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  a Vela - das Kunstmagazin
09.09.2010
Astronaut Farmer
Astronaut Farmer scheint wie gemacht für das US-amerikanische Kino, dessen Industrie sich doch selbst als "Traumfabrik" betitelt. Die Geschichte klingt so romantisch wie berechenbar: Ein ehemaliger Astronautenanwärter, der seine Ausbildung nach dem Tod seines Vaters abbrach, um dessen Farm zu übernehmen, träumt noch immer davon, einmal in den Weltraum zu fliegen. Da man bei der NASA nichts mehr von ihm wissen will, beschließt er kurzerhand, auf seiner Farm eine Rakete zu bauen. Als er große Mengen Treibstoff bestellen will, ruft das die Bundesbehörden auf den Plan: Sie vermuten einen Terrorakt. Den Flugsicherheitsbehörden ist der Farmer ebenfalls nicht geheuer. Sie fürchten, dass der Einzelgänger sie blamiert, da er im Eigenbau etwas schafft, wofür die NASA Millionensummen ausgibt.

Charlie, so der Name des Eigenbrötlers, hat ein zweites Problem, denn der Bau der Rakete verschlingt sein ganzes Privatvermögen. Darunter leiden seine Frau und die drei Kinder. Doch die halten bis auf eine kurzzeitige Krise zu ihm, selbst als die Medien auflaufen, um den Alltag der Familie zu filmen. Als es danach aussieht, als würde Charlie auf ganzer Linie scheitern, steigt er in seine Rakete und baut einen aufsehenerregenden Unfall. Er will aufgeben, aber seine Familie motiviert ihn, die Rakete wieder aufzubauen.

Regisseur Michael Polish, der mit seinem Bruder Mark auch das Buch verfasste, kommt aus der Independent-Filmszene und versteht es folglich, das relativ geringe Budget dem Film nicht anmerken zu lassen. Er setzt voll und ganz auf die Familiengeschichte, die bis zum Schluss eng zusammen hält und das Projekt erfolgreich gegen alle Widerstände durchzieht. Es ist ein Familienfilm, wie alle Darsteller betonen und daher hat er mit Science-Fiction eigentlich nichts zu tun - die Tatsache, dass da jemand mit einer selbstgebauten Rakete die Erde mehrmals umrundet, hat eher etwas von einem Märchen.

Insgesamt ist diese Mischung aus Familiegeschichte und Selbstverwirklichung leider ziemlich banal - hätte Polish nicht eine ausgezeichnete Darstellerriege. Billy Bob Thornton macht seine Sache als sanfter, aber hartnäckiger Farmer hervorragend, Virginia Madsen als Ehefrau Audrey ebenso. Bruce Dern ist in der Rolle von Audreys Vater sehenswert, Bruce Willis in einem seiner unendlich vielen Cameo-Rollen gewohnt souverän.

So plätschert der Film dahin, die gesamte Handlung vorhersehbar, aber man schaut diesen Leuten ganz gerne zu und freut sich mit, wenn Farmer sein Happy End auch bekommt. Der Weltraum erscheint in seiner Größe als Metapher grenzenloser Freiheit, als Versinnbildlichung großer Träume, ganz so wie die Space-Nationen ihre Raumfahrtpioniertaten einst euphorisch vermarkteten. Amerika hat den Mut zum Träumen verloren, so die Botschaft. Aber die satirischen, bissigen Seitenhiebe auf die Gegenwart relativieren diesen leichten Hang zum Kitsch wieder. Ein Weltraumfilm, der eigentlich keiner seiner will und trotzdem besser ist, als viele "echte".





Lautlos im Weltraum
Douglas Trumbull hat selbst wenige Filme gedreht - meist war er für die Special Effects zuständig und in diesem Gebiet wurde er mehrfach ausgezeichnet. Fast alle Film, an denen er mitwirkte, wurden zu Klassikern: "2001", "Andromeda", "Unheimliche Begegnung der dritten Art", "Star Trek: Der Film", und "Blade Runner". "Lautlos im Weltraum" war 1971 seine erste von bisher erst zwei Regie-Arbeiten (Projekt Brainstorm folgte 1982) und beide waren kommerzielle Flops, wenn auch von der Kritik zumindest eine gewisse Anerkennung fanden.

"Lautlos im Weltraum" spielt in einem Raumschiff, das mit riesigen Gewächshäuser durch den Weltraum fliegt. Die Pflanzen und Bäume, die dort gezüchtet werden, sollen irgendwann wieder auf die von Atombomben verseuchte Erde zurück. Doch das Projekt ist aufwändig und teuer, und die Menschen haben sich an künstliche Nahrung gewöhnt. Insofern sind die Besatzungsmitglieder erleichert, als die Projektleitung entscheidet, das ganze Projekt abzublasen und die Gewächshäuser mit Atomsprengköpfen zu sprengen. Freeman Lowell, der die Pflanzen acht Jahre lang pflegte, allerdings kann die Entscheidung und die Reaktion seiner Kollegen nicht nachvollziehen. Ehe das vorletzte Gewächshaus gesprengt wird, tötet er seine Kollegen und flieht mit dem letzten Gewächshaus, in dem er eine technische Panne vortäuscht. Als ihn ein Rettungsschiff bergen will, lässt Lowell die letzten Pflanzen mit den Robotern wegfliegen und sprengt sich selbst mit der verbliebenen Bombe.

Der zutiefst technologie-skeptische Film beschreibt eher beiläufig, was aus der Welt geworden ist: die Menschen haben sich mit ihrem neuen Leben arrangiert und keine Sehnsucht mehr nach der Erhabenheit der Natur. Lowell ist ein romantischer Einzelgänger, der eine völlig technologisierte Welt nicht akzeptieren möchte. Doch sein Gegenkonzept geht nicht auf: Sein Garten Eden verschwindet im All, ausgerechnet Roboter sollen ihn retten. Die Aktion dient eher seinem Seelenfrieden kurz vor dem Selbstmord, als dass sie eine Gegenbewegung einleiten kann.

Dass der Film beim Publikum nicht ankam, liegt vor allem an der mangelnden Dramaturgie. Der Film beschreibt detailliert das idyllische Zusammenleben von Lowell mit den zu Gärtnern umprogrammierten Wartungsrobotern und der Pflanzen- und Tierwelt und überbrückt so einen großen Teil der Zeit, ohne inhaltlich weiterzukommen. Er bleibt weitgehend spannungsarm, da die Konflikte bereits früh klar sind und das zu erwartende Ende nicht mehr überrascht. Dank Ausstattung und guter Darsteller ist er dennoch interessant.





Krieg der Welten
Der Angriff der Marsianer in H.G. Wells "Krieg der Welten" (1898) gilt gemeinhin als eines der Gründungswerke der modernen Science-Fiction-Literatur und somit auch als Vorbild vieler späterer Weltuntergangsvisionen. Inzwischen ist der Stoff eher aus den beiden Verfilmungen von Byron Haskin (1954) und Steven Spielberg (2005) bekannt, oder aber durch das gleichnamige Hörspiel (1938) von Orson Welles, dessen Übertragung in den USA eine Massenpanik auslöste.

Protagonist von H.G. Wells Roman ist im Gegensatz zu den Filmen (Arbeiter, Wissenschaftler) ein Moralphilosoph, der sich nebenbei für Astronomie interessiert und schon früh bei einem Bekannten durch ein Teleskop beunruhigende Veränderungen auf dem Mars beobachten kann. Es scheint, als würde man von dort auf die Erde schießen, doch zunächst passiert wenig. Dann aber landet ein eigentümlicher Zylinder in dem englischen Ort Woking, in dem der Protagonist lebt (und auch Wells lebte).

Am Landungsort versammelt sich eine neugierige Menschenmenge und beobachtet den Zylinder, der sich zu bewegen, zu öffnen scheint. Bald ist der Deckel ab und die Marsianer kommen zum Vorschein, häßliche Wesen, die nur aus Kopf und Tentakeln bestehen. Sie töten jeden, der sich ihnen nähert. Schließlich bauen sie in aller Ruhe gigantische Vernichtungswaffen, dreibeinige Kampfmaschinen, die mittels Hitzestrahlen alles Leben verbrennen. Später verwenden sie als Waffe ein weniger aufwendiges Giftgas. Einige Menschen sammeln sie aber nur ein, um ihr Blut durch Transfusion in sich aufzunehmen. Als zusätzliche Nahrungsquelle pflanzen sie ein rotes, sich schnell ausbreitendes Getreide, das bald die ganze Region bewächst.

Der Protagonist schildert akribisch den allmählichen Zerfall in die Barbarei. Die Menschen sind den überlegenen Wesen völlig ausgeliefert, versuchen zu fliehen oder sich wie Ratten im Untergrund zu vestecken, wobei zwischen ihnen ein brutaler Überlebenskampf entbrennt. Die Marsianer rücken indes langsam, aber konsequent bis London vor und zerstören die gesamte Infrastruktur, Tausende sterben. Mit dem Vormarsch der Invasoren breitet sich auch das rote Gewächs aus und nimmt den irdischen Pflanzen ihren Lebensraum.

Gestoppt werden die Invasoren nicht durch Waffen, sondern durch Bakterien - die Marsianer fallen einer Krankheit zum Opfer, gegen die die Menschen längst immun geworden sind. Das Leben in und um London beginnt nach kurzer Zeit allmählich zwischen Leichen und Ruinen wieder seinen normalen Lauf zu nehmen.

Der Roman ist vor allem eine Satire am Imperialismus. Die Marsianer behandeln die Menschen wie Insekten, denen sie mit Giften zuleibe rücken. Sie haben nicht das geringste Interesse an einem Dialog. Die Erde greifen sie an, weil Ihre Planet ausgeblutet ist und dem Untergang geweiht. Sie suchen neuen Lebensraum und vernichten dabei den der anderen. Die ständigen Vergleiche der Menschen mit Tieren machen die Verhältnisse deutlich, die zwischen Marsianer / Kolonialherren und Menschen / Opfern herrschen.

Der Untergang erfüllt bei Wells eine sehr genaue Funktion, eine Umkehr dessen, was die Menschen anderen angetan haben, anderen Kulturen oder Tieren. Keine göttliche Intervention, keine Naturkatastrophe, keine Epidemie - sondern ein rationaler, gewollter Vernichtungsfeldzug. Das allein ist in seiner Konsequenz beeindruckend, allerdings sind die Bilder der Ohnmacht, der Massenpanik und der Ängste die bemerkenswertesten Stellen in diesem Roman. Der Bruder des Protagonisten schildert in mehrern Kapiteln seinen Fluchtversuch aus London. Die Menschen drängeln sich auf die verstopften Straßen, wer hier Schwäche zeigt oder die Masse aufhält, wird von ihr verschluckt. Am Wegerand sammeln sich die Sterbenden. Der Bruder bemüht sich, seine Menschlichkeit zu wahren, doch das ist aussichtslos. Schließlich bleibt ihm nur selbst der schnelle Rückzug aufs Meer - er zahlt Unsummen, um sich und zwei Begleiterinnen auf ein Schiff zu retten.

Dann beschreibt der Protagonist seinen eigenen Überlebenskampf, sein ständiges Verstecken, sein Kampf um Nahrung, seinen erst körperlichen und schließlich geistigen Zerfall. Er will Hunde töten, um sie zu essen, er erschlägt einen Geistlichen, der in den Wahnsinn gefallen ist und ihr gemeinsames Versteck zu verraten droht. Diese Stellen im Roman haben zahlreiche Schilderungen in Katastrophenromanen und -filmen bis heute beeinflusst.

Steven Spielbergs Verfilmung kommt Wells in vielen Szenen erstaunlich nahe: die Ohnmacht, die Panik vor den Kriegsmaschinen bleibt auch in der Modernisierung des Stoffes nachvollziehbar. Auch wenn Spielberg eine für ihn typische familiäre Selbstfindungsgeschichte einbaut, hat er den pessimistischen Ton des Originals erheblich besser getroffen als Haskin 1954, obwohl auch dessen Film sehenswert ist. Dass am Ende die Bakterien oder Viren die Invasion stoppen, kommt bei Spielberg allerdings etwas unvermittelt. Auf diese ironische Wendung arbeitet Wells durch ständige Anspielungen auf die Lebenshierarchien hin - im Film wirkt das arg aufgesetzt.

Abgesehen davon hat man hier den ganz seltenen Fall, dass ein Roman, eine Hörspielfassung und zwei Verfilmungen allesamt Klassiker geworden sind und nicht nur dieses Genres.