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  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Bin-jip
Schweigen ist ein großes Thema des asiatischen Kinos und Kim Ki-duk ist der mit Abstand schweigsamste Erzähler. Seine Figuren reden wenig, sie wechseln Blicke, berühren, lieben und verletzen sich, und alles erklärt sich in fast unsichtbaren, kleinen Gesten. Es gibt schon so viele Regisseure, bei denen die Helden viel reden, hat Kim Ki-duk gesagt. Geredet werde viel, aber es bedeute nichts. Das, was Menschen tun, bedeute etwas, was sie sagen nicht. Es sind Lügen, Ausreden, Versprechen - dem allem könne man nicht trauen.

Der Protagonist in "Bin Jip", Tae-suk, redet im ganzen Film aus den genannten Gründen überhaupt nicht. Er ist ein Außenseiter, der es sich als solcher einigermaßen eingerichtet hat. Er hängt kleine Pizzawerbezettel an Haustüren, fährt die Strecke später noch einmal ab und weiß dann, wer gerade nicht zuhause ist. In diese Wohnungen oder Häuser dringt er ein und lebt in ihnen. Er klaut nichts. Er repariert kaputte Sachen, wäscht schmutzige Wäsche, gießt Blumen. Zur Erinnerung schießt er Fotos von sich vor Bilder an den Wänden. Er isst, was er im Kühlschrank findet und schläft in dem fremden Bett. Dann geht er und sucht sich eine neue Wohnung. Bei diesen Streifzügen trifft er auf die schöne Sun-hwa, die mit einem gewalttätigen Ehemann zusammen lebt. Auch sie redet nicht. Sie schließst sich Tae-suk an.

Wie in allen Filmen Kim Ki-duks funktionieren solche an sich freiheitlichen Lebensentwürfe zunächst nicht, weil Hass und Gewalt von allen Seiten der Gesellschaft auf die beiden einschlägt. Sie werden verprügelt, eingesperrt und wieder verprügelt. Alles scheint verloren, ehe - auch das ein gängiges Moment in Ki-duks Filmen - die Realität sich auflöst und etwas Magisches in sie eindringt, die Handlung aufhebt und ins Mythische überhöht. Dabei sind Kims Filme schon vor diesem Augenblick überladen mit Metaphern und Symbolen. Dass das Paar früher oder später auch auf eine Leiche trifft, die in völliger Einsamkeit unbemerkt verstarb - man wundert sich nicht. Das Private ist in "Bin Jip" kein Ort der Intimität, sondern der Einsamkeit, ein Gefängnis.

Tae-suk ist der einzige freie Mensch in dieser engen, obsessiv sich abgrenzenden Umgebung, er ist aber nicht gesellschaftsfähig. Was er macht, ist für die meisten beängstigend. Er muss erst die Fähigkeit entwickeln, unsichtbar zu sein, um überleben zu können. Es zeichnet auch Kims Filme aus, dass er am Ende seiner extrem pessimistischen Erzählungen diese Möglichkeiten erlaubt und so die Zuschauer mit dem Akt des Erzählen selbst konfrontiert und die Fantasie als rettendes Handlungselement einführt. Man kann es als positiven Abschluss des Films sehen, doch dieser eigenartige Optimismus lässt einen eher ratlos zurück.