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Der Besessene


Mit einem faszinierenden Bildband ehrt der Kölner TASCHEN-Verlag den großen tschechischen Fotografen Jan Saudek.

Von [09.07.2007]

Eine halbnackte Frau mit einem Dolch in der Hand steht halb lasziv, halb drohend vor einer alten Mauer. Ihr Körper geht von ihren Oberschenkeln in ihre Oberschenkel über – er dreht sich allmählich. Er geht sozusagen in sich selbst über. Man glaubt, die Frau spiegelt sich, doch die untere Hälfte zeigt den Körper von der Rückseite. Außerdem ist da natürlich kein Spiegel. Die Frau scheint in sich selbst verwachsen.

"Spielkarte" nennt Jan Saudek so etwas. Das Motiv ist einer Spielkarte entnommen, das Foto ist trotzdem ein echter Saudek: eine Mischung aus barockem Theater, surrealistischer erotischer Fotografie, gleichermaßen realistisch wie artifiziell. Der Pastellton herrscht vor, weshalb man seine Bilder zunächst immer als Malerei wahrnimmt.

Jan Saudek ist bis heute einer der provokativsten Fotografen weltweit. Die verspielten erotischen Aufnahmen eines David LaChapelles finden in Saudek ihren schmutzigen Gegenpart. Man darf keine Angst vor dem menschlichen Körper haben, wenn man sich mit den Bildern des Tschechen auseinandersetzt. Er richtet aus der nahezu immergleichen Perspektive die Kamera auf nackte Menschen vor seiner zerfallenen Kellerwand.

Zu sehen sind ganz alte Menschen, ängstliche Kinder, sehr dicke Menschen, Menschen mit allen möglichen Makeln und Fehlern, die oft noch besonders betont sind - normale Menschen, die er von der Straße in sein Kelleratelier holt, ihnen Kostüme umlegt, die aber nicht den Körper verbergen. Durchschnittsmenschen, die Saudek zu Bühnenstars macht, gleichzeitig ihre körperlichen Schwächen bloßlegt, aber nicht ihre Persönlichkeit. Er verwandelt diese Körper in etwas durchaus anziehendes.

Die Menschen machen bei den Aufnahmen pathetische Posen wie im barocken Theater, sie gestikulieren wild, oder liegen hingebungsvoll auf einen Liebhaber wartend am Boden, oder machen bizarre Verrenkungen - oft Paare, die sich gegenseitig leidenschaftlich verschlingen, so dass man meint, nur noch einen einzigen Körperklumpen vor sich zu sehen. Aber das sind die einen Momente, dann gibt es noch die zärtlichen Bilder von Mutter und Kind, Vater und Kind, Familien, intime Atmosphären voller Sanftheit und Glück.

Saudek spielt in seinen Bildern alles durch, was das Leben zu bieten hat, angefangen von der Geburt, der Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind, die Teenagerzeit, die Leidenschaften junger Erwachsener, Hass, Krankheit, Eifersucht, Tod. Einige Menschen halten sich eine Pistole in den Mund, andere sind sichtbar krank, oder ihre Krankheit und ihr Alter werden angedeutet – der Tod droht neben ihnen in Symbolen. Morbid seien seine Bilder, schreiben die Kritiker deshalb. Aber das sind sie nicht wirklich, denn sonst leugnet man die anderen Komponenten. Die Bessessenheit vom menschlichen Körper ist eher eine Besessenheit vom Leben.

Saudek will Leben in allen Variationen festhalten, es unsterblich machen. Das ist die Motivation vieler Fotografen, bei Saudek hat sie einen besonderen Aspekt. Er ist 1935 geboren, als Kind kam er in ein Konzentrationslager und sah, wie zerbrechlich der menschliche Körper ist, wie schnell aus einem kraftvollen Körper etwas lebloses, zerfallenes wird und welchen Wert ein Leben haben kann in den Augen anderer.

Alain Resnais berühmter Film "Nacht und Nebel" gibt einen Eindruck von der Auflösung des Lebens – wie muss es sein, wenn man das selbst miterleben musste. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Saudek Körper in allen Stadien festhalten will. Er möchte nicht noch einmal sehen, dass Leben vergeht. Er ist sich aber bewusst, dass Bilder das nicht verhindern. Deshalb ist der Tod präsent. Nur scheint es, als würden die Körper ihm erst einmal trotzen.

Man muss den TASCHEN-Verlag sehr loben, dass er das Werk dieses Fotografen nun angemessen zu präsentieren versteht, in einem Bildband, dass die pastellen Töne dieser Fotogemälde hervorragend herausstellt. Die Kunstjournalistin Daniela Mrazkova, die Saudeks Entwicklung lange Jahre begleitete, hat den Band herausgegeben und einen lesenswerten, wenn auch manchmal etwas undistanzierten Aufsatz geschrieben. Darin geht sie die verschiedenen Werkphasen des Künstlers durch, seine anfänglichen Dokumentarbilder, aber auch die Werke, die seine schwierige Beziehung zu seinem Heimatland widerspiegeln, seine wenigen explizit politischen.

Mrazkova teilt das Werk in verschiedene Themen ein. Der Bildband gleicht somit einer Ausstellung, einer Retrospektive, die sowohl einen neuen Einblick in das bisherige Gesamtwerk gewährt, aber gleichzeitig viel Interpretationsraum lässt. Ich lobe Bildbände selten überschwenglich, aber dieser hier ist wirklich einzigartig – eine, wie gesagt, angemessene Ehrung.





"Saudek", Daniela Mrazkova, (2006), 443 Seiten.