Home

  E-Mail

  Impressum

  Haftung

  Mitarbeit

  Über uns

  Themen

  a Vela - das Kunstmagazin
02.07.2007
Die Schweigsamen

Die Menschen in den Filmen Kim Ki-duks reden wenig, weil das Gesprochene keinen Wert hat. Ein Rückblick auf Ki-duks Meistwerk Bin-Jip.

Schweigen ist ein großes Thema des asiatischen Kinos und Kim Ki-duk ist der mit Abstand schweigsamste Erzähler. Seine Drehbücher sind beschreibende Romane, Dialoge machen nur einen Bruchteil aus. "Samaria" war vielleicht einer seiner dialogreichsten Filme, aber selbst der erzählt seine Geschichte mehr über Bilder als über das Gesprochene. "Seom" und "Frühling, Sommer..." verbindet, dass die Protagonisten an einem See leben und gelernt haben, dass alle Sprache anscheinend von der Natur verschlungen wird. Sie reden nicht, sie wechseln Blicke, berühren, lieben und verletzen sich, und alles erklärt sich in fast unsichtbaren, kleinen Gesten.

Es gibt schon so viele Regisseure, bei denen die Helden viel reden, hat Kim Ki-duk gesagt. Geredet werde viel, aber es bedeute nichts. Das, was Menschen tun, bedeute etwas, was sie sagen nicht. Es sind Lügen, Ausreden, Versprechen - dem allem könne man nicht trauen. Der Protagonist in "Bin Jip", Tae-suk, redet im ganzen Film aus den genannten Gründen überhaupt nicht - wie schon die Heldin, die in "Seom" auf einer Insel lebt und kleinere Boote und manchmal ihren Körper vermietet. Wie sie ist er ein Außenseiter der Gesellschaft, der es sich als solcher einigermaßen eingerichtet hat. Und wie sie wird er dafür gehasst.

Er hängt kleine Pizzawerbezettel an Haustüren, fährt die Strecke später noch einmal ab und weiß dann, wer gerade nicht zuhause ist. In diese Wohnungen oder Häuser dringt er ein und lebt in ihnen. Er klaut nichts. Er repariert kaputte Sachen, wäscht schmutzige Wäsche, gießt Blumen. Zur Erinnerung schießt er Fotos von sich vor Bilder an den Wänden. Er isst, was er im Kühlschrank findet und schläft in dem fremden Bett. Dann geht er wieder und sucht sich eine neue Wohnung.

Bei diesen Streifzügen trifft er auf die schöne Sun-hwa, die mit einem gewalttätigen Ehemann zusammen lebt und soeben wieder misshandelt wurde. Sie beobachtet den Eindringling zunächst heimlich, gibt sich aber bald zu erkennen. Auch sie redet nicht. Gemeinsam ziehen die beiden davon, dringen in fremde Wohnungen ein, essen zusammen, aber wechseln kein Wort.

Wie in allen Filmen Kim Ki-duks funktionieren solche an sich freiheitlichen Lebensentwürfe zunächst nicht, weil Hass und Gewalt von allen Seiten der Gesellschaft auf die beiden einschlägt. Sie werden verprügelt, eingesperrt und wieder verprügelt, bis von ihnen selbst Gewalt ausgeht. Alles scheint verloren, ehe - auch das ein gängiges Moment in Ki-duks Filmen - die Realität sich auflöst und etwas Magisches in sie eindringt, die Handlung aufhebt und ins Mythische überhöht. Vielleicht eine moderne Form des Deus ex machina, ironisch und surreal.

Dabei sind Kims Filme schon vor diesem Augenblick überladen mit Metaphern und Symbolen. Die Häuser sind wie die Menschen selbst, sie verschließen sich vor anderen und zeigen nur Masken, wenn sie die Räume verlassen. Ihre Räume haben etwas bedrückendes. Dass das Paar früher oder später auch auf eine Leiche trifft, die in völliger Einsamkeit unbemerkt verstarb - man wundert sich nicht. Das Private ist in "Bin Jip" kein Ort der Intimität, sondern der Einsamkeit, ein Gefängnis.

Tae-suk ist der einzige freie Mensch in dieser engen, obsessiv sich abgrenzenden Umgebung, er ist aber nicht gesellschaftsfähig. Was er macht, ist für die meisten beängstigend. Eine völlige Öffnung, eine komplette Loslösung von Raum und Stabilität. Er muss erst die Fähigkeit entwickeln, unsichtbar zu sein, um überleben zu können.

Es zeichnet auch Kims Filme aus, dass er am Ende seiner extrem pessimistischen Erzählungen diese Möglichkeiten erlaubt und so die Zuschauer mit dem Akt des Erzählen selbst konfrontiert, und die Fantasie als rettendes Handlungselement einführt. Man kann es als positiven Abschluss des Films sehen, doch dieser eigenartige Optimismus lässt einen nach einer kurzen Bedenkzeit eher ratlos zurück.