebbels Reden gehabt haben müssen, präzise einzufangen.
Karnau der Tontechniker hingegen erzählt sachlich und merkwürdig unbeteiligt. Er verliert sich manchmal in theoretischen Überlegungen über die Aufzeichnung und Qualität verschiedenster Klänge, liebt seinen Hund und die Flughunde, die ihn seit Schülertagen begleiten. Flughunde sind fledermausartige Tiere, die, so die Forschungsergebnisse jener Zeit, die Außenwelt weder hören noch sehen können und sich nur mit Hilfe ihrer eigenen Stimmen orientieren. Karnau bewundert diese Konzentration der Tiere auf ihr Stimmorgan und beginnt deshalb seinerseits mit der Erforschung der menschlichen Stimme.
Herr Karnau scheint ein nüchterner, aber nicht unsympathischer Mann zu sein. Er ist ein Familienfreund der Familie Goebbels und findet schnell einen Draht zu Helga und den anderen Kindern, die ihn als Spielkameraden und Freund in ihren Kreis aufnehmen.
Doch Herr Karnau hat noch eine andere, berechnende und gefühlskalte Seite. Um in der Hierarchie des Dritten Reiches aufzusteigen, aber auch aus Wissensdurst, unternimmt er Menschenversuche an sterbenden Soldaten und an Kriegsgefangenen. Minutiös, kalt und mit rein technischem Interesse berichtet Karnau über menschenverachtende Verhöre und Tests, die er an den Versuchspersonen durchführt. Mit Hilfe seiner Experimente glauben die Nazis die Überlegenheit des arischen Klangkörpers beweisen zu können. Karnau interessiert sich nicht für diesen ideologischen Hintergrund, ihn interessieren die Experimente an sich.
Während Karnau die Experimente durchführt, erfährt er, dass er bislang einem Irrtum anhing: Flughunde sind keine taubstummen Tiere, sie orientieren sich nicht mit Hilfe ihrer Stimme. Karnau wird durch diese Erkenntnis in eine tiefe Identitätskrise gestürzt und bricht seine Experimente erfolglos ab. An sein Mitwirken am Holocaust verschwendet er hingegen keinen Gedanken. Der Titel "Flughunde" verweist so auf die eingeschränkte und verquere Sichtweise seiner Protagonisten.
Am Ende des Buches steht ein Zeitsprung in das Jahr 1992. Karnau, der nach Kriegsende erfolgreich von der Bildfläche verschwand und sich keiner Schuld bewusst ist, findet in einem alten SS-Tonarchiv eine Schallplatte, welche die Bettgespräche der Goebbels-Kinder in ihren letzten Tagen im Bunker enthält. Karnau selbst hatte das Aufzeichnungsgerät vor seiner Flucht unter Helgas Bett installiert. Diese Gespräche, untermischt mit Karnaus Analysen und Helgas Gedanken, drücken die ganze entsetzliche Angst und Orientierungslosigkeit der Kinder aus. Sie verstehen die mysteriösen Taten Mamas und Papas nicht, verstehen nicht, warum sie auf einmal in unbequemen Etagenbetten, anstatt zu Hause schlafen müssen. Verstehen nicht, warum gebombt wird und warum Menschen sterben müssen. Gleichzeitig scherzen sie und unternehmen kindlich-naive Spiele.
In diesem letzten Teil des Romans wird die Ambivalenz von Fakt und Fiktion besonders deutlich. Marcel Beyer entscheidet sich dafür, die subjektiven Stimmen Helgas und Karnaus auch in diesem Abschnitt beizubehalten und das vermeintlich objektive Tonband nur begleitend heranzuziehen. Er versucht nicht, die Wahrheit hinter den Ereignissen zu finden, sondern lässt die Protagonisten ihre subjektive Wahrheit konsequent zu Ende erzählen. Gerade hierdurch wirkt der Bericht nicht-fiktional und authentisch.
Das Aufnahmegerät dokumentiert alles, bis zum Schluss. Bis Stille herrscht, obwohl das Gerät noch immer eingeschaltet ist. Das Ende ist, wie der gesamte Roman, beklemmend. Kein schönes Buch, aber ein wichtiges. Es hilft, sich einmal auf eine andere Weise mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Die Protagonisten sind weder gut noch böse, mal Opfer und mal Täter. Sie lassen uns auf ihre eigenwillige, höchst subjektive und gerade deshalb glaubwürdige Art einen Blick auf das Unfassbare werfen.
"Flughunde", Marcel Beyer, Suhrkamp, 1996, 302 S.
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