Home

  E-Mail

  Impressum

  Haftung

  Mitarbeit

  Über uns

  Themen

  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Die portugiesische Reise
"Diese portugiesische Reise ist eine Geschichte. Die Geschichte eines Reisenden innerhalb der Reise, die er gemacht hat, die Geschichte einer Reise, die einen Reisenden in sich trägt, die Geschichte einer Reise und eines Reisenden, vereint einer bewussten Verschmelzung dessen, der sieht, und dessen, das gesehen wird, eine nicht immer friedliche Begegnung von Subjektivem und Objektivem."

So beginnt José Saramgo seine portugiesische Reise, die er dem Urreisenden aller Portugiesen, Almeida Garrett, widmet. Garretts "Viagens na minha terra" gehören zu den Klassikern der portugiesichen Literatur. Saramago hat sich die Messlatte für seine eigenen Reisen sehr hoch gelegt. Um es vorwegzunehmen, es ist dem Reisenden nicht gelungen, ein neues Standardreisewerk zu schreiben. Saramagos Reise ist eine regelrechte Hetze durch alle Dörfer, Landstriche und Städte Portugals. Er startet an der spanischen Grenze bei Miranda de Douro, im Nordosten und fährt mit dem Auto alles ab, was die Landkarte hergibt. Er besichtigt Kirchen, Museen, Kirchen, Schlößer, Kirchen. Vor allem Kirchen.

Seine Beschreibung der Universitätsstadt Coimbra bringt seine Intentionen auf den Punkt: "Hätte der Reisende genügend Zeit, würde er sich auf die Suche nach dem eigentlichen Coimbra machen, die Universität dort oben vergessen und in die kleinen Häuser an der Couraça de Lisboa und in den engen Seitengassen hineingehen, sich mit den Leuten unterhalten und hinter ihre Masken schauen." Ja, hätte er sie vergessen, die Universität, die Kirchen, die Geschichte. Hätte er von den Menschen erzählt, er hätte etwas Leben in das Buch gebracht. Was ihn von Garrett unterscheidet, ergibt sich in einem weiteren Zitat. Saramago zitiert im ersten Kapitel sein großes Vorbild: "An dieser Stelle sollte man sich den Meister aller Reisenden in Erinnerung rufen, der, als er nach Azambuja kommt, mit seinen Worten sagt: 'Man eilt, in einem eleganten Haus abzusteigen, das die drei Bereiche Hotel, Restaurant und Café in sich vereint. Heiliger Himmel! Welch eine Hexe an der Tür! Welch ein Loch! Da fällt einem ja die Feder aus der Hand.'" Es ist bezeichnenterweise eine der seltenen Stellen in Saramagos Buch, die lebendig wirken.

Beinahe emotionslos und stets routiniert fährt Saramago seine Strecke ab, betet historische Fakten und Ereignisse herunter, verliert sich manchmal in seinen melancholischen Reflektionen über Landschaften und sich selbst, scheint sich alles in allem wenig für die Menschen zu interessieren. Oder besser gesagt, er verweigert dieses Interesse dem Leser. Der Reisende unterhält sich nämlich erstaunlich häufig mit Einheimischen, schreibt dann aber wie im folgenden Zitat: "Der Reisende hat noch Zeit, auf das Summen der Bienen zu horchen (...) als eine Dame erscheint und sich nach seinem Anliegen erkundigt. Sie ist die Nichte von Camilos Urenkel, eine sehr zuvorkommende Frau, die die Fragen des Reisenden ausgiebig beantwortet. Zu beider Füßen fließt ein Rinnsal und die Bienen summen weiter." Was der Reisende gefragt hat, was sie geantwortet hat – man erfährt es nicht!