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  a Vela - das Kunstmagazin
24.08.2007
Farben des Traumas

Ein Interview mit Juan Davila, einem der wichtigsten Gegenwartskünstler seiner Wahlheimat Australien. Eine Auswahl seiner provozierenden Werke ist auf der documenta 12 in Kassel zu sehen.

Text und Interview: Boris Hänßler

Juan Davila, The Liberator Simon Bolivar, 1994, Oil on canvas on metal, 125 x 98 cm, © Juan Davila, Courtesy Kalli Rolfe Contemporary Art, Melbourne.

Wie auf allen Großausstellungen müssen Künstler auch auf der documenta 12 um die Aufmerksamkeit der Besucher ringen, da diese öfter mal an Werken vorbeilaufen, die sie nicht ansprechen – mit gutem Grund, wenn man sich sämtliche Ausstellungsorte an einem oder zwei Tagen vorgenommen hat. Juan Davilas Bilder allerdings fordern umgehend die volle Aufmerksamkeit ein.

Es gibt kaum jemanden, der einfach vorbeimarschiert. Einige sind entsetzt, einige rümpfen die Nase, die meisten bleiben schweigend davor stehen und betrachten die darauf dargestellten, teils grausigen Szenen: Vergewaltigung, Masturbation, Geschlechtsverkehr mit Toten oder Tieren, australische Nationalhelden im Sexdelirium oder Simon Bolivar als Transsexueller (s. Abb.), der einem den Stinkefinger zeigt und seine Brüste und seinen Penis gerade so verdeckt. Natürlich sind es diese sexuellen Elemente, die viele Blicke anziehen und den Rest des Bildes in den Hintergrund treten lassen.

Aber die Bilder sind vielschichtiger als es die ersten Eindrücke vermuten lassen. Davila ist ein unermüdlicher Verfechter einer politischen Kunst, die die gesellschaftlichen Probleme in all ihrer Komplexität erfassen und die Betrachter wachrütteln soll. In seiner Wahlheimat Australien greift er regelmäßig Politik und Gesellschaft an und macht auf unschöne soziale Entwicklungen aufmerksam.

"On the Fringes of Melbourne (2003)" zeigt eine realistische australische Landschaft, in die eine modernistische Architektur prahlend eindringt, die Landschaft vereinnahmt und jede Regionalität und Geschichte ignoriert, wenn nicht zerstört. In der Bildserie "Woomera" kritisiert Davila die menschenverachtende Behandlung von Flüchtlingen in australischen Internierungslagern. In einem gleichnamigen Text fordert er Künstler auf, die politische Bewusstseinsbildung zu stärken:

"Wir haben radikale Pseudothemen, frenetischen Humanismus, liberale Paranoia, Kommerzialität und Passivität. In unserem paranoiden Universum legitimiert sich Kapitalismus durch anti-kapitalistische Ideologie: Verzichte auf jegliche Bestrebung eines Weltbezugs, Kontrolliere durch Gleichgültigkeit und Distanz, Stufe jeglichen Umbruch als uns wesensfremd ein! Ein entmenschlichter Kunden zu sein, voller Auswahlmöglichkeiten, das ist unsere noble Arbeit im Schauspiel unserer 'realen Welt'."


Davila psychoanalysiert unsere Gesellschaft: Er entmythologisiert nationale Legenden, indem er darin verborgene Wünsche und Ängste offenbart. Er hinterfragt nationale, kulturelle und sexuelle Indentitäten, indem er sie in neue, fremdartige Umgebung bettet. Außerdem entreisst er nicht-westliche Kunst ihrer Vereinahmung, indem er Stile der westlichen klassischen Moderne in einen indigenen Kontext setzt und damit die Moderne dorthin verortet, wo sie die modernen Künstler einst "stahlen". Damit gibt er der indigenen Kultur ihre Eigenständigkeit zurück.

Juan Davila, 1946 in Santiago de Chile geboren, verließ 1974 das Land nach der Machtergreifung Pinochets. Seither lebt er in Melbourne, Australien. Seine Werke waren bereits auf zahlreichen Einzelausstellungen - auch in Deutschland - zu sehen.


Juan Davila The Lamentation: A Votive Painting, 1991, Oil on collage on canvas, 274 x 685 cm, © Juan Davila, Courtesy Kalli Rolfe Contemporary Art, Melbourne.


Juan Davila, Ihre Bilder sind derzeit auf der documenta 12 an verschiedenen Orten zu sehen. Fänden Sie es besser, alle in einem Raum zu zeigen?

Ich ziehe es vor, dass die Arbeiten auf der documenta in unterschiedlichenen Ausstellungsorten gezeigt werden. Das bricht mit der traditionellen Art und Weise, Kunst auszustellen und zwingt die Betrachter zu einer Interpretation. Der Kurator hat meiner Meinung nach vielseitige Verbindungen zwischen den Arbeiten geschaffen, die sich gegen den Trend in der Kunst richten, alles weg zu erklären.

Sie sagten bei vielen Gelegenheiten, dass Künstler heute keine soziale oder politische Stimme mehr haben. Hat sich das in mit den neuen politischen Ängsten im Westen verändert?

Der Spätkapitalismus hatte den Effekt, das Thema einzuschläfern. Ich kritisierte, dass sich viele Künstler diesem Schweigen anschließen durch die Verwendung von Müll, fragmentiertem Material oder Medienmaterial, was angeblich einen Protest ausdrücken soll. Aber sie spielen vor allem dem Markt zu – der alles zu seinem Vorteil verarbeitet. Sie machen "kontroverse Kunst", die wiederum das zahlende Publikum anlockt. Die politischen Zukunftsängste der westlichen Länder, die von vielen Künstler geteilt werden, ändern das nicht.

Ein Künstler kann einen Anreiz schaffen, um das Thema wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken - indem er die Betrachter in einer Umgebung stört, in der Regress zur Diktion, d.h. zu Wörtern, angeregt wird statt Regress zur Hingabe – zur sofortigen Befriedigung einer geistlosen Tätigkeit oder zu pseudo-radikalen Bildern. Wenn das Thema wieder ins Bewusstsein gerückt wird, dann, um die Beengungen des Alltags zu modifzieren.

Sie verwenden oft eine Vielzahl starker Farben in Ihren Gemälden. Hat diese Technik ihren Ursprung in der lateinamerikanischen Kunst?

Meine Gemälde verwenden Farbe auf eine Weise, die versucht, populäre Kultur in Lateinamerika zu emulieren. Ich male nicht die "Farbe der Luft" wie ein impressionistischer Maler, sondern die Farbe des Traumas.

Einige Ihrer Arbeiten haben einen explizit sexuellen Inhalt – mit welcher Absicht?

Ich nutze Bilder der Sexualität immer in einem spezifischen kulturellen Kontext. In "Schreber’s Semblance" beziehe ich mich zum Beispiel auf die Wahnvorstellungen eines deutschen Richters.

Sie verwenden häufig bestehende Bildformen wie z.B. Votivbilder als Grundlage Ihrer Gemälde...

Der Stil in meinen Werken gründet auf dem Malereidiskurs. Ich beharre auf jene Stile, die in den Kulturen außerhalb des westlichen Kanons angewandt werden und auf die der indigenen Kultur. Die europäischen Gelehrten haben deren Bestehen immer verleugnet, und ein Stil wie "ex-voto" hilft mir, dies zu verdeutlichen.

In Lateinamerika gab es in den letzten Jahren eine politische Verschiebung nach Links. Wie sehen Sie diese Veränderungen?

Diese Bewegung nach Links muss jetzt zur Bildung einer geschlossenen Gruppe führen. Leider, wie so oft bei utopischen Versuchen, sehen wir derzeit eher Spaltungen.