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a Vela - das Kunstmagazin
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06.08.2007
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Einsam? Gemeinsam!
Sie sind grundverschieden: Camille, Philibert, Franck und Paulette. Und doch verbindet sie eines: Ihre Einsamkeit. Die sie schließlich zusammenbringt und aus ihnen eine Patchworkfamilie macht. Anna Gavaldas Bestseller "Zusammen ist man weniger allein".
Von Maike Freund
Wenn Camille sich im Spiegel betrachtet, sieht sie dort, wo Rundungen sein sollten, nur hervorstehende Knochen. Sie kämpft mit ihrem Gewicht, ihrer selbstmordgefährdeten Mutter, ihrem toten Vater und ihrem abgebrochenen Kunststudium. Statt zu malen, putzt sie und bringt so jeden einzelnen Tag hinter sich. Dann wird sie krank. Und Philibert findet sie, nimmt sie mit in seine Wohnung ein paar Etagen tiefer und pflegt sie, obwohl er sie gar nicht kennt.
Philibert ist adelig und hochintelligent. Nur kann er keinen Satz aussprechen, ohne zu stottern. Seine Familie lebt in einem vergangenen Jahrhundert und hält auch ihn dort gefangen. Seine Hosen sind immer ein Stückchen zu kurz und für praktische Dinge wie Kochen ist er einfach nicht gemacht. Dafür hat er Franck.
Franck flucht wie ein Berserker, oft, wenn er nicht weiß, was er sagen soll. Bringt so häufig wie möglich Frauen mit nach Hause und ist Philiberts Mitbewohner. Er ist Koch in einem noblen Pariser Restaurant und zwar ein sehr guter. Dafür arbeitet er wie ein Verrückter von früh morgens bis spät nachts. Nur sonntags hat er frei, dann braust er mit seinem Motorrad zu seiner Großmutter – Paulette.
Sie ist sein Stückchen Familie, obwohl er noch eine Mutter hat. Paulette weigert sich in ein Altenheim zu gehen, weil sie sich dort eingeengt fühlt. Weil sie ihren Garten und ihre geliebten Blumen dann nicht um sich haben kann und auch ihre Katzen nicht. Die ganze Woche wartet sie darauf, ihren Franck zu sehen. Auf den sie so stolz ist, und der sie nur so selten besucht.
Ungewöhnlich an diesem Roman ist schon, dass Anna Gavalda vier Personen zu ihren Protagonisten macht. Aber auch die Art und Weise, wie die Autorin ihre Figuren einführt, ist besonders: Statt zu beschreiben, lässt sie sie selbst zu Wort kommen. Der Leser erlebt also alles durch die Figuren, durch ihre Dialoge; nur selten wird das Geschehen durch einen Erzähler beschrieben. Es sind die Figuren, nicht die Handlung, die für diesen Roman zentral sind. So erfahren wir durch einen Dialog mit einem Arzt, wie Camille heißt, dass sie 1977 geboren ist, dass sie beruflich putzt und dass sie zuwenig wiegt:
"Was genau machen Sie?"
"Das habe ich Ihnen doch gerade gesagt."
"Nein, ich meine Sie…Sie!"
"Ich? Na ja, ich räume auf, ich putze, ich fege, ich sauge, ich wachse, das ganze Programm."
"Sie sind Putzfr…?"
...
"Würden Sie nicht lieber einer Beschäftigung nachgehen, die…mh…"
"Erfüllender ist?"
"Ja."
"Nein."
Der Leser kann aber auch aus dem Gespräch schließen, dass Camille nicht in das Bild passt, dass der Arzt – der vielleicht stellvertretend für die Gesellschaft steht – von einer Reinigungskraft hat. Und dass sie diesen Job nicht unbedingt macht, weil sie muss. Die dialogische Form des Romans überlässt es dem Leser, diese Informationen zu sammeln und zusammenzufügen.
So wie mit der Einführung der Figur Camille und einem Teil ihrer Probleme in den Roman, verfährt Gavalda auch mit anderen Themen: Tod, Verlust, Einsamkeit und Angst, aber auch Alter, Zeit, Liebe und Sex kann sich der Leser beinahe nur durch Gespräche der Protagonisten erschließen. Das der Roman trotz dieser Fülle an emotionalen Themen nicht kitschig und überladen wirkt, ist der Sprache zuzuschreiben. Denn ihre Einfachheit schafft große Nähe und Vertrautheit zu den Figuren und die Umgangssprache macht es dem Leser leicht, sich auf diese Themen einzulassen.
Anna Gavalda verwebt in ihrem Roman die Geschichten ihrer Protagonisten sehr fein und geschickt miteinander. Diese vier Figuren, die oft traurig und Mitleid erregend sind, raufen sich schließlich zusammen und werden als Gemeinschaft stark. Jede Figur kann sich aus ihrem persönlichen Gefängnis befreien. Und was hier nach kitschigem Happy End klingt, ist auch eines, aber anders als man denkt: Denn Gavaldas Roman ist an keiner Stelle schnulzig oder sentimental, ganz im Gegenteil: Durch die Intensität der Figuren und die Nähe ihrer Beschreibungen, kann die Autorin dem Leser die traurigen und glücklichen Stimmungen der Protagonisten fast schwebend leicht vermitteln.
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