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  a Vela - das Kunstmagazin
18.02.2008
Hundertfünfzehntausendzweihundert Minuten

So lange und keine Minute länger würde man benötigen, um die Erde einmal mit Schiff, Eisenbahn und Elefant zu umrunden. Mit Jules Vernes Klassiker "Reise um die Erde in achtzig Tagen" begleiten wir einen unglaublichen Mann auf seiner unglaublichen Mission.

Von Verena Humm

Phileas Fogg ist ein geheimnisvoller, gut aussehender englischer Ehrenmann, dessen einzige Begeisterung dem täglichen Whist-Spiel in seinem Londoner Reform-Club gilt. Soziale Kontakte unterhält er keine. Eines Tages wird ein Bankräuber, der der englischen Nationalbank über 50 000 Pfund gestohlen hat, zum Gesprächsthema im Reform-Club. Mr. Fogg lässt sich während eines Gesprächs über das Zusammenwachsen der Welt zu der Aussage hinreißen, eine Erdumrundung sei in 80 Tagen machbar.

Der Reform-Club-Kollege Stuart ist bereit um 4.000 Pfund dagegen zu wetten. Mr. Fogg ist sich seiner Berechnung so sicher, dass er in die Wette einstimmt, seinen Einsatz jedoch auf 20.000 Pfund erhöht. Noch am gleichen Abend bricht er mit seinem französischen Diener Passepartout auf. Das Kalenderblatt schreibt den 2. Oktober. Das Ziffernblatt von Mr. Foggs stets korrekt gehender Uhr zeigt 8 Uhr 54 abends, als er in London den Zug nach Dover besteigt. Mit seinem ganzen Vermögen abzüglich der zur Wette ausstehenden 20 000 Pfund begibt er sich auf diese abenteuerliche Reise. Spätestens am 21. Dezember um 8 Uhr 54 muss er wieder in London den Reform-Club betreten. Wenn nicht, hat er seine Wette, sein Vermögen und seine Ehrbarkeit verloren.

Bereits in Suez deuten sich ernsthafte Schwierigkeiten an. Denn ein englischer Inspektor mit Namen Fix meint in Mr. Fogg den gesuchten Bankräuber zu erkennen. Fortan heftet er sich an seine Fersen. Trotz manchem Hindernis – dazu gehören Zugverspätungen, Schiffbrüche, Überfälle – lässt sich Mr. Fogg nie aus seiner stoischen Ruhe bringen.

Im indischen Dschungel werden Fogg, Fix und Passepartout Zeuge eines Opferrituals, in dem eine junge hübsche Witwe ihr Leben lassen soll. Da Phileas Fogg gut in seinem Zeitplan liegt, entschließt er sich kurzerhand diese arme Frau vor ihrem barbarischen Tode zu retten. Nicht das letzte waghalsige Abenteuer dieser Reise beginnt. In allerletzter Sekunde gelingt die Rettung der schönen Mrs. Aouda, die fortan zur Reisegefährtin des kühlen Engländers wird.

Während Fogg an allen Anlegestellen stets um eine Visierung seines Passes bemüht ist, begibt sich der Franzose Passepartout auf Erkundungstour der fremden Städte, "beglotzt in Indien das bunte Treiben wie ein Trottel" und provoziert manch ein Ärgernis durch seine naive Art.

Der Leser bangt und hofft in 37 Kapiteln mit dem französischen Diener, ob es seinem Herrn gelingen wird, diese unglaubliche Wette zu gewinnen. Obwohl der Engländer stets kühlen Kopf bewahrt und keinerlei Gefühle zeigt, wächst er dem Leser ans Herz. Doch bleibt die Identifikation mit ihm stets etwas distanziert, da "dieser Mann offenbar keine Nerven hatte. Er zeigte weder Ungeduld noch Unmut. Man hätte fast annehmen können jeder Sturm sein in sein Programm einberechnet." Der Leser ist häufig aufgeregter als der Protagonist und trotz mancher seiner Trotteleien teilt man mit Passepartout dessen Gefühlsschwankungen. Denn dieser hätte manchmal schäumend vor Ungeduld „das Meer ausgepeitscht, wenn es sich hätte machen lassen“.

Nicht nur zur Zeit des Erscheinens im ausklingenden 19. Jahrhundert sprach der Roman die Menschen an, unterstrich ihre Sehnsüchte nach einer fernen Welt und weckte die Sehnsucht nach Reiseabenteuern. Auch wenn die gleiche Reise im 20. Jahrhundert nur noch 57 Tage dauerte, als der Jules-Verne-Bewunderer Jean Cocteau sie unternahm, so liegt sie noch immer am Puls der Zeit. Und jedem abenteuerlustigen und fernwehgeplagten Leser ist bewusst, dass eine schlichte Weltumrundung mit dem Flugzeug bei Weitem nicht das Gleiche wäre: Die Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen wären nicht mehr dieselben.

Doch peu à peu zeigt auch Mr. Fogg menschliche Wärme. Eines Tages steht er vor der Wahl, nicht nur seine Wette und sein Vermögen, sondern gar sein Leben aufs Spiel zu setzen, um seinen in Gefangenschaft geratenen Diener wieder zu finden. Und ohne ein Wimpernzucken entschließt er sich dazu, den Diener zu suchen. Einzig und allein weil "es meine Pflicht ist". Der Leser stimmt mit Mrs. Aouda überein, in deren Augen der kühle Engländer so endgültig zum Helden wird.

Dem Leser wird im Verlauf der Geschichte offensichtlich, was zunächst nur sublim angedeutet ist: dass Mrs. Aouda bald weitaus mehr als bloße Dankbarkeit für ihren englischen Lebensretter empfindet. Doch Fogg zeigt sich ihr gegenüber, wie es seine Art ist, die ganze Reise hindurch gleichbleibend reserviert. Erst als sie nach ihrer langen Reise wieder in London angekommen sind, beginnt der kühle Fogg zu schmelzen. Am Ende ist die Liebe das einzige, was die Weltreise dem Helden Phileas Fogg zu bringen vermochte. Doch "seien wir ehrlich: Würden wir nicht auch für weniger eine Reise um die Erde wagen?" Das ist die letzte Frage, die sich am Ende dieses großen Klassikers ein jeder Leser selbst beantworten muss.


"Reise um die Erde in achtzig Tagen", Jules Verne, Diogenes, 1966, 257 S.