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a Vela - das Kunstmagazin
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21.05.2007
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Die kleine Welt in Kreuzberg
Sven Regeners Bestseller "Herr Lehmann" als Großstadt-, Wende- und Entwicklungsroman.
Von Ines Schipperges
Frank Lehmann lebt in seiner kleinen Welt in Kreuzberg, die er höchst ungern verlässt. Nur dort fühlt er sich sicher. An den Ereignissen der Welt zeigt er keinerlei Interesse, ebenso wenig an den Ereignissen jenseits der Mauer oder auch nur generell in anderen Stadtteilen Berlins.
"Herr Lehmann" ist ein Großstadtroman, der die Stadt respektive einen Stadtteil zum Ruhepol und Zufluchtsort werden lässt. Und ein Wenderoman, in dem gerade der Mangel an jeglichen politischen Informationen den Leser voller Spannung auf das warten lässt, was nicht kommt – die große Sensation, den Riesenknall. Aber der bleibt aus. Vier Seiten vor Ende des Buches erzählt ein Kneipengast: "Die Mauer ist offen." Und weiter: "Es gab aber keine große Aufregung, alle machten weiter wie bisher."
Die kleine Welt des Einzelnen wehrt sich mit allen Kräften gegen Änderungen, zu einer Zeit, die kurz vor einem signifikanten Umbruch steht. Sie hält, was Charaktere wie „Kristall-Rainer“ eindringlich demonstrieren, an Ritualen fest, die Sicherheit und Bestand versprechen. Indem die Romanhandlung in Westberlin im Jahre 1989 spielt, steht sie sowohl örtlich als auch zeitlich in enger Verbindung mit der Wende. Jedoch interessiert sich niemand dafür. Weder Herr Lehmann selbst noch sein Freundeskreis. Das Desinteresse ist auszudehnen auf die gesamte Kreuzberger Kneipenszene, oder sogar, weiter noch, auf Westdeutschland, die westdeutsche Mentalität dieser Zeit im Generellen.
Obgleich der Mauerfall für Herrn Lehmann per se keinerlei persönliche Bedeutung hat, wird durch den zeitgleichen Zusammenbruch seines Freundes Karl doch eine persönliche Wende in Lehmanns Leben markiert: Die kleine Welt droht aus den Fugen zu geraten.
Zu den die DDR bzw. die historische Wende betreffenden Ereignissen findet eine nahezu analoge Steigerung der Geschehnisse, Wenden und Umbrüche im vormals so ruhigen und vorhersehbaren Privatleben Lehmanns statt. Wie auch in der Politik scheinbar unbedeutende Vorfälle schlussendlich eine gewaltige Explosion zur Folge haben können, treten in Lehmanns Leben die im Klappentext des Romans als "Störungen" titulierten Begebenheiten ebenfalls zunächst langsam und scheinbar harmlos auf.
Es beginnt mit einem Hund, einer unerwarteten Begegnung mit einer schönen Köchin, dem daraus resultierenden Besuch im Prinzenbad – die Ereignisse und mit ihnen die "Störung", der Einfluss, den sie auf Lehmanns Leben haben, nehmen immer größere Ausmaße an; von der für Herrn Lehmann in dieser Form offensichtlich erstmaligen Entdeckung der Liebe und ersten Andeutungen von Karls merkwürdigem Verhalten über den Besuch der Eltern, den Zerfall der Liebe, bis hin zum endgültigen Zusammenbruch Karls.
Privatleben und Ereignisse in der DDR überschneiden sich an einem für beide Seiten bedeutsamen Punkt, am 5. November 1989 – historisch und politisch der Tag nach der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz, für Herr Lehmann der Tag, an dem er der DDR seinen ersten Besuch abstatten möchte, was jedoch bereits am Grenzübergang scheitert. Zugleich der Tag, an dem er sowohl die Untreue Katrins als auch das Doppelleben seines Freundes Karl entdeckt. Die letzten und, zumindest in der Theorie, höchsten Spannungspunkte in beiderlei Hinsicht, die zugleich das Schlusskapitel des Romans darstellen, ereignen sich am 9. November. Auf der einen Seite ist dies der Tag des Mauerfalls, auf der anderen Seite der dreißigste Geburtstag Herr Lehmanns und der Tag, an dem Karls psychische Krise seine Einlieferung ins Krankenhaus schließlich unumgänglich macht.
Die Dramatik, die aufgrund der Geschehnisse sowohl bezüglich der DDR als auch hinsichtlich Lehmanns Privatleben entstehen könnte, wird der Handlung durch Mittel der Sprache genommen. In einem gelassenen Tonfall erzählt Regener von einem eher unspektakulären Protagonisten, dessen bis dorthin unspektakuläres Leben mit einem Male Kopf steht. Die Sprache ist lakonisch, präzise und pointenreich, niemals jedoch dramatisiert. Dieses Alltägliche an Herrn Lehmann und auch am Buch selbst bietet dem Leser ein hohes Potential an Identifikationsmöglichkeiten.
Der beruhigend unprätentiöse Charakter dieses Buches, der in einem merkwürdigen Gegensatz zu Ort, Zeit und Ereignissen der Handlung steht, lässt den Roman ruhig, gelassen, in gewisser Weise auch langsam, erscheinen. Genau hierin manifestiert sich auch der Unterschied zwischen der Stadt Berlin und ihrem Stadtteil Kreuzberg: Berlin ist eine Großstadt, laut, aktiv, hektisch und schnell, niemals sicher vor Neuerungen und Umbrüchen. Kreuzberg hingegen ist ein Refugium und beharrt als solches auf seine Passivität.
Probleme, die ihn in seiner kleinen Welt stören könnten, versucht Lehmann so auch am liebsten verbal zu lösen. Er diskutiert mit dem Busfahrer, mit den Grenzbeamten, mit seinen Freunden, mit Kneipengästen, mit Katrin, mit sich selbst und sogar mit dem Hund. In Dialogen und Monologen – Gedankenketten, die teils aus Reflektionen über die Sprache an sich bestehen und teils aus sentenzförmigen "Wahrheiten", welche er im Laufe seines Lebens für sich selbst formuliert hat – kämpft er sich durch das Leben. Das Wichtige an dieser sprachlichen Form der Auseinandersetzung ist, dass sie zum einen folgenlos bleibt, zum anderen zugleich auch erfolglos.
Gleichwohl er sich, wie einem Busfahrer gegenüber, ab und an einen triumphierende Abtritt verschaffen kann, gelingt es Herrn Lehmann niemals, jemanden aufgrund der permanenten Debatten zu seinen Gunsten zu überzeugen. Auch seine Gedankenketten erscheinen weitgehend sinnfrei und bleiben meist ebenso wirkungslos wie die Diskussionen mit anderen. Mithilfe der Sprache versucht Herr Lehmann, Ordnung in der Welt und Orientierung für sich selbst zu schaffen. Gleichzeitig jedoch erhofft er sich von ihr die Erlaubnis zur Passivität – und Erfolglosigkeit.
Die Stadt Berlin als der Hauptschauplatz der politischen Geschehnisse steht in diesem Roman für den Wandel. Der Stadtteil Kreuzberg als der Hauptschauplatz der Romanhandlung steht für die Stagnation, die aus der Angst vor dem Wandel resultiert. Die Umstände, das Umfeld und die Zeit, in der Herr Lehmann aufgewachsen und älter, nicht jedoch erwachsener geworden ist, erlauben es ihm, mit knapp dreißig Jahren das Leben eines Jugendlichen zu führen. "Man lebt und erfreut sich daran, das reicht doch völlig", so definiert Herr Lehmann den Begriff 'Lebensinhalt'. Diese Art von Nihilismus, verbunden nicht nur mit der Unfähigkeit, sondern mehr noch mit dem Unwillen, Entscheidungen zu treffen, wird durch die Herkunft seines Spitznamens reflektiert.
Die Anrede 'Herr Lehmann' ist seitens seiner Freunde als Scherz zu verstehen, von Seiten des Autors jedoch als ironische Anspielung auf das Alter auf dem Papier, das keine Entsprechung in dem de facto 'gelebten' Alter Lehmanns findet. Die Kombination aus der Anrede 'Herr' und duzen ist nach Herr Lehmann selbst "das Übelste, was es gibt". Indem hierdurch auf die Diskrepanz zwischen seinem Lebensstil, dem das Duzen entspräche, und seinem eigentlichen Alter, welches den Titel 'Herr' beanspruchen könnte, hingewiesen wird, übt Regener innerhalb der Problematik des Erwachsenwerdens eine Art Generationenkritik, die allerdings durch den Prozess, den Herr Lehmann im Verlauf der Handlung durchmacht, abgemildert wird.
Obgleich sich der Protagonist im Grunde in keiner Weise verändert hat, erscheint er doch – unfreiwilligerweise – an Verantwortungsbewusstsein gewonnen zu haben. Er hat sich kleineren Herausforderungen gestellt, wie dem Zweikampf mit einem Hund oder dem Besuch im Schwimmbad, und größeren, wie der Liebe, dem Grenzübertritt und schließlich der Nervenkrise seines besten Freundes. Während er zu Beginn allem, was ihm in seinem Alltagstrott stören könnte, zu entfliehen versucht, scheint er sich nun dem Leben stellen zu wollen und auch zu müssen. Die kleine Welt Kreuzbergs wächst – zumindest hinaus über den Stadtteil und hinein in Berlin. "Ich gehe erst einmal los", heißt es am Schluss. "Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben."
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