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30.07.2007
Gegen die Regeln

Eine Filmtriologie auf der Suche nach dem Sein: Roland Rebers Independentfilme 'das zimmer', 'The Dark Side of Inner Space' und 'Pentamagica' als DVD-Box.

Von Boris Hänßler

Die wtp international Filmproduktion ist eine klassische Independentfirma, heute eher selten in seiner Art. Viele Mitarbeiter haben Doppelfunktionen, Mira Gittner steht vor der Kamera, schneidet aber einige Filme und ist verantwortlich für die Kamera. Die übernimmt manchmal auch Regisseur und Darsteller Roland Reber. Marina Anna Eich spielt und leitet Vertrieb- und Pressearbeit. Man kann eigentlich nicht unabhängiger arbeiten.

Das hat Auswirken auf das Budget. Roland Reber erklärt selbstbewusst, wenn eine riesige Truppe am Drehort herumsteht, sei das nur Angeberei. Das kann man so zwar nicht stehen lassen und womöglich weiß er das. Allerdings zeigt die Filmgeschichte, dass ein Mangel an Geld sich durchaus positiv auf die Kreativität der Filmemacher auswirken kann. Ob das auch bei wtp der Fall ist, kann man nun ganz gut selbst beurteilen, denn das Produktionsteam hat drei seiner Langfilme als DVD-Box herausgegeben.

Enthalten sind der Psycho-Thriller "das zimmer", die Satire "Pentamagica" und die Tragödie "The Dark Side of our Inner Space" – eine Triologie mit dem vagen Thema "Suche nach sich selbst". Sie gibt, soviel vorneweg, einen guten Einblick in das wtp-Universum.

Auf dieses muss man sich erst einmal einlassen wollen, denn einfach macht es Reber seinen Zuschauern nicht. Er produziert Gedankenkino, mehr verbales als visuelles, insofern näher am Theater als am Film. Zwar werden rein visuelle Stilmittel verwendet, etwa die surrealistischen Traumsequenzen in "das zimmer" oder die Trick/Animationszenen in "Pentamagica", doch insgesamt dominiert die Sprache. Reber sagt selbst, es sei die Idee, die wichtig ist, wiederum das geringe Budget schön redend, aber als Beschreibung sehr treffend.

In "das zimmer" etwa, ist die Idee, das Gebäude zu einer Metapher der Seele werden zu lassen. Kein neues Bild, aber Reber weiß dem neue Seiten abzugewinnen. Er setzt die Handlung in Bezug zur ägyptischen Mythologie. Protagonistin ist Sophie, die inzwischen in Ägypten weilt und die Geschichte rückblickend erzählt. Sie verwendet dafür Bilder, die sie aus Ideen der alten ägyptischen Glaubensvorstellungen bezieht. Sophie blickt zurück auf die Zeit, als sie sich auf eine Chiffre-Anzeige beworben hatte: "Wer hütet mein Haus für sechs Wochen gegen gute Bezahlung?"

Eigentlich sie alleine, dachte sie, doch im Haus trifft sie auf einen zweiten Kandidaten für diesen Job. Sie erfahren, sie sollen beide im Haus leben, aber ein bestimmtes Zimmer dürfen sie nie betreten. Bald geschehen mysteriöse Dinge, der fast schon klassische Psychoterror. Jemand scheint sie zu beobachten. Intime Fotos tauchen auf. Eigenartige Menschen kommen und verschwinden. Ein Puppenspiel wird in einem Zimmer aufgeführt, im nächsten Moment hängen die Puppen an einem Galgen.

Die beiden Bewohner sehen zunächst den jeweils anderen als Täter, raufen sich aber zusammen und wollen das Geheimnis lüften. Allmählich erkennen sie, dass sie sich nicht dem Geheimnis des Hauses, sondern dem ihres Bewusstseins nähern.

Tatsächlich darf man sich den Film nicht mit der Erwartung eines Psychothrillers ansehen. Reber übernimmt lediglich Genremittel, um seine Idee, der Suche nach etwas in sich selbst, schlüssig zu visualisieren. Sieht man es in diesem Kontext, ist der Film gelungen. Er ist also eher ein psychoanalytischen Thriller. Die Reise durch das Haus ist eine Reise durch die Seele und folglich eine durch die verdrängte Kindheit, gleichgesetzt mit der Fahrt des Sonnengottes Ra (oder Re) durch die Unterwelt. Während sich Ra dem Bösen stellt, stellen sich die Protagonisten ihren Ängsten. Am Ende sind sie geläutert und können auferstehen.

Eine ähnliche Wandlung, wenn auch mit negativen Ausgang, machen die Figuren in "The Dark Side of inner Space" durch, die sich zu einem "Großen Spiel" in einer Kaserne einfinden. Alles ist dort erlaubt, sofern man nicht selbst Regeln aufstellt. Bald setzen Intrigen und Machtspiele ein, jeder spielt ein eigenes, undurchschaubares Spiel, das einigen das Leben kosten wird. Auch sie alle sind schließlich geläutert ehe sie abtreten, weil sie während der Suche nach irgendetwas Absolutem, dem Höchsten an Freiheit und Individualität, ihre Umgebung nur noch als Hindernis, andere als Verlierer oder Opfer sehen. Freiheit wird mit Macht gleichgesetzt.

Man muss wissen, dass das wtp-Team gemeinsam das Drehbuch bzw. dessen Umsetzung erarbeitet. Jeder darf Ideen einbringen und das ist bei "The Dark Side of inner Space" deutlich zu erkennen. Die Figuren wirken wie einzelne, von einander unabhängige Ideen, fast wie eigene kleine Filme in dem Gesamtfilm. Oft irritiert dies, aber betrachtet man das Konzept dahinter, ist es wiederum sinnvoll. Wie Reber gerne erklärt, verläuft das Leben nicht narrativ. Seine Kunst hat etwas kubistisches, nicht auf die Perspektive bezogen, sondern auf die Ideen. Die "Gesamtidee" setzt sich aus einzelnen komplexen Bausteinen zusammen. Die Künstlichkeit dieser Konstellation betont Reber, in dem er selbst am Ende der Filme als eine Art deus ex machina auftaucht und die ohnehin zerstückelte Darstellung der Realität als Gesamtes zusätzlich in Frage stellt.

Wer Freude an dieser DVD-Box haben will, sollte sich also zunächst von filmischen Konventionen verabschieden. Reber ist kein Lars von Trier, der selbst in seinem radikalsten filmischen Minimalismus dem Film selbst tief verhaften bleibt. Die wtp Filme sind eher filmische Konzeptkunst, und das bedeutet, denken statt erleben.