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  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Shirin Neshat
Seit Jahrhunderten schon bestimmen Klischees das westliche Bild vom Orient. Delacroixs bunte Haremwelten sind keine Ausnahmen. Waren einst Exotik, Rausch und Erotik die primären Assoziationen, sind es heute Schleier, Selbstmordattentäter und gegen die Moderne hetzende Geistliche. Regelmäßig stellen die Medien und Politiker die Demokratiefähigkeit des gesamten Orients in Frage und andererseits die Integrationsfähigkeit der im Westen lebenden Muslime.

Shirin Neshat, 1957 im iranischen Qazvin geboren, hat sich diesem Denkschema schon immer verweigert. Sie thematisiert in allen ihren Arbeiten die diffuse Orientwahrnehmung des Westens, ohne umgekehrt einseitig die tatsächlichen Probleme zu verschweigen. Sie hat als 17-jährige ihre Heimat verlassen, um in den USA Kunst zu studieren. Sie verließ ein Persien, das vom weltlichen Schah regiert wurde und kehrte erstmals 1990 wieder in den Iran zurück, inzwischen in der Folge der Revolution ein von geistlichen Führern kontrolliertes Land. Neshat erkannte ihre Heimat kaum wieder: Überall waren die Folgen des zermürbenden Krieges gegen den Irak zu sehen, die Stadt war außerdem geprägt von verschleierten Frauen und Propagandabilder, die die geistlich-revolutionären Ideen aufrecht erhalten sollten.

Unter dem Eindruck dieser Reise begann Neshat mit ihrer Fotoserie "Women of Allah" (1993-97), die sie in der Kunstszene bekannt machte. In diesen Bildern sind einige Flächen mit zeitgenössischer Lyrik in Farsi, Persisch, beschrieben. Die Künstlerin muss davon ausgehen, dass ihre Kunst vor allem im Westen rezipiert wird, also von einem Publikum, das mehrheitlich nicht persisch versteht. Die Betrachter nehmen die Zeichen folglich nicht literarisch, sondern visuell wahr. Die Zeichen werden in ihnen deshalb Bilder hervorrufen, die sie mit dem Orient assoziieren. Obwohl sie sie nicht verstehen, interpretieren sie sie. Umgekehrt verweisen die Zeichen auf das religiöse Bilderverbot, das in einigen islamischen Ländern verbreitet war und ist, weshalb die Künstler sich vornehmlich mit Ornamentik und kalligraphischen Schriftzügen beschäftigen. Dass auf Neshats Bildern meist die nackte Haut von Frauen mit den Schriftzeichen versehen ist, beschreibt zudem die sexuellen Repressionen, die Gründe der Zwangsverschleierung. Die Bilder springen hin und her zwischen westlicher und islamischer Identität: Da posiert eine verschleierte Frau wie Maria mit dem Jesuskind, eine komplett verhüllte mit einem nackten männlichen Kind, eine tiefgläubige mit einem Gewehr posierend. Man fühlt sich hin und hergerissen zwischen der westlichen Wahrnehmung, die immer in der eigenen Kultur verhaftet ist, und der tatsächlichen Realität vor Ort. Doch was ist hier Realität? Die selbstbewusste Frau, die sich gegen die Repressionen wehrt, die spirituelle, Gott liebende Frau, die für ihn töten würde, die verschleierte, regelrecht aus dem Bild radierte Mutter mit ihrem Sohn? Geschickt stellt Neshat unseren Realitätsbegriff in Frage. Was wir wahrnehmen ist das, was unsere Erfahrungen diktieren. Selbst wenn man sich bewusst ist, dass der eigene Blick von den Bildern aus den Medien manipuliert ist, nehmen wir die Klischees zuerst wahr.

Die jüngsten Arbeiten von Shirin Neshat, die beiden Filme "Mahdokht" (2004) und "Zarin" (2005), sind Auftakt der fünfteiligen Reihe "Women without Men". Sie basieren auf der gleichnamigen Novelle von Schahrnusch Parsipur, die 1989 im Iran erschien und seither auf dem Index steht. Parsipur beschreibt das Leben fünf unterschiedlicher Frauen, die ihr Leiden nicht länger ertragen, die im Wahnsinn enden oder sich das Leben nehmen. Die Reihe entstand noch unter dem Eindruck der Anschläge auf New York, Neshats Wahlheimat. Sie, die Vermittlerin zwischen den Kulturen, muss erkennen, wie zerbrechlich auch die westlichen Freiheitsideen sind. Die Filme sind pessimistischer als ihr bisheriges Werk. Sie sind in Gärten verortet, ein Symbol der persischen Mythologie häufig für die Entstehung einer neuen Gesellschaft. Die Sehnsucht von einer neuen Wertegemeinschaft der einst Unterdrückten steht häufig ebenfalls im Kontext eines tiefen Pessimismus, zumal diese Utopie bei Neshat eine solche bleibt. Die Künstlerin ist trotz der Poesie in all ihren Arbeiten eine Realistin.