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  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Alt, geliehen, neu und blau
Die Grenzen zwischen Oberfläche und Abgründen oder Normalität und Geisteskrankheit haben die Dogma-Regisseure oft zu verwischen, wenn nicht sogar umzukehren versucht. Natasha Arthys Film beginnt konsequenterweise in der Psychiatrie. Dort steht Katrine vor einem Spiegel und übt ihr Geständnis, dass sie ihrer Schwester Mette überbringen will: Sie möchte in einigen Tagen ihren Freund Jonas heiraten. Mette ist in der Psychiatrie, seit ihr Freund Thomsen sie vor einiger Zeit sitzen gelassen hatte und nach Afrika abgehauen war. Sie wartet seither in tiefster Depression auf seine Rückkehr.

Katrine hat Angst, ihr vom eigenen Liebesglück zu erzählen. Die Furcht vor der verletztenden Wahrheit bringt sie allerdings in weitere schwierige Situationen. Denn auch gegenüber Thomsen ist sie unehrlich. Der steht plötzlich vor ihrer Tür und erklärt, er habe einen HIV-Test gemacht. Katrine solle für ihn das Ergebnis erfragen. Der Test ist positiv, aber das verschweigt sie. Und ihrem künftigen Ehemann Jonas sagt sie nicht, dass sie mit Thomsen eine Affäre hatte. Es ist also eine Welt aus Lügen und Trug.

Es kommt die Nacht vor der Hochzeit und jeder tut, als sei alles in Ordnung und als ginge das Leben seinen gewohnten Lauf. Doch die Lügen und die Verschwiegenheit können schließlich nur noch im Exzess ertragen werden. Katrine schluckt mit Thomsen Ecstasy-Pillen, lässt sich im Highzustand Rastalocken drehen und landet nach einer gescheiterten Entführung Mettes im Gefängnis. Jonas feiert ekstatisch seinen Junggesellenabend und schläft nackt unter Katrines Hochzeitskleid neben seinem besten Freund seinen Vollrausch aus. Die Nacht kommt einer Läuterung gleich, die am Morgen der Hochzeit das Leben aller Beteiligten endgültig ändern wird. Es wird für alle eine Umkehr ihrer verlogenen Existenz.

Natasha Arthys Kinodebüt 'Miracle' erzählte die Geschichte eines Jungen, der sich alles Erdenkliche durch Zauberei herbeiwünschen kann, dann aber doch das Glück in jenen Dingen findet, die sich mit menschlichen Mitteln erreichen lassen. Auch in 'Alt, neu, geliehen und blau' versuchen die Figuren ihr Glück auf einem für sie möglichst bequemen Weg zu finden. Die ständige Bedrohung, dass alles jeden Moment zusammenbrechen kann, kulminiert in der ausschweifenden Nacht. Das Ende ist für alle dann der lang ersehnte, gewaltige Befreiungsschlag.

Was die Dogma-Filme schon aufgrund ihrer Regeln, nur auf am Drehort vorhandene Requisiten zurückzugreifen, auszeichnet, ist ein außerordentlich überzeugender Realismus. Und was die dänischen Regisseure auszeichnet, ist ihr Gespür für die Technik, mit der sie arbeiten. Wie Lars von Trier, Thomas Vinterberg und Lone Scherfig weiß auch Natasha Arthy diese Erzählmittel sehr behutsam einzusetzen und damit in den dramatischen Momenten eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Gefühle werden nicht übertrieben dargestellt. Die Figuren wirken authentisch, und auch der ständige Wechsel zwischen Komödie und Drama ist glaubwürdig.