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a Vela - das Kunstmagazin
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02.07.2007
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Von der unendlichen Macht der Worte
Gibt es eine Welt hinter dem Papier, hinter dem geschriebenen Wort? Cornelia Funke lässt in ihrer Tintenherz-Trilogie die Utopie von Bücherliebhabern wahr werden.
Von Ines Schipperges
"'Aber was fangen diese Kinder ohne Geschichtenbücher an?', fragte Naftali. Und Reb Zubulun gab zur Antwort: 'Sie müssen sich damit abfinden. Geschichtenbücher sind nicht wie Brot. Man kann ohne sie leben.' Ich könnte nicht ohne sie leben', meinte Naftali."
Die Liebe zu Büchern, Geschichten, zum geschriebenen, aber auch gesprochenen Wort bildet den Hintergrund für die Erschaffung der Welt im Buch. Der utopisch-phantastische Gedanke, die fremden Sphären einer unermesslichen Anzahl von Geschichten nicht nur lesend verfolgen, sondern selbst entdecken, erleben und erforschen zu können, wird konkretisiert durch die Vorführung der Tintenwelt. Sie beruht auf dem Buch "Tintenherz", geschrieben vom Schriftsteller Fenoglio und zum Leben erweckt durch Mo und seine Tochter Meggie. Durch ihre Stimme können die Beiden Figuren aus Büchern hervorlocken und umgekehrt sich selbst und andere in der Bücherwelt verschwinden lassen.
Während die Protagonisten so im ersten Band mit fiktiven Figuren – Capricorn, Basta, Staubfinger – konfrontiert werden, müssen sie sich im zweiten Band selbst in einer fremden Welt behaupten, in der "Tintenwelt". Bücher sind für Meggie, Mo und Fenoglio ein unentbehrlicher Bestandteil ihres Lebens. Die Gleichsetzung des Lebens in Büchern mit dem realen Leben wird für Meggie in ihrer Richtigkeit bestätigt, indem sie erkennt, dass tatsächlich jede Geschichte, jedes Buch seine eigene Welt beinhaltet.
Funke gesteht dabei zwar dem Erkenntnisgewinn durch Bücher einen hohen Stellenwert zu. Wie weit sich dieser jedoch von der Erkenntnis des Erlebens unterscheidet, wird im Laufe des Geschehens deutlich. Meggie ist zwar niemals einem Bösewicht begegnet, doch sie hat "von ihnen gelesen". "Staubfinger lachte auf. 'Nun, stimmt, das ist fast dasselbe'". Dass es ganz und gar nicht dasselbe ist, eine Geschichte zu lesen und eine Geschichte zu leben, stellt Meggie erst fest, als sie bereits mitten in ihr steckt.
Das Buch bietet die Möglichkeit, sich mit verschiedenen Entwürfen des Lebens auseinanderzusetzen, auch mit denen, die Angst einflößen, vom Schrecken und der Dunkelheit erzählen, ohne sich den Gefahren, die in den fremden Welten lauern, auszusetzen. Bis zur Begegnung mit Tintenherz bieten Bücher Meggie einen Zufluchtsort, wenn sie der Realität entfliehen möchten; gleichzeitig steht es dem Lesenden frei, die Welt des Buches zu verlassen und in die Gegenwart zurückzukehren. Dieses Prinzip negiert Funke. Die Tintenwelt bedroht ihre Protagonisten, greift sie an und fordert sie heraus. Vom passiven Lesenden werden sie unfreiwilligerweise zum Bestandteil der Geschichte und müssen selbst aktiv werden.
Die Welt Fenoglios ist eine Welt, die gerade durch ihre Zwiespältigkeit, durch die Kombination aus Grausamkeit und Schönheit, zu einem utopischen Ort der Sehnsucht wird. Das Mittelalter als Zeit der Märchen und Mythen bildet einen geeigneten Hintergrund für diese Geschichte voller Spannung, Phantastik und Magie. Indem bestimmte Motive dieser Zeit, das Leben der Spielleute zum Beispiel, die feudale Ständegesellschaft oder die illuminierten Bücher, eine wichtige Rolle für die Handlung spielen, fügen sich phantastischer Inhalt und mittelalterlicher Kontext nahtlos ineinander.
Fiktives vermischt sich mit Elementen der historischen Wirklichkeit; die phantastischen Komponenten wiederum gehen zurück auf ein magisches Weltbild, welches Zauberei und Wunder nicht nur als möglich, sondern als real voraussetzt. Vertrautes und Fremdes, Schrecken und Wunder halten sich in der Schilderung dieser Welt die Waage. Ihre Schönheit bezieht sie insbesondere aus dem Reichtum der Natur. In deren Beschreibung beweist Funke ihren virtuosen Umgang mit der Sprache und zieht die Leser in ihren Bann, indem sie von ihnen alle Sinne fordert. Sie riechen die Düfte der fremden Pflanzen und Beeren, hören die "Blätterstimmen mit dem Wind" sprechen und sehen die "Bäume, die bis in den Himmel wachsen" und deren Stamm "nicht einmal fünf ausgewachsene Männer mit ausgestreckten Armen hätten umfassen können"; sie sehen Feuerfeen, Kobolde, Gnome und Nixen.
Ebenso wie für Meggie ist es auch für die Leser aufgrund dieser atemberaubenden Verführungen einfach, die Grausamkeit der fremden Welt zu vergessen. In eindringlicher Weise demonstriert Funke durch ihre farbenfrohen Bilder den Zauber und die Macht der Worte – wie auch die Gefahr, sich in ihnen zu verlieren. Denn die "Welt voller Wunder" ist auch "grausam, gefährlich, voller Dunkelheit und Gewalt". In der Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes, mit der Macht des Bösen und Dunklen nutzt die Autorin die Eigenschaft phantastischer Literatur, Erkenntnisse zu gewinnen, indem das, was eine realistische Geschichte nicht zu erklären vermag, durch die Kraft von Symbolik und Metaphern ausgedrückt wird. Der Tod wird so durch die Existenz der Weißen Frauen in einen symbolischen Kontext gestellt; das Böse des Natternkopfes erklärt sich aus seiner zerstörerischen Todesangst. Hierdurch verliert das Böse zwar nicht seinen Schrecken, fügt sich aber in die Faszination der Phantastik ein und wird – trotz oder vielleicht sogar gerade wegen seiner Grausamkeit – selbst zum Objekt der Sehnsucht. "Selbst wenn ich es genau jetzt könnte – ich würde nicht zurückgehen. Das ist verrückt, oder? Es ist fast, als wollte ich immer hierher, an einen Ort wie diesen. Warum? Er ist schrecklich!". Aber er ist eben nicht nur schrecklich, er ist "schrecklich und schön".
Es ist die Fremdheit dieser Anderswelt, die sie für die Protagonisten wie für die Leser zu einem reizvollem Ort macht. Das Vertraute vermittelt außerdem ein Gefühl der Geborgenheit, was es wiederum ermöglicht, die fremde Welt als Heimat anzunehmen. Dadurch, dass Fenoglio als Schriftsteller die positiven Aspekte seiner Welt mit utopischen Komponenten der menschlichen Begierde verbindet, entsteht eine ideale Märchenwelt. Die Grundzüge des Bekannten werden übernommen und verbessert beziehungsweise vergrößert. Das Motiv der Sehnsucht nach einer unendlichen und gewaltigen Natur wird hier am Beispiel der Bäume von beinahe unheimlicher Riesenhaftigkeit umgesetzt. Dabei stellt Staubfinger bei seiner Rückkehr fest, dass die ihm fremde reale Welt seiner Heimat durchaus ähnelt: "Fast vergessene Düfte mischten sich mit solchen, die auch die andere Welt kannte. Die Bäume am Rand des Tümpels hätte man dort ebenso finden können, auch wenn sie kleiner und so viel jünger gewesen waren".
Die Realität ist das Vorbild für die Tintenwelt, wird aber in Fenoglios Phantasie zu einer Utopie. Auch Meggie und Mo erkennen das Eigene in der fremden Welt. Durch die Lebendigkeit ihres Umfeldes, durch die Intensität von Farben, Gerüchen und Geräuschen erscheint das Fremde "sogar oft als das Echtere". Fenoglio ist es gelungen, eine Welt zu schaffen, die trotz ihres fiktiven Ursprungs die Wirklichkeit an Authentizität übertrifft. Die Tintenwelt ist "bunt und lärmend, voller Leben" – und das Leben findet nicht "hinter verschlossenen Türen statt", sondern reisst seine Figuren mit sich und erfüllt sie mit Energie und Stärke. Gerade für einen Schriftsteller, der beim Schreiben mitten im Leben steht, obwohl er in Wirklichkeit an seinen Schreibtisch gefesselt ist, muss dies die Utopie bedeuten.
Funke stellt hohe Anforderungen an ihren Leser. Ihre phantastischen Reflexionen über das Potential von Worten und Buchstaben (partiell angelehnt an Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur wie Michael Endes Die unendliche Geschichte oder Rafik Schamis Erzähler der Nacht) ist in den bisher erschienenden Bänden der Tintenherz-Trilogie noch nicht ganz ausgereift. Indem in Tintenblut das in Tintenherz Vorstellbare jedoch noch bei Weitem übertroffen wird, ist für den noch nicht erschienen dritten Band, Tintentod wiederum einiges an neuen Erkenntnissen über die Welt Fenoglios zu erwarten. Nachdem selbst die Protagonisten "Kopfschmerzen" bei dem Gedanken an die Unendlichkeit der Worte bekommen, verlangt dieses Werk vom Leser ein Bewusstsein von der Mehrdimensionalität der Wirklichkeit wie auch von der Symbolik der Lesarten, welches gewiss nicht allen kindlichen Rezipienten zu Eigen ist.
Das Buch wird für Kinder ab zehn Jahren empfohlen und ist nach Aussagen der Autorin für Kinder – für Jugendliche beziehungsweise Erwachsene also lediglich sekundär – geschrieben worden. Ob die einzelnen philosophischen Gedankengänge Funkes für alle Kinder nachvollziehbar beziehungsweise überhaupt von Interesse sind, ist zweifelhaft. Hingegen ist die unbegrenzte Zauberkraft des Lesens und Schreibens, aus der die Autorin die Spannung ihrer Handlung zieht, so anschaulich, so fassbar und real, dass sie nicht nur für jeden verständlich, sondern, mehr noch, für jeden von utopischer Faszination ist: "Gibt es etwas Schöneres auf der Welt als Buchstaben? Zauberzeichen, Stimmen der Toten, Bausteine für wundersame Welten, besser als diese, Trostspender, Vertreiber der Einsamkeit. Hüter von Geheimnissen, Verkünder der Wahrheit..."
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