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  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Der Schwarm
Frank Schätzing schildert in "Der Schwarm" eine Beinahe-Apokalypse mit Millionen von Opfern. Leon Anawak, ein von den Inuit abstammender kanadischer Walforscher wartet an der Küste bei Vancouver beunruhigt auf vorbeiziehende Wale, die dort jährlich immer zur gleichen Zeit gesichtet werden. Als sie verspätet eintreffen, benehmen sie sich ungewöhnlich. Sie bringen Walbeobachtungsschiffe und Fischerboote zum Kentern, die herausgestürzten Passagiere werden gezielt getötet.

Zur gleichen Zeit beschäftigt sich in Norwegen der Meeresbiologe Sigur Johanson mit eigenartigen Würmern, die die staatliche Ölbohrfirma bei der Suche nach neuen Grabungsstellen entdeckte. Wissenschaftler bemerken verblüfft, dass die Würmer sich grundlos ins Eis einbohren und dort verenden. Erst spät bemerken sie, dass dahinter eine Strategie steckt, die einen Tsunami auslöst, der sämtliche Küstenstädte in Nordeuropa zerstört.

Unter Führung des US-Militärs tagt in Kanada ein Krisenstab mit renommierten Wissenschaftlern aus der ganzen Welt. Johansson kommt dort zu dem Schluss, dass nur intelligente Wesen die Angriffe geplant haben können. Diese Wesen, denen er den dadaistischen Namen Yrr gibt, sind älter als die Menschheit und lebten bisher zurückgezogen im Tiefmeer. Sie haben eine Zivilisation aufgebaut, deren Technologie ausschließlich organisch aufgebaut ist. Aus diesem Grund sind in der Lage, Tiere als Waffen für einen Krieg zu züchten.

Auf einem riesigem Forschungsschiff, der umfunktionierten USS Independence, erkennen die Wissenschaftlicher, dass es sich bei den Yrr um Einzeller handelt, von denen jede einzelne das Wissen, das sie über die gesamte Dauer ihrer Existenz gesammelt haben, in sich speichert. Aufgrund dieses Erfahrungsschatzes sind sie den Menschen in jeder Hinsicht überlegen. Die Einzeller schließen sich bei Gefahr zu komplexen Gebilden zusammen, um eine bessere Denkkapazität nutzen zu können. Ihre Angriffe gleichen jedoch zunächst Experimenten, da sie vom Landleben bisher wenig wissen und erst mit jedem Versuch hinzulernen.

Während Anawak mit den Yrr kommunizieren. Währenddessen plant das US-Militär eine zweite, gefährliche Strategie, um die Yrr zu vernichten. Die Wissenschaftler, die eine friedliche Ko-Existenz vorziehen, müssen sich am Ende auch mit US-Generalin Judith Li, der Leiterin des Krisenstabs, auseinandersetzen.

Inhaltlich schwach ist der Roman in jenen Szenen, in denen Schätzing durch Details aus dem Privatleben seinen beiden Hauptfiguren Anawak und Johansson mehr Tiefe verleihen möchte. Ausgerechnet im letzten Drittel des Romans, in dem sich die Krise auf einem Höhepunkt befindet, lässt Schätzing seine Hauptfigur Anawak eine Selbstfindungsreise in seine Heimat unternehmen, die er wegen einer familiären Katastrophe seit seiner Kindheit gemieden hatte. Zwar ist die Schilderung seiner Reise durch das Eis durchaus anschaulich, doch die Dialoge sind allzu esoterisch, zudem fügt Schätzing dem Roman damit unnötige Längen hinzu.

Der Autor macht keinen Hehl aus der Absicht, die Menschen über die von ihnen angerichteten Umweltschäden aufzuklären. Den Krieg beginnen die Yrr, weil sie sich von dem Müll, den die Menschheit im Meer verschüttet, in ihrem Lebensraum bedroht fühlen. Die angerichteten Schäden, die Schätzing beschreibt, sind durchaus realistisch. Allerdings lässt der Autor alle Protagonisten, denen er längere Monologe erlaubt, über diese Umweltsünden berichten. In diesem Momenten verlieren die Figuren ihre charakterliche Individualität, da die Stimme des Autors allzu deutlich in den Vordergrund gerät.

Gelungen ist Schätzing indes der Mix aus gegenwärtigen Forschungsstand und Science-Fiction, der ihm mühelos und weitgehend ohne logische Brüche gelingt. Neu sind die Yrr nicht - sie erscheinen eine Art Best of bisheriger Science-Fiction, allen voran Stanislaw Lem und Lovecraft. Lem beschreibt in "Die Unbesiegbare" ein Maschinenwesen, dass ähnlich wie die Yrr funktioniert. Es besteht aus Tausenden winziger Teilchen, die sich bei Gefahr zu einem Ganzen zusammensetzen. Nur sind sie weder organisch noch reagieren sie kreativ. Aber auch Lem nennt diese Wesen "Schwarm" (jedenfalls die deutsche Übersetzung).

Die Behandlung eines sehr interessanten Aspektes, die Begegnung mit einer völlig fremden Zivilisation, erinnert ebenfalls an Lem. In dessen "Solaris" müssen die Forscher erkennen, dass Menschen sich bei der Suche nach Fremdem eigentlich immer sich selbst sehen und sich deshalb in abweichende Zivilisationen nicht eindenken können. Diese Diskussion findet ähnlich unter Schätzings Wissenschaftlern statt.

Auch der bizarre und Leben nachahmende Ozean in "Solaris" fließt ein Stück weit in die Yrr ein, denn wie er bilden auch die Yrr trichterförmige Gebilde, wenn auch bei Lem wiederum weitschweifige Erklärungen ausgespart sind. Die Idee, eine Zivilisation lebe auf der Erde, die intelligenter und älter als der Mensch ist, ist eine Grundannahme in den meisten Erzählungen von Lovecraft.

Dennoch ist "Der Schwarm" kein Plagiat – Schätzing formt aus diesen Bilder geschickt ein neues und setzt es in einen aktuellen Kontext. Es ist letzten Endes vor allem diese Einbettung der alten Ideen in den Konflikt um Energiegewinnung, die Schätzings Roman aus der Masse der jährlich publizierten Thriller herausheben lässt.

In den wissenschafltichen Schilderungen, besonders in den durchaus beeindruckenden, bildhaften Meeresbeschreibungen liegt seine zweite große Stärke. Schätzing ist leidenschaftlicher Taucher - das Meer ist also seine Welt.

Nicht zuletzt ist angesichts der Ängste um eine massive existentielle Bedrohungen unserer Zivilisation durch Terrorismus und Klimawandel "Der Schwarm" ein Dokument einer paranoiden Zeit.