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31.08.2007
Das Ende eines Osmanischen Traums

Louis de Bernieres beschreibt in seinem erzählfreudigen Roman "Traum aus Stein und Federn" den Untergang des alten osmanischen Reiches am Beispiel des südanatolischen Dorfes Eskihbace, dessen multikulturelle Gemeinschaft an diesen historischen Umwälzungen zerbricht.

Von Jördis Wölk

"Traum aus Stein und Federn", lautet der deutsche Titel des Buches, das klingt nach Kitsch und Rosamunde Pilcher. Und wird dem Inhalt nicht gerecht. Auf unbeholfene Weise haben es die deutschen Übersetzer vermieden, dem Titel des Romans auch im Deutschen einen adäquaten Sinn zukommen zu lassen. Ganz anders lautet der englische Originaltitel: "Birds without wings", wörtlich übersetzt "Vögel ohne Flügel". Aufgrund des Klangs haben sich die Übersetzer wohl dagegen entschieden. Verloren gegangen ist dabei die bittersüße Tragik der ursprünglichen Metapher.

Die flügellosen Vögel, das sind die Bewohner des türkischen Dorfes Eskibahce. Hier wohnt ein seltsam anrührendes Gemenge aus Griechen, Türken und Armeniern, aus Traditionsbewussten und Fortschrittlichen. Sie alle eint die Tatsache, dass sie frei und autonom in Frieden ihr Leben leben wollen.

Louis de Bernieres verwebt in diesem Roman unzählige Personen und Handlungsstränge – ein ganzer Mikrokosmos entsteht so. Verschiedenste personale Erzählstimmen lösen sich im ständigen Wechsel ab. So wird der alte Töpfer Iskander, der sich an das für ihn weit zurückliegende Geschehen in Eskibahche erinnert, von dem jungen Mädchen Philotei abgelöst, welches das Erlebte unvermittelt im Präsens berichtet. Das Dorf Eskibahce – die Hauptprotagonistin des Romans – entsteht somit plastisch und glaubhaft vor den Augen des Lesers. Es ist ein farbenprächtiger, lebendiger Ort, an welchem – dies bestätigen alle Erzählstimmen – Griechen, Muslime und Armenier friedlich und gemeinschaftlich leben. Eskihbace, dieser fiktive und doch dank der multiplen Erzählstimmen so greifbare Ort, wird von Bernieres zum Inbild des multikulturellen Zusammenlebens in der Türkei vor etwa hundert Jahren stilisiert.

Diese friedliche Koexistenz der verschiedenen Ethnien ist historisch belegt. Bevor der Rassenwahn im Zuge des Imperialismus während des ersten Weltkrieg seinen vorläufigen Höhepunkt fand, bevor Mustafa Kemal sein Ideal einer ethnisch reinen Türkei verfolgte, war eine inter-ethnische Gemeinschaft – ja sogar Freundschaft! – möglich.

Der Originaltitel des Romans und die Metapher, die dieser beinhaltet, bezieht sich direkt auf zwei der vielen Protagonisten des Romans, auf Karatavuk und Mehmetcik – zu Deutsch Amsel und Rotkehlchen. Diese Spitznamen tragen die beiden jungen Freunde – einer Grieche, einer Türke, jedoch beide Osmanen – seit ihnen Mehmetciks Vater zu Beginn des Romans zwei Vögelflöten schenkt.

Von da an tragen die beiden Unzertrennlichen diese Namen ihr ganzes Leben lang. Die Umstände allerdings ändern sich. Der Türkei vor hundert Jahren stehen gewaltige Veränderungen bevor. Die Welt befindet sich am Rande des ersten Weltkrieges und auch Eskibahce – so friedlich und abgelegen es auch ist – kann sich dem Strudel der Ereignisse nicht entziehen.

Die schonungslose Realität des ersten Weltkrieges, minutiös und im auktorialen Stil protokolliert, lässt das dörfliche Idyll – in welchem bis zu diesem Zeitpunkt die Zeit stillzustehen scheint – zunehmend zu einer utopischen Parallelwelt werden. Louis de Bernieres folgt mit dieser Gegenüberstellung von ländlichem Idyll und großer Politik den großen Romanen des neunzehnten Jahrhunderts und insbesondere Tolstois "Krieg und Frieden". In "Traum aus Stein und Federn" erzählt Bernieres nämlich auch die Geschichte Mustafa Kemals und seines Aufstieges zum großen General und Reformer der Türkei. Die sachlichen, beinahe biographischen Abschnitte, die Kemal gewidmet sind, stehen im groben Kontrast zum ausufernden, episodenhaften Fabulieren der Bewohner des Dorfes Eskihbace.

Die beiden Welten vermischen sich schließlich. Wehrlos wie Vögel, die nicht wegfliegen können, werden die Bewohner Eskibahces gezwungen ihrem friedlichen Ideal den Rücken zu kehren. Besonders hart trifft es die Freunde Mehmetcik und Karatavuk, denn beide werden sie zu Soldaten. Karatavuk, dem Griechen, wird der Frontdienst allerdings verweigert. Verständnislos stehen die Freunde dieser ungleichen Behandlung gegenüber. Doch die multikulturellen Zeiten sind vorbei, Mustafa Kemal verfolgt konsequent sein Ideal einer ethnisch homogenen Türkei, in der Griechen und Armenier keinen Platz mehr haben.

Louis de Bernieres kann ohne Zweifel wunderbar erzählen. Sein orientalischer Flickenteppich wirkt an manchen Stellen jedoch auch ausgefranst – nicht alle seiner vielen Handlungsstränge sind gelungen. Zu den Höhepunkten zählt sicherlich der Teil, der sich mit Mehmetciks Kriegserlebnissen beschäftigt. Dunkel, teilweise schrecklich ist er, immer jedoch blitzt Bernieres tiefer Humanismus durch.

Auf der anderen Seite gibt es Geschichten, wie die auf dem Klappentext fälschlicherweise als Hauphandlung ausgeschriebene Liebesgeschichte zwischen der wunderschönen Muslimin Philotei und dem Griechen Ibrahim – ein weiteres Beispiel einer multikulturellen Verbindung, die schließlich zerbricht. Leider bleiben ausgerechnet die Protagonisten dieser großen Liebe seltsam blass – während andere Handlungsstränge durch die Stärke ihrer Charaktere beeindrucken, enttäuscht dieser.

669 Seiten umfasst Bernieres Roman. Er ist ausufernd, farbenprächtig und ungeordnet. Haufig führt diese Erzähllust zu wunderbaren Leseerlebnissen, manchmal aber auch zu Verwirrung und Lesefrust. So vielfältig wie die Geschichten aus 1001 Nacht ist das Erzählte und zur gleichen Zeit eine Art "Krieg und Frieden" der Türkei – jedoch ohne Tolstois monumentale Tiefe. "Traum aus Stein und Federn" ist für jene Leser gemacht, die sich gerne in dicken Romanen verlieren und die multiple Erzählstränge schätzen. Ganz besonders sollte man allerdings Ausdauer und Gelassenheit mitbringen.


"Traum aus Stein und Federn", Louis de Bernieres, S.Fischer, 2005, 669 S.